— So hatte er auch dessen Ansicht über die Stellung des Künstlers im Vaterlande in sich aufgenommen, oder es bedurfte vielmehr nur des Hinlenkens seines hellen Blickes nach dieser Richtung, um ihn mit der tiefsten Indignazion zu erfüllen. Er sah, wie nicht nur die haute finance, sondern auch die Aristokratie Tausende für das Handwerk hinauswarfen, das ihre Salons schmückte, während die Kunst, in den Ateliers und den Magazinen der Bilderhändler, vergebens eines Käufers harrte, und er schrieb die trostlose Dürre auf diesem Felde dem Mangel der belebenden Sonne, des befruchtenden Regens zu, die von Oben herabstrahlen und strömen sollen, — und im Nachbarlande einen so reichen Flor hervorgezaubert; mit einem Worte dem gänzlichen Mangel an Kunstsinn in der höchsten Region.
Dies war die Anschauung eines wirklichen, aktiven Polizeikommissärs vom Zustande des Landes, und sogar eines der besten und brauchbarsten, — oder vielmehr eben darum.
Heute war er in der frohen Champagnerlaune von dem Steckenpferde seiner politischen Ansicht über Kollmann abgestiegen, und hatte den Gegenstand seiner Vorliebe von einer andern Seite ins Auge gefaßt. Günther glaubte den Schleier von dem Gemälde Harkeboom’s unter den nun geänderten Verhältnissen etwas lüften zu sollen; der Wetterstein war erwähnt worden. —
Aus den billets-doux, welche der Kommissär nun wieder in ihr Behältniß legte, schoß heute ein Gewimmel alter und neuer Fragen, über Kollmanns Promenaden im Gebirge, die Zeit, die er nach Grünschenk’s Ableben noch in Trautenfeld zugebracht, — des letzteren Testament, Leben und Sterben — — ein ganzes Album von ungelösten Rebus, die der Auflösung warteten.
Der Gegenstand verdiente und belohnte eine Kunstreise. Er bedurfte, wie gesagt, der Erholung, und schwerlich ließ sich ein genußreicherer Ausflug ersinnen, als nach Trautenfeld. Hierzu entschlossen, schlief er zufrieden ein mit dem Vorsatz, nächsten Tag einen jener häufigen Urlaube zu verlangen, welche ihm nie versagt wurden, am wenigsten seit er täglich in seinem eleganten Wagen mit zwei schönen Rappen ins Büreau gefahren kam und seine Chefs gegen seine Selbstständigkeit milder gestimmt waren, welche nun eine ihnen einleuchtende Basis hatte.
Eine eigene Ansicht haben und durchführen wollen, wenn man von seinem Gehalte lebt, war denn doch eine Marotte, welche kaum einer Spezialität wie Lipprecht zu verzeihen war. Nun war es anders. — Der Mann gab auch vortreffliche Garçon-Diners.
Sein Vorhaben war, einige Tage an dem reizend gelegenen Orte zuzubringen, Lokalitäten und Verhältnisse zu studiren, so viele Personen als möglich gesprächsweise auszuholen, — das Uebrige mußte seiner Kombinazion und dem Zufall überlassen bleiben.
Er reiste, da keine Eisenbahn dahin führt, in seinem Wagen. — Der Morgen, an dem er wegfuhr, war nicht glänzender und heiterer als er selbst; er fühlte sich von einer so frohen Sehnsucht nach den Bergen durchweht, wie er, nach seinem Geständnisse gegen Günther, gewöhnlich vor Gauermanns Bären und Geiern empfunden.
Wie ein Globus im Holzgestell saß der kleine dicke Mann in dem leichten Wagen, dessen zierliche Form nicht verrieth, daß in ihm Alles angebracht war, was auf einige Tage die ganze Außenwelt entbehrlich machte. Ein Flaschenkeller, ein Viktualienmagazin, Gebäckbehältnisse, Pistolenkassette, dieß Alles vermochte nicht, der Kalesche ihre Schlankheit zu benehmen, in welcher der Besitzer, mit nichts beladen als seinem quadrillirten Reiseanzuge und der braunen englischen Kappe, etwas mehr als zwei Dritttheile des Sitzes ausfüllte.