Und viel zu viele Minuten hatte er mit der Antwort gezögert, um noch als Priester mit einem Donnerworte der gerechten Entrüstung loszubrechen — — mit diesem Schweigen hatte er den Priester abgelegt — den Pfaffen angezogen. — Es war ein historischer Moment in seinem Leben. —

Er begab sich nach der Hauptstadt und es gelang ihm nicht ohne Mühe, den Erzbischof für die Idee mit dem Briefe zu gewinnen, und dieß nur dadurch, daß er sie weniger als einen Prüfstein der anscheinend gebesserten Gesinnungen Korbach’s, als vielmehr als eine diesem dargebotene Gelegenheit, sie auf solenne Weise auszusprechen, darstellte. Während er Arnold’s Rückkehr erwartete, wurde er durch die Nachricht, daß der Prälat nur noch Stunden zu leben habe, nach St. Martin gerufen.

Er fand ihn bereits in der Todtenkapelle. Wahrer, tiefer Schmerz lag auf den Gesichtern der Geistlichen, die um ihn beteten. Als der Prior mit offizieller Trauermiene an den Sarg trat, niederkniete, ein Gebet sprach, den Todten mit Weihwasser besprengte, erschienen ihnen die Tropfen auf dem biedern Antlitz des geliebten Herrn wie Thränen um die gute alte Zeit des Waldklosters.

Der Prior begab sich auf sein Zimmer, berief Einen seiner Vertrauten und ließ sich über die letzten Tage und Stunden des Verstorbenen berichten. Er vernahm, daß derselbe meistens in halbbewußtlosem Zustande gelegen, in der letzten Nacht aber plötzlich zu voller Besinnung erwacht sei. Er habe Papier und Bleistift verlangt, und mit einer Allen unbegreiflichen Kraft längere Zeit geschrieben, das Papier zusammengefaltet, von einem seiner Lieblinge, dem jungen Pater Leo, siegeln lassen, und die Adresse geschrieben, die Niemand gesehen. Hierauf habe er den Jäger Schellhammer rufen lassen, — als dieser eintrat, alle Anwesenden in das Nebenzimmer geschickt, und einige Minuten mit ihm gesprochen. Der Jäger, der ihm viele Jahre gedient, sei weinend weggegangen. Der Prälat habe nach Mitternacht alle Geistlichen zusammenrufen lassen, sie gebeten, sein Andenken in Liebe zu bewahren, ihm zu vergeben, wenn er einen von ihnen beleidigt, sie gesegnet, — dann still gebetet, und sich hinübergelegt. Sie hätten lange Zeit geglaubt, er schlummere nur. — Unbegreiflich sei ihnen Allen seine Geistesklarheit, nach so langem Siechthum, in den letzten Momenten gewesen.

Pater Bernhard sandte sogleich in die Wohnung des Jägers. Es erschien dessen Frau, welche erzählte, daß ihr Mann, als er vom Prälaten gekommen, schweigend seine Jagdtasche, deren er sich auch auf Reisen und Botengängen bediente, umgehängt, den Stock in die Hand genommen und mitten in der Nacht fortgegangen sei; auf ihre Frage: wohin? habe er nur geantwortet, er komme nächsten Abend zurück. — Der Prior überzeugte sich bald, daß die Frau wirklich nicht mehr wisse, und entließ sie.

Am frühen Morgen traf ein Schreiben des erzbischöflichen Sekretärs an ihn ein, welches lautete wie folgt: „Ich habe die Ehre, im Auftrage Seiner Durchlaucht Hochderen Wunsch zu melden, daß Hochdieselben, wenn es Gott gefallen sollte, den Herrn Prälaten, wie die Aerzte vermuthen, in Bälde abzuberufen, das Kapitel zur Erwählung seines Nachfolgers ungesäumt, ja selbst vor der Bestattung des Verewigten, zusammenberufen, da bekannte Verhältnisse die Wiederbesetzung des Stuhles von St. Martin dringend nöthig erscheinen lassen. Es ist ein neuer Beweggrund, welcher als Ew. Hochwürden bekannt vorausgesetzt wird, unmittelbar nach Ihrer Abreise hinzugetreten. Womit ich die Ehre habe u. s. w.“

Der Prior wußte, daß mit letzterem nur die Antwort des alten Korbach gemeint sein könnte, und gedachte Kollmanns, und dessen richtiger Berechnung. — Er ließ Vormittags sämmtliche Geistliche zu sich berufen, verkündete den Zusammentritt des Wahlkapitels für nächsten Morgen und versäumte nicht, ihnen in einigen Worten seine Beziehungen zum Erzbischofe, so wie Alles, wodurch er bereits früher auf sie gewirkt, zu Gemüthe zu führen.

Im Laufe des Tages kamen zahlreiche Besuche von Bekannten und Freunden des Verstorbenen, und Schaaren von Landleuten drängten sich in die Kapelle, um den allgemein geliebten Herrn nochmals zu sehen. Unter den Besuchern war auch der Bischof von Rothenau, welches Städtchen eine halbe Tagereise von St. Martin liegt. Pater Bernhard, der seinen Besuch erwartet hatte, empfing ihn mit allem Ceremoniell, führte ihn in die Kapelle, und hatte hierauf eine lange Unterredung mit ihm, worin er die Grundzüge der in der Verwaltung des Klosters nothwendigen Veränderungen entwickelte, und ihn um seinen kräftigen Beistand in den bevorstehenden schwierigen Tagen bat. Der Bischof, wohl wissend, daß der Prior nicht ohne seine Gründe zu haben, eine solche Sprache führe, betrachtete und behandelte ihn als künftigen Kollegen, und Pater Bernhard genoß den Vorgeschmack der Würde mit der ganzen Befriedigung, welche die Erstlingsfrüchte jedes Strebens gewähren, und welche durch den Genuß der späteren, wenn gleich reicheren, nicht übertroffen wird.

Als der Bischof sich zur Abreise anschickte, erbat sich der Prior die Ehre, ihn bis nach einem, ungefähr zwei Stunden entfernten Orte zu begleiten, nahm im Wagen des Gastes neben diesem Platz, und ließ den eigenen, zu seiner Rückfahrt, leer nachfolgen.