Der Fehdehandschuh, welchen Arnold’s Vater der Konkordatpartei hingeworfen, war kein Glacéhandschuh, sondern einer von dickem Elennsleder mit Eisenschienen und Platten, dessen Klirren durch die teppichverhangenen Kabinetsthüren der geistlichen und weltlichen Minister, in die Boudoirs der frommen Damen, ja bis in den Vatikan drang, da dem Korbacher Metallfabrikanten die Ehre widerfuhr, zum Gegenstand einer, am Tage nach der Wahl abgegangenen, telegrafischen Chiffredepesche des Nunzius zu werden. — Doch nicht die oberen Lüfte wurden von dem unerhörten Ereignisse aufgewirbelt, auch die unteren geriethen in Bewegung, natürlich in entgegengesetzter Richtung. —
So dicht der Schleier war, welchen die verschwiegene Treue der für Valentin stimmenden Geistlichen bis zum Momente der Wahl über den Vorgang gezogen, so wurde er doch unmittelbar darnach gelüftet, und es hätte nicht des Schreibens Helenens bedurft, welche Arnold in glühenden Farben das Geschehene erzählte, um ihn von den Einzelnheiten zu unterrichten.
Er vernahm sie mit wahrem Entzücken und eilte zu Günther, natürlich zu spät, um demselben eine Neuigkeit zu bringen, da ihm dieser nebst einigen Arnold unbekannten Details erzählte, daß der Hofarzt Doktor Siebenberg nach St. Martin telegrafirt worden sei, um den Prior, welcher nach Eröffnung der Stimmzettel aus dem Kapitelsaale getragen werden mußte, der Menschheit zu erhalten. —
Günther goß einige kalte Ströme in Arnold’s Freudenfeuer. „Ihr Herren von Korbach“, sagte er, „seid umgekehrte Don Quixotes. Dieser hielt die Windmühlen für Riesen, und Ihr schlagt mit Euern Messingstangen auf Riesen los und haltet sie für Windmühlen. Fürs Erste müßten sie mit ihrem kanonischen Recht, welches nach Umständen bald von Gußeisen und bald von Kautschuk ist, schlecht umzuspringen wissen, wenn sie nicht den ganzen neuen Prälaten, sammt allen seinen Stimmen aus der andern Welt, über den Haufen würfen. Fürs Zweite könnt Ihr nun warten, bis Ihr von einer landesfürstlichen Behörde eine jener großen Bestellungen bekommt, welche Euch eigentlich zu Millionären gemacht haben. Endlich — und das ist das Wichtigste von Allem, und ich hätte dich jedenfalls noch heute aufgesucht um es dir mitzutheilen — ist Etwas vorgefallen, was nun wenigstens auf einen Theil der gegen Euch spielenden Maschine helles Licht wirft. — Ich war gestern mit dem Notar Reichl zusammen, und brachte das Gespräch auf das Korbachthal. Du kennst das Altenberger Metallwerk, welches — merke wohl, um fünf Stunden näher an der Südbahn liegt als Ihr. Dieses Altenberg mit seiner halbverfallenen Fabrik ist verkauft worden, Reichl hat den bereits unterzeichneten Kontrakt gemacht, und der Käufer ist — Kollmann.“
Nach einigen Augenblicken, die er Arnold gönnte, um sich von einer Ueberraschung, die ziemlich nahe an Bestürzung grenzte, zu erholen, fuhr Günther fort: „Der bisherige Besitzer von Altenberg, Richtmeyer, bis über die Ohren verschuldet, hat Euch keine Konkurrenz gemacht; nun laß aber einen dort sitzen, der die Sache angreift, der bauen und Maschinen aufstellen kann, und zugleich in den obern Regionen gut genug angeschrieben ist, um die Staatsbestellungen wegzuschnappen, so könnt Ihr in zwei Jahren auf Euren englischen Walzen Tannenzapfen auswalken und im Drahtzug Prälaten strecken — Ihr habt bisher das Terrain behauptet nicht weil Ihr besser und wohlfeiler arbeitet, sondern zufolge des büreaukratischen Schlendrians, weil es nun einmal seit zwanzig Jahren herkömmlich, in Korbach zu bestellen. Einmal aus dem Sattel gehoben, kommt Ihr zufolge desselben Schlendrians nicht wieder hinein, — und die höchst rühmliche, in den Augen jedes honetten Mannes bewunderungswürdige Handlung deines Vaters ist für den Besitzer von Altenberg, wenn er anders dem technischen Theile gewachsen, gleichbedeutend mit einer feierlichen Uebertragung der Regierungskundschaft von Euch auf ihn!“
Arnold war hinlänglich besonnener praktischer Geschäftsmann, um das volle Gewicht der Wahrheit in Günther’s Worten zu würdigen. Er übersah mit einem Blick die Bedeutung der Lage.
