— — — Der Tag neigte sich zu Ende. Der vergoldete Thurmknopf spiegelte die letzten Sonnenstrahlen zurück, und die letzten Glockenklänge zerrannen im Schweigen des Abends.

Gruppen der Landleute standen unter den Linden im Klosterhofe. Sie sprachen über den verstorbenen Prälaten, machten ihre Bemerkungen über den Prior, von dem sie wenig Gutes erwarteten, — und wie sie eben mit traurigen Gesichtern und Manche mit nassen Augen andächtig und scheu durch die Todtenkapelle am Paradebett vorübergezogen, — gingen sie nun, zuerst Einige, dann Alle, in das dem Klosterthor gegenüberliegende Wirthshaus.

Der Bauer hält in dieser Gegend den Leichenschmaus, auch wenn ihm Weib oder Kind stirbt. Er faßt das Sterben überhaupt anders auf, als der Gebildete: er kennt kein lirisches Raffinement des Sterbens, keine jener Reflexionen, welche wie Schallgewölbe jeden Schmerzenslaut zehnfach verstärken. Der Verstorbene „hat es überstanden, — der Herrgott hat ihn zu sich genommen.“ — Die Arbeit geht fort. —

— Nun wendeten die traurigen Zecher die Blicke nach der Bergstraße, welche von der Waldhöhe über einen Wiesenhang herab nach dem Thore des äußeren, mit einer niedrigen Mauer umfangenen Hofes führt. Der klingende Ton des Radschuhes hatte sie aufmerksam gemacht auf die grüne Kalesche, welche, mit zwei starken schönen Eisenschimmeln bespannt, nach wenigen Minuten durch den Thorbogen rollte, und vor dem Klostergebäude hielt.

Neben dem Kutscher saß der Jäger Schellhammer, welcher absprang und den Schlag öffnete. Ein junges Mädchen im braunen Reisekleide mit rundem Strohhut und blonden Wellenscheiteln war mit leichtem Sprunge am Boden, ohne seiner Hülfe zu bedürfen, und bot nun die Hand dem Vater. — Einige der Landleute waren aufgestanden und umgaben — den alten Korbach, der sie freundlich grüßte. Er kam zwar nur ein- oder zweimal im Jahre nach St. Martin, aber Viele aus der Gegend kannten ihn und nannten den Uebrigen den Namen des Mannes, der seines Karakters und Reichthums wegen in allgemeinem Ansehen stand.

Die Angekommenen schritten zuerst nach der Kirche, wohin sich Helene begab, da ihr nach dem Klostergesetze der Eintritt in die sogenannte Klausur, innerhalb welcher die Wohnungen der Geistlichen liegen, untersagt ist. Sie wartete daselbst, bis sie der Vater nach der Todtenkapelle abholen würde.

Dieser ging durch den Kreuzgang nach dem Refektorium, wo die Geistlichen um diese Stunde zum Abendessen versammelt waren.

Die Tafel nahm nur die Hälfte des langen schmalen Saales ein, dessen andere im Halbdunkel lag. Der alte Korbach trat ein und schritt bis nahe an den beleuchteten Tisch, bevor ihn Jemand erkannte, — nun aber erhoben sich Alle mit dem herzlichsten, freudigsten Gruße, drückten seine Hand, nöthigten ihn zum Mahle. — Er nahm seinen Platz neben Leo, den er als Freund des Prälaten kannte, und sprach: „Ich bin zu mancher Zeit gekommen, meine hochwürdigen Herren, um Ihre Gastfreundschaft zu genießen, heute aber komme ich, um die letzte Pflicht gegen Ihren Prälaten zu erfüllen, mit dem ich zwar selten, aber immer nur in freundschaftlicher Weise im Leben zusammengetroffen. Ich kann seiner Bestattung nicht beiwohnen, da ich morgen in Korbach sein muß und noch in der Nacht zurückfahre. Wenn Sie Ihr Mahl geendet, werden Sie mich zu ihm führen; ich habe meine Tochter mitgebracht, deren Gebet Sie nicht für weniger fromm und gottgefällig halten werden, weil sie nicht der katholischen Gemeinde angehört.“

„Wir halten dafür, sagte Leo, daß jedes Gebet Gott gefällt, das aus reinem Herzen kommt!“

„So ist es!“ riefen Andere. — — Der Prior war ja mit dem Bischof weggefahren. —