Der Ton der Ueberzeugung verfehlt seine Wirkung gewiß nicht, wenn das Gesagte mit dem Herzenswunsche des Zuhörers zusammenfällt.
Arnold erwiederte: „Es ist nicht der eine und nicht der andere Gedanke, sondern der gesammte Karakter der Fehde, der mich durch den Kontrast des Gemeinsten mit dem Edelsten peinigt — lieber als dieses elende Gebalge mit einem im Trüben fischenden Fabrikskonkurrenten wäre mir wahrlich gewesen, wenn ich einen Kampf zu bestehen gehabt, um einem wirklichen, schwarzen Verbrecher die Maske abzureißen!“
— „Aber lieber Freund, man muß immer das Beste hoffen! Wer weiß, ob nicht die Konkurrenzschleicherei zu Kollmanns läßlichen Sünden gehört? Ich habe immer die Idee, daß in der Geschichte dieses Menschen ein Blättchen ist, das er nicht gern vor dem Kriminalgericht herablesen möchte.“
— — Arnold hatte der heitern Stimmung, in welcher sein Freund gekommen, nicht ganz widerstanden. — Sie waren nun zur Abreise fertig. —
Wir finden sie eine Viertelstunde später im Waggon, wo sie kaum Platz genommen, als Günther sagte: „Deine Reise beginnt unter guten Auspicien, der Wind weht vom Freinhof her! Da unten, ganz am Ende des Wagens, sitzt die Zeltner! Die fährt jedenfalls wieder irgendwohin, um die Angelegenheiten ihres Mannes revidiren zu lassen. Aber ein hübsches Weib, — das muß man ihr und dem Grafen Greuth lassen. Dieses röthliche Blond! dieses prachtvolle Weiß!“
Arnold erkannte die Blondine vom Freinhof. Sie reiste ohne Begleitung. Einiges Handgepäck, der blaue Schleier, die Reisetoilette ließen auf ein weiteres Ziel der Fahrt schließen. —
„Willst du wetten,“ sagte Günther nach einigem Nachdenken, „daß die Blonde mit dir reist, bis an den Ort deiner Bestimmung? Ihre Bestimmung aber ist der Prinz August Ernst. Ich habe den Spektakel im Theater mit angesehen, als er zwei Monate lang hier war. — Sie hatte einen Sperrsitz unter der Hofloge, und die Augen des Prinzen gebrauchten förmlich russische Bäder: von den feurigen Haaren in die Schneeflächen, die sich von Oben ganz prachtvoll ausnehmen mußten, und vom Schnee wieder ins Feuer. Sie führte mit der Spitzenmantille ganze Schicksalsdramen auf, mit glänzender Beleuchtung ihres äußern Schauplatzes. Und das wallte und wogte so fort acht Tage lang, bis endlich der Adjutant des Prinzen, der Baron von Heidenbrunn, am Ausgang wartete, bis die Zeltner in einen Wagen stieg, worauf er sich in den zweiten warf und nachfuhr. Seit diesem Abende habe ich sie nicht mehr im Theater gesehen. Der Krieg scheint lokalisirt. Wahrscheinlich reist sie, da vom Grafen Greuth keine Strafermäßigung Zeltners mehr zu erwarten, dem Prinzen nach, wird aber gegen das südliche Element schwer aufkommen.“
Die Besprochene machte auf jeder Stazion mit ihren Augen die Ronde durch den Waggon, um den Zuwachs der Gesellschaft zu kontrolliren, und begegnete einem jener ruhigen, hellen Blicke Günthers, welche so oft den feurigen oder schmachtenden Pantomimen Anderer ans Ziel vorausgeflogen waren. Sie erwiederte ihn einen Moment, sah dann anscheinend gleichgültig weg, — allein die Begegnung wiederholte sich, da zwei Augenpaare im Raum eines Waggons entweder stillsitzen, oder auf ihrer Promenade zusammentreffen müssen.
Arnold war nicht aufgelegt, dem Geplänkel eine besondere Theilnahme zu schenken, mußte aber doch lachen, als er Günther plötzlich einen wirklich beredten, ganz ernsthaft zärtlichen Blick absenden und darauf die Augen wie verwirrt senken sah, — worauf er sich gegen Arnold herumwandte und hinter dem abgenommenen Hut das bekannte gemüthliche — Teufelsgesicht schnitt und sagte: „Die Zeltner hat mich vor der Hand bloß bezaubert, wie die Klapperschlange, bis Treustadt hoffe ich umstrickt zu werden.“
— „Hast du alles Ernstes vor, da Etwas anzuknüpfen?“