Sie gewahrten zwei Gestalten, von Schiffbrüchigen oder vor dem Sturm dahin Geflüchteten, deren Bewegungen zeigten, daß sie bereits den Nachen entdeckt. Die Entfernung ließ an der weiblichen ein Gewölk schwarzer Locken, ein graues Kleid, ein weißes Tuch, einen weißen Arm, der dasselbe schwang, unterscheiden. Eine männliche neben ihr wirbelte mit heftigen Gestikulazionen ein an einen Stock gebundenes gelbes Sacktuch über dem Kopfe herum.
Nachdem der junge Mann im Schiffchen die Zeichen erwiedert, stand die Dame am Ufer ruhig, den Arm um das rothe Kreuz schlingend, während der Herr seine Telegrafie noch einige Zeit fortsetzte.
„Da sind wir gerade zurecht gekommen, Herr Arnold,“ begann der Schiffer, nach alter Gewohnheit den Vornamen des jungen Mannes gebrauchend, den er einst auf seinen Armen getragen — — „das ist die gnädige Frau, vom Freinhof. Das ist in dieser Woche das zweite Malheur. Vorigen Montag war sie mit zwei Herren auf dem Wetterstein. Es haben ihr Alle gesagt, daß der Nebel einfällt. Aber fort haben sie müssen und wie sie über den Erzbach hinaus waren, war der Nebel da. — Sie hat aber einmal hinauf wollen und über Ja und Nein waren sie in den Leckerstauden[1] und der eine von den Herren, ein Professor aus der Stadt, kegelt sich den Fuß aus. Zum Glück ist der Nebel nicht liegen geblieben und da hat der große Herr Knorr, der dort auf dem Fichtenkegel wohnt, den Professor ganz allein das Stück Weges über den Kräuterkamm auf die Tannenbachalm getragen, nachher zu uns herunter, dann haben wir ihn über den See auf den Freinhof geführt. Der Professor wird sich den Wetterstein merken und der Herr dort beim rothen Kreuz schaut mir auch darnach aus, als ob er vom See auf eine Weile genug hätte.“
Für Arnold, welcher die Gegend seit zwei Jahren nicht betreten hatte, war der Name „Freinhof“ ein fremder Klang. Der Alte gab die geforderte Aufklärung:
„Wenn wir die Herrenleute abgeholt haben, und um die Ecke kommen, in den obern See, werden wir den Hof gleich sehen. Die Gebäude sind im vorigen Sommer aus der Erde geschossen. Das Holz war da, denn der große Fabrikant aus der Stadt, Herr von Kollmann schreibt er sich, hat den ganzen Wald herum gekauft. Aber für die Ziegelfuhren haben sie eine Straße über die Föhrleiten gemacht. Bis zum ersten Schnee haben sie’s unter Dach gebracht, die gnädige Frau, der Herr Knorr heißt sie immer nur die schöne Frau Julie, ist alle Wochen zweimal herausgekommen und da hat die Arbeit fliegen müssen. Heuer im Frühjahr waren auch die Maler und Tapezierer in vier Wochen fertig und jetzt stehen die Gebäude da, daß einem das Herz lacht.“
Arnold hatte aufmerksam zugehört, strengte aber sein Auge vergeblich an, die Gruppe am Felsenufer, von welchem man doch nur etwa zehn Minuten entfernt war, deutlicher zu unterscheiden, da sie ihm plötzlich durch ein Phänomen verhüllt wurde, welches sicherlich Jedermann einmal zu beobachten Gelegenheit hatte.
Es fällt zuweilen, durch einen Riß in den Wolken, ein scharf begrenzter Lichtstrom, eine strahlende Feuergarbe herein, welche alles hinter ihr Liegende in einen blendenden Schleier hüllt. Ein solcher Streifen von Glanznebel legte sich zwischen das Schiffchen und das Ufer und erst als das leuchtende Hinderniß halb durchdrungen war, konnte Arnold die Gestalt der Frau wieder unterscheiden, welche, wie von Rosen übergossen, in Goldzindel gekleidet, wie das verkörperte Abendroth dastand.
Aber der glühendste Kuß der untergehenden Sonne war auch ihr letzter gewesen; ein Augenblick, und der Glanznebel verschwand, die Wölkchen an den Waldhängen, welche wie entzündete Baumwollflocken flammend aufstiegen, erloschen zu grauer Asche; über den Höhen schwebte noch eine warme Glorie, aber im Thalgrund über dem See lagen die blauen kalten Töne des Abends. —
Auch die feenhafte Goldhülle der schönen Frau, deren Züge Arnold nun deutlich unterschied, war wieder zum einfachen grauen Kleide geworden. Sie stand vorgebeugt am Rande des Gerölls und hatte die Arme über der Brust gekreuzt; ihre Blässe und das Zittern, welches die hohe schlanke Gestalt durchlief, verriethen den ungleichen Kampf zwischen der kleinen heißen Lebensflamme und dem kalten Hauche des Sees und des triefenden Felsens.
Arnold gewahrte dennoch ein freundliches Blinken der schwarzen Augen. Die leichte Geisterbrücke zwischen diesem räthselvollen Augenpaar und dem lichten offenen des jungen Schiffers war aufgebaut und ein froher Gruß der Seelen flog auf ihr vom Nachen ans Felsenufer und zurück.