— — Er gedachte jenes Abends, wo er vom Professor Harkeboom nach Berührung der kalten Marmorhand in so heißer Kampflust weggegangen und die grüne Kriegsfahne des Profeten gegen unsichtbare Gegner entfaltet. Vergebens hatte er geharrt und gehofft, daß sich irgend ein feindlicher Helmbusch durch den Nebel zeige, hatte zehn Pläne gefaßt und verworfen — alle liefen mehr auf ein Zerhauen, als Lösen des Knotens hinaus; seine Natur trieb zu offenem Handeln auf geradem Wege. Bald wollte er nach dem Freinhof, Julie geradezu fragen, wo das Ende der Kette, die sie umschlinge, — bald Sembrick aufsuchen, dessen kaltes Ablehnen ihn umsomehr verletzte, je länger die eigene Spannung währte. Er sah jedoch den gelinden Wahnsinn ein, das Geheimniß aus dem Christuskopf mit Schwert und Feuerschlund heraustreiben zu wollen. Als dann die beiden Briefe vom Prior und Blauhorn kamen, war er Anfangs uneins, ob das Schwungrad dieser Maschine von einer Engelshand oder einer Teufelsklaue in Bewegung gesetzt werde.
Eine Einladung in den Reichssenat und das eventuelle Versprechen eines päpstlichen Ordens unter einer Bedingung, die Jedem, der seinen Vater nicht genau kannte, ganz annehmbar erscheinen mochte, waren doch wahrlich an sich keine feindseligen Handlungen. — Als die Teufelsklaue erkennbar wurde, als gewiß war, daß zwar Alles vom Freinhofe, aber eben so gewiß, daß es nicht von Julie ausgehe, stieg ihm auch der Gedanke auf, gerade vor Kollmann hinzutreten, ihn zu fragen, welche Schurkerei hinter den seinem Vater zugedachten Würden und Ehren stecke — — ihn einfach zu fordern.... Allerdings durchschoß die Kugel, welche Kollmann hinstreckte, auch jedes Band mit Julie, — aber war dies nicht das alleruneigennützigste Handeln für sie, — Befreiung ohne Hoffnung eines Lohnes? — da er immer von der Meinung ausging, daß Nichts als eben eine sehr „unglückliche Ehe“ im gewöhnlichen Sinne ihr Los, obgleich Sembrick im Gespräche mit ihm gesagt, es handle sich um „etwas mehr.“ — — —
Nun war die Ungeduld befriedigt!
Er war bei aller Entschlossenheit von der plötzlich demaskirten feindlichen Aufstellung überrascht... Nicht eine romantisch kostümierte Banditenschar, die durch den raschen Angriff eines Husarenpiquets zersprengt oder gefangen wird: eine mit allem Bedarf ausgerüstete Armee, deren Kriegszweck in weitester Ferne der Ruin seines Hauses, die Vernichtung seiner materiellen Existenz, stand ihm entgegen.