Sie wußte das über hundert Dinge hingleitende Gespräch auf die ungezwungenste Weise so zu leiten, daß Günther dem, was er unter dem humanistischen Theil der Praxis verstand, in einer Stunde nicht näher gerückt war als im Waggon.

Dazu das unvermeidliche Mädchen! Er hatte die Zollschranken ihrer Ohren zu umfahren versucht, indem er französisch zu sprechen begann: Klotilde gab, im besten Französisch, den Bescheid, daß die Unterhaltung deutsch weitergeführt werde.

Er mußte für den Augenblick die Segel streichen. Es lag bis zum Abendtrain noch manche Stunde vor ihm. Wenn sich die Situazion bis Mittag nicht klärte, war er entschlossen, sich zu einem Patienten rufen zu lassen und zurückzureisen. Doch hatte er nebst dem Abenteuer etwas Anderes im Auge; — es war nicht unmöglich, dasselbe mit Arnold’s Angelegenheit in Zusammenhang zu bringen. —

Nun sprach Klotilde abseits mit dem Mädchen, welches sich zwar entfernte, aber sogleich wiederkam, und bald darauf erschien ein elegantes Gabelfrühstück, und sie lud mit allem Aplomb der anständigsten Frau vom Hause den freundlichen Arzt ein, ihr Gast zu sein. Günther machte einige medizinische Einwendungen, sie erklärte sich jedoch für ganz hergestellt. — Er nahm die Einladung an, überließ sich seiner ganzen natürlichen Laune, und Klotilde ging während des Dejeuners auf manche Wendungen ein, denen sie früher mit jener Sicherheit ausgewichen, welche nur die Vertrautheit mit dem Ziele aller Wendungen verleiht. Kaum war aber das Konfekt verzehrt und der letzte Tropfen des schäumenden Weines geleert, so sprang sie auf, befahl dem Aufwärter, Jemanden mit der Handtasche um die Stunde des Abendtrains nach dem Bahnhof zu schicken, und ersuchte Günther, sie nach dem — Park zu begleiten. —

Es war nun hohe Zeit, an die Lösung des Komödienknotens zu denken; Günther war, indem er ihn geschürzt, einer jener tollen Impressionen gefolgt, denen er sich in dem Bewußtsein überließ, jederzeit im rechten Moment den Rückzug zu finden. Er konnte jeden Augenblick mit Klotilde in der Residenz zusammentreffen, und seine Usurpazion des Doktorhutes wurde, wenn er die Sache auf sich beruhen ließ, zu einer mit seinem Karakter so wenig als mit seiner Stellung zu vereinbarenden Polissonnerie. Er hatte die Sache so weit getrieben, daß Klotilde empört sein, oder scheinen mußte, wenn sie sich aller Dinge erinnerte, die sie dem Frauenarzte mitgetheilt. Er mußte ihr also einen Rückzug lassen, und zweifelte nach den Proben von Verstand, die sie gezeigt, nicht, daß sie ihn benützen werde.

Im Park angelangt, bog er in die nächste beste Kastanienallee ein und begann: „Nachdem ich Ihnen so wahrhaft vergnügte Stunden verdanke, erlauben Sie mir nun eine sehr ernste Frage, zu der mich die wahrste Theilnahme drängt. Haben Sie Hoffnung, daß das Schicksal Ihres geliebten, unglücklichen Gatten bald eine andere Wendung nehme?“

Klotilde trat einen Schritt zurück und sah ihn sprachlos an.

„Sie stellen sich erstaunt, daß ich Sie kenne. Allein so geistreich, so liebenswürdig, so unnachahmlich Sie auch vom ersten Moment an Ihr Spiel gespielt haben, so hat mir doch Ein unbewachter Moment verrathen, daß Sie mich so gut gekannt, als ich Sie. Sie haben mein Pulver nicht genommen, und von da an wußte ich, daß Sie meine Intrigue, zu der mich Etwas bewog, was ich Ihnen nun nicht gestehen darf, durchschaut. — Als eine Persönlichkeit, welche die halbe Residenz kennt, hätte ich auch nicht auf ein Inkognito rechnen sollen. Sie aber haben die Rolle, mich wirklich für das zu halten was ich sagte, mit der vollendetsten Grazie gespielt!“

Die Sortie war nicht viel feiner, oder noch viel weniger fein als der Knoten. Aber Klotilde erwiderte das Einfachste und Beste:

„Alle Täuschungen zugegeben, so ist ja noch die Frage, wer von uns Beiden heute unangenehmer getäuscht wurde, ich oder Sie?“ —