Die in der Kapelle anwesenden Geistlichen hatten als unwiderstehliche Waffen ihre Ueberzeugung und den Brief des geliebten Herrn, der die Kraft eines letzten Willens für sie hatte, und den sie Andern mittheilten. Nur über einfache, schlichte Gemüther konnte die Stimme des Todten diese Gewalt haben, mußte sie aber auch haben: ein Abfall von ihm erschien ihnen als eine so feige Sünde, als ein so schändlicher Hochverrath an der heiligsten, durch viele Jahre mit Liebe erfüllten Pflicht, daß sie lieber allen zeitlichen Gefahren und Bedrängnissen ins Auge sehen wollten. —
— Etwa eine Stunde nach Korbachs Abreise kehrte der Prior ins Kloster zurück. — Er erfuhr, daß derselbe angekommen, in der Todtenkapelle gewesen und wieder abgereist sei — mehr nicht. — Die acht Priester mußten keine Unwürdigen ins Vertrauen gezogen haben.
Bernhard sah in der dem Verewigten dargebrachten Huldigung nur einen neuen Beweis jener Gesinnung, die er wünschte. Er begab sich nach seiner Wohnung, wollte ruhen, doch heftige Aufregung verbannte den Schlaf von seinem Lager. —
Er trat ans Fenster und sah mit klopfendem Herzen in die ruhige klare Nacht hinaus. Unter ihm glänzten im aufgehenden Mond die Dächer des Meierhofes, die Wiesen und Felder... „Dieß Alles soll dein sein — hatte der Satan zu ihm gesagt, — wenn du niederkniest und mich anbetest“ — Er hatte ihn angebetet, — und ehe der Mond wieder heraufstieg, mußte dieß Alles sein werden! —
Es gibt keinen größeren Sprung von Nichts zu Allem, von Unterwürfigkeit zur Herrschaft, von Beschränkung zu unermeßlichem Reichthume, von dunklem, unbeachteten Dasein zu glänzender hoher Würde, als in dem Augenblicke geschieht, wo die Stimmzettel eröffnet werden und aus der Mitte der Brüder der Eine, der bisher ihresgleichen, als ihrer Aller Herr hervortritt, vor dem sie sich beugen bis an das Ende seines Lebens.
Der Prior begrüßte die Sonne noch wach. Nur eine kurze Stunde fieberhaften Schlummers ließ ihn in wirren Bildern das nächste goldne Ziel, — ließ ihn auch ein fernes träumen, zu dem nun die erste Stufe erklommen. —
— — Am Abende desselben Tages aber stand vor dem Pfarrhofe in Korbach das schäumende, schweißbedeckte Pferd des Boten, welcher Valentin einen Brief von Leo überbrachte. Er trug die Aufschrift: „An den hochwürdigsten Abt des Klosters Sankt Martin.“
Neun Priester hatten für den Prior gestimmt und fünfzehn mit dem Todten für Valentin.