„Es sind die Zeilen, die er auf seinem Sterbebette geschrieben, in der Nacht seines Todes abgesendet, eine Stunde ehe dieses von echter Christentugend erfüllte Herz stillgestanden. Ich bin, Sie wissen es, Keiner von denen, welche vor manchen strengen Augen Gnade finden, — man nennt mich einen Freigeist, aber, daß Gott dem Manne, der durch Monate so selten sein volles Bewußtsein hatte, in der letzten Stunde die Kraft verlieh, seine Gedanken, sein Gebet für Sie in so herrlichen Worten niederzuschreiben, das ist nach meinem Gefühl und Glauben ein Wunder im wahren Sinne und ein Zeichen, daß ihm diese Gedanken wohlgefällig waren.

„Vernehmen Sie den Inhalt dieses Schreibens, das ich Ihnen gegen den Willen des Empfängers — aber im Geist und Sinne dessen mittheile, den Sie mit mir beweinen!“

Kein Athemzug war vernehmbar. Alle Blicke hingen an den Zügen des Mannes, dessen imponirende Gestalt höher, dessen Stimme bewegter wurde, als er das Papier entfaltete und las:

„Mein theurer, innigst geliebter Bruder! Nach wenigen Stunden werde ich Rechenschaft ablegen über mein Amt, vor dem Throne dessen, der es mir verliehen. Durch Sie bitte ich Alle, die meiner Obhut vertraut waren, mir ihre Liebe zu bewahren. Ich scheide mit dem innigsten, heißesten Danke für ihre Treue, und wenn mich Gott aufnimmt in die Wohnung des Lichtes, so werde ich ihn um Beistand bitten in den schweren Zeiten, die ihnen bevorstehen. Meine Brüder werden den ersten Kampf zu bestehen haben bei der Wahl meines Nachfolgers. Mögen sie muthig an ihrer Ueberzeugung festhalten, unbekümmert um Menschengunst und Drohung. — Sie, mein geliebter Valentin, werden vielleicht von den meisten Brüdern als der Würdigste erkannt werden, wie ich Sie dafür erkenne und vor dem Allmächtigen nennen würde, wenn er mich von seinem Throne fragte, wer soll Hirt meiner Herde sein. — Und somit werden Sie wenigstens Eine Stimme für sich haben, die aber auf Erden nicht zählt! Wenn aber unter den Brüdern, was ich zu meiner Beruhigung im Sterben glaube, Mancher ist, der so denkt wie ich, so werden sie muthig und treu im Tode zu mir halten, wie es Alle im Leben gethan!“

Mit flammendem Auge, kraftvoller und doch vor Erregung zitternder Stimme hatte Korbach die letzten Worte gesprochen.

Nun legte er den Brief auf die Brust der Leiche und schloß: „Ich habe Ihnen, meine hochwürdigen Freunde, hiemit die letzte Bitte Ihres in den Frieden vorangegangenen Herrn und Vaters vorgetragen, meine Pflicht gegen ihn ist erfüllt.“ —

Dann stieg er die Stufen herab, faßte die Hand der Tochter, die bewundernd und ergriffen den Vater unverwandt angeblickt, den sie nie mit so hinreißender Begeisterung sprechen gehört, — und wollte die Kapelle verlassen; da trat Leo vor ihn hin und sagte: „Nehmen Sie die Ueberzeugung mit, daß mehr als Einer treu und muthig zu dem Verklärten hält!“ „Wir, wir Alle halten zu ihm!“ tönte es durch den Raum — ein achtfacher Widerhall der Einen Stimme, — die auf Erden nicht zählte. — — — — — —

Der grüne Wagen rollte wieder durch das Klosterthor, den Wiesenhang hinan, — in den Tannenwald, — fort durch die sternenhelle Nacht.

Helene hatte den Arm um den Vater geschlungen und küßte ihn mit Innigkeit. — „Ich habe gesprochen, wie es vom Herzen kam, sagte er, und ich hoffe, es ist zum Herzen gegangen; das sind aber acht, — und im Kapitel werden vierundzwanzig stimmen.“ —

Im Augenblicke, wo dieß gesprochen wurde, waren es nicht mehr acht. —