— — Gegen Mittag umwölkte sich der Himmel, und Abends fuhr der Kommissär im Markte Trautenfeld unter einem jener Regengüsse ein, welche die in die Hälfte der Straße vorstehenden Dachrinnen in speiende Delfine verwandeln, aus deren Maule das Wasser auf Wagendach und Spritzleder mit trommelndem Getöse niederstürzt.

In langen Strahlen fällt es von den vier ungeheuern Linden in der Mitte des Platzes in die von ihnen umschlossene Pferdeschwemme, — zugleich Kaltbadeanstalt sämmtlicher Enten und Gänse — — eine Gruppe der letzteren steht heraußen im Freien, mit emporgerichtetem Schnabel den Himmelssegen auffangend und von Zeit zu Zeit der innern Freudigkeit in einem scharfen, kurzen Trompetenstoß Luft machend. Wirkliches Naß rinnt über den steinernen Wasserfall, der an der Gießkanne des heiligen Florian hängt, — vor welchem eben der Pfarrer den Hut lüftet, der unter dem rothen Parapluie mit hochbestiefelten Beinen und halbe Klafter langen Schritten durch den improvisirten See sticht. Heller glänzt der Zeiger an der schwarzdurchnäßten Thurmuhr, heller die runden Ziegel der Giebeldächer, über welche hinweg die nahen Berge nur als dunklere Flecken in dem tief hereinhängenden Nebel erscheinen. Es sieht aus