— „Angeknüpft ist bereits; ich möchte nur wissen, was sie immer im Abgrund des Raumes sucht und findet und wieder versteckt? Ein Flacon! sie leidet; nach der ungewöhnlichen Blässe könnte es sogar wahr sein.“
Frau Klotilde Zeltner hatte in der That mit der ihr gegenübersitzenden, wie es schien fremden alten Frau einige Worte gesprochen, sich dann zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Die Stirnfalte und das Eindrücken der schönen Zähne in die Unterlippe verriethen einen heftigen Schmerz. — Ihre bei aller Fülle schlanke und ebenmäßige Gestalt beseitigte die Vermuthung, welche sich Günther bei den ersten Simptomen des Unwohlseins aufdrang. Er sah, daß keine jener Katastrofen drohte, welche manchmal auf Eisenbahnen und Dampfschiffen eine Ungleichheit in der Zahl der ursprünglich eingestiegenen und der aussteigenden Passagiere veranlassen. — Vielleicht wenn die Fahrt sechs Monate gedauert hätte..... Vor der Hand war es eben nur eine vorübergehende „Störung des Organismus.“
Auf der nächsten Stazion rief Günther nach einem Glas Wasser, präsentirte es ihr mit ernster, theilnehmender Miene, und zog sich ohne ein Wort zu sprechen zurück, nachdem sie ihm mit schmachtendem, trüben Lächeln gedankt.
Als der Train wieder in Bewegung war, sagte er: „Lieber Freund, reise glücklich und nimm hier mein Lebewohl! — ich werde zwar neben dir stehen bleiben, — weiß aber nicht wie lange —, jeder Augenblick kann uns trennen, wenn die Pflicht ruft.“
Arnold sah, daß sein Freund heute unter besonders heitern Sternen aufgestanden, und erwiederte das Lebewohl. Er beneidete ihn zwar nicht um die Weise, wie sein glückliches Temperament zur Geltung kam, aber doch um dieses selbst, und sah der Entwicklung der Dinge zu.
Günther winkte den Kondukteur zu sich und sagte: „Diese Dame dort ist sehr unwohl; halten Sie sich etwas in ihrer Nähe auf, und wenn Sie bemerken, daß es sich wieder verschlimmert, so sagen Sie, daß ein Doktor im Waggon ist. Ich will mich nicht selbst anbieten und möchte doch gern helfen... Sie verstehen das schon.“
Der Kondukteur verstand jedenfalls den Gulden, der ihm in die Hand gedrückt wurde. Nach einigen Minuten sah man ihn mit der Frau sprechen und Günther wurde, unmittelbar nach seiner Promovirung zum praktischen Arzte, zu seiner ersten Patientin gerufen.
— „Ich vernehme, daß Sie Arzt sind?“ sagte Klotilde Zeltner.
— „Ich bin, — erwiderte Günther leise — ein solcher, dessen Spezialität eben ausschließlich die Behandlung von Frauenzuständen ist, und werde das größte Vergnügen finden, meine Berufspflicht an Ihnen nach meinem besten Wissen auszuüben.“