— — Und die Nacht war Zeuge, wie unter all’ den grellen Mißtönen, die von allen Seiten auf Arnold eindrangen, das Herz nicht verstummt war, — seine Stimme war keine weichliche Wehklage, aber ein Schmerzensschrei, der, keinem Andern vernehmbar, in ihm doch Alles übertönte! —

— In welcher lichten verklärenden Höhe hatten die ersten Lerchen dieser Liebe gesungen! — Julie, das räthselhafte, reizende Weib, so ganz anders als Alle, denen er begegnet, — die mit einem ihrer tiefen innigen Blicke größere Seligkeit schenkte, als Andere mit dem glühendsten Kuß, — und deren Händedruck doch weniger Rechte zu gewähren schien, als ein freundliches Lächeln einer Andern! — Julie, die auf dem Felsengipfel unter den Wetterwolken gebetet, — und dann unter den rothen Mohnblumen hervorgelächelt und durch Scherz und frohe Anmuth entzückt! Wie lagen für ihn Alle so tief in der Fläche der Alltäglichkeit, neben ihr, die ein dunkles Geschick mit allem Zauber des Geheimnißvollen umhüllte, — und die es zu tragen schien vor den Augen der Andern, als drückten nur Rosen auf das weiche dichte Haar, — und nur in einsamer Stunde hinsank, sich windend unter den scharfen Dornen.

Und was war nun aus dem Goldnebel am See hervorgegangen!

— Arnold war keiner von denen, die „wild auffahren,“ — knirschen, — im Selbstgespräche an die Stirn schlagen, — — er saß nach vollbrachtem Tagewerke schweigend, in Schmerz versunken, an dem Platze, wo er Günther den Abend im Schweizerhause erzählt. Jedes Ausdrucks war sein Mund eher fähig, als jenes des Hohnes, aber mit bitterem Spotte lächelte er, — — als er der Julie gedachte in Verona, und Romeo’s! des großen Kampfes der alten Häuser um Macht und Ehre! — Wie edel die Waffen! das Schwert, — selbst der Dolch, — selbst das Gift, — — Alles noch groß und edel!.... Und nun auch hier zwei Häuser: — — — „Kollmann und Kompagnie“, — „Korbach und Sohn“. — — Statt Schwert und Dolch: Messingstangen und Kupferplatten... Nie hat die plumpe Tatze des gemeinsten Materiellen in kaum erschlossene Blüten roher hineingegriffen. —

Wie oft hatte er gelacht über das „Ich und Nicht-Ich“ der Gott und Welt zerdenkenden Schule. Nun gewann es ihm einen Sinn. Nun begriff er die Trennung, den Abgrund zwischen dem Ich und jener zweiten selbstständigen, unbezwinglichen Macht in uns, welche Gedanken schafft, von denen das Ich nichts hören, — Bilder aufsteigen läßt, welche der Wille zertrümmern möchte — vergebens! Wie jener Fromme der Legende vom bösen Geiste gezwungen war, Gott zu lästern, und dabei das sündige Wort im Herzen verfluchte, das seine Lippen gegen seinen Willen sprachen, — so rang Arnold gegen Gedanken, welche Wolke auf Wolke um Juliens Bild legten, — er konnte das seelenvolle Feuerauge nicht mehr klar schauen — sie stand nicht mehr vor ihm, so fleckenlos wie die frisch erblühte Blume, kristallrein wie der Bergquell.

Und doch sagt’ ihm das treue alte „Ich“: Entweder einen reinen Himmel mußt du glauben, oder eine Hölle. Sie kann nur um Alles wissen, oder Nichts.

— — In solcher Stimmung, welche dießmal auch der helle schöne Morgen nicht zerstreute, traf ihn Günther, als er ihn, nachdem die Genehmigung des alten Korbach angelangt, zwei Tage später abholte, um ihn bis Treustadt zu begleiten. Ein Blick auf die verstörten Züge des Freundes verrieth ihm dessen Gemüthszustand.

„Ich bringe den Brief an Franchini und noch zwei andere,“ — begann er, „und damit du nicht die Energie verlierst, deren du bedarfst, nimm dich zusammen und hänge nicht Gedanken nach, welche entschieden keinen Grund haben. Du weißt doch, daß ich Anfangs keine Kränze für diese vielbesungenen schwarzen Locken geflochten, die leider Gottes deine ganze Existenz umspinnen, ich sage dir aber eben so, daß, wenn diese Frau mit Kenntniß der Sache ihre Hand in dieser Intrigue hat, ich mir die meine abhauen lasse! Du kannst in dem Ganzen höchstens einen Sporn für deine Thätigkeit finden. Hoffentlich wirst du doch kein Bedenken tragen, gegen Kollmann, weil er ihr Gatte, ein geschäftliches Duell zu bestehen, da dir gewiß ein anderes ein Vergnügen wäre? Frisch ans Werk! und nochmals: Zweifel an dieser Frau in dem Sinne, wie ich jetzt bei dir vermuthe, sind geradezu wahnsinnig.“