Während der wenigen Minuten, welche die Abendtafel noch währte, sagte Korbach leise zu Leo: „Ich möchte die Todtenkapelle am liebsten in Gesellschaft von lauter wahren Freunden des Verstorbenen betreten; ich höre, daß nicht Alle so denken, wie Sie und Gott sei Dank! die Meisten.“
„Die vier hier Fehlenden, welche jetzt bei ihm beten, denken wie wir über ihn, erwiderte Leo, — die Andern, die Sie begleiten werden, waren ihm gleichfalls theuer, die es nicht gut mit ihm meinten, gehen nicht nach der Kapelle, wenn sie nicht die Ordnung des Gebetes trifft.“
Man erhob sich. Korbach ging, von Leo begleitet, nach der Kirche, um Helene zu holen, von dort durch den dunkeln Gang nach der Kapelle, wohin außer den das Stundengebet verrichtenden, noch drei andere Priester gekommen waren.
Die Flammen von dreißig Kerzen durchstrahlten den heilig stillen Raum. — Die Wände waren mit schwarzem Tuche bekleidet; mitten erhob sich auf drei Stufen der Katafalk mit der Leiche in vollem Ornate. Auf den Zügen des Todten lag der volle Gottesfrieden, mit dem der Gerechte entschlummert.
Helene trat an den Sarg, faltete die Hände und sah mit den tiefblauen feuchten Augen nach den festgeschlossenen des Verstorbenen, dann kniete sie an den Stufen nieder und betete.
Die acht Geistlichen standen um sie und den Vater, der gleichfalls einige Minuten in stiller Andacht das Bild des Friedens und der Verklärung betrachtete.
Dann stieg er mit langsamem, festem Schritte die Stufen hinan, stellte sich dicht neben den Sarg, seine Rechte auf die zusammengefalteten Hände des Todten legend, und sprach laut und mit feierlicher Betonung:
„In diesem Raume, meine hochwürdigen Herren, hat wohl nur der geweihte Priester das Recht, sein Wort vernehmen zu lassen“ — die Geistlichen näherten sich aufmerksam und schweigend. — „Wenn ich spreche, so ist es, weil der Mund dessen, für den ich spreche, für immer geschlossen ist.“
„Was ich Ihnen mittheile, ist so heilig, wie irgend ein Gebet, es ist das letzte Wort, das der Verblichene an Ihren würdigen Bruder, den Pfarrer von Korbach gerichtet hat, — mit welchem er ihm und Ihnen Allen sein letztes Lebewohl sagt.