— „Darf ich wohl um Ihren Namen bitten?“
— „Ich heiße Günther, — nicht zu verwechseln mit einem hochberühmten Arzte unserer Residenz, mit welchem ich mich jedoch, ohne Ruhmredigkeit, gerade in meinem Fache messen darf. Da uns Niemand als diese freundliche Frau uns gegenüber hören kann, so bitte ich, meinem kurzen Examen mit vollster Unumwundenheit zu folgen.“
Arnold sah aus seiner Ferne Pulsfühlen und ernstes Kopfschütteln, ein schnelles Vorzeigen der Zungenspitze, — sah Günther mit bekümmerter Miene einen Augenblick zwei Finger auf die Stirn der Leidenden legen, um deren Temperatur zu erforschen, konnte aber natürlich nicht hören, daß das Examen mit der kategorischen Erklärung schloß, daß von Weiterfahren über Treustadt hinaus durchaus keine Rede sein könne, sondern daselbst abgestiegen, ein Pulver genommen, geruht, und der Abendtrain abgewartet werden müsse, bei Vermeidung unberechenbarer Folgen.
Frau Zeltner machte viele Einwendungen; sie hatte Gepäckstücke aufgegeben, welche nach der Hafenstadt adressirt waren. Günther erklärte ihr, daß sie dieselben dort im Magazine finden werde, unterwegs aber derselben nicht bedürfe. Er werde in Treustadt für Unterkunft und Medikamente sorgen, sie wieder zum Train begleiten, kurz Alles leisten, was einem Arzte obliegt, dem es nicht nur mit dem wissenschaftlichen, sondern auch mit dem humanistischen Theile seines Berufes Ernst ist.
Als der Train in Treustadt anlangte, schien Klotilde volles Vertrauen zu dem Heilplane Günther’s gefaßt zu haben. Sie verließ, auf seinen Arm gestützt, den Waggon, und Arnold sah sie zusammen eine der bereitstehenden Lohnkutschen besteigen, welche durch die, nach dem nahen Stadtthore führende Allee hinabrollte und in letzterm verschwand. —
So bedenklich es scheinen mag, wollen wir ungescheut unserem ärztlichen Freunde folgen, und lassen Arnold jeden beliebigen Vorsprung nach dem Hafen, wohin wir ihm auf dem, Dampf und Elektrizität hinter sich lassenden Zauberteppich, den jeder Autor besitzt, leicht zur rechten Stunde nachfolgen.
Die drei Gaben der Prinzen Ali, Achmed und Hussein scheinen nach deren Ableben in Hunderttausenden von Exemplaren auf die gesammte Autorenwelt übergegangen zu sein. Ein Verfasser bittet seinen Leser, einen Augenblick neben ihm auf dem überall hin versetzenden Teppich Platz zu nehmen und führt ihn, zwischen Ende und Anfang zweier Zeilen, ohne Erschütterung und Paßplackerei von Moskau nach Lissabon. — Er hält ihm das Sehrohr vor’s Auge, und der leichte Bettvorhang wie die eisenbeschlagene Kerkerthür werden zu Solinglas. — Er vermag aber auch mit dem Alles heilenden Apfel jede Wunde zu schließen, die er nicht selbst als tödtlich bezeichnet, jede Krankheit zu heilen, so lange ein Funken Leben glimmt. — Um so leichter, wenn das Uebel so wenig wie das Klotildens ein solches ist, welches die Aerzte einen „schönen Fall“ nennen.
Günther sah noch während der Fahrt ihre Besserung auf’s Bedenklichste fortschreiten, und fürchtete bis zum letzten Augenblick, seine Anstellung gekündigt und sie weiterreisen zu sehen.
Doch fügte sie sich, wie gesagt, seinen Gründen, und wir sehen Beide die Treppe des einzigen eleganten Hotels der Stadt hinaufsteigen und in ein Zimmer treten. Klotilde ertheilte dem sie begleitenden Stubenmädchen den Befehl, das Zimmer nicht zu verlassen, — auch nicht einen Augenblick, — warf sich auf das Ruhebett, beseitigte ein Paar allzu lästige Paragrafe im Preßgesetz ihrer Toilette und bat den Doktor, sein freundliches Versprechen zu erfüllen und das Pulver zu holen. —
Günther empfahl sich somit, besorgte das Geschäft, um dessenwillen er eigentlich nach Treustadt gefahren, ließ sich auf dem Rückwege ein Katarrhpulver geben, und präsentirte es Klotilden, welche ihn mit der lebhaftesten Freundlichkeit und allen Zeichen des wiedergekehrten Wohlbefindens empfing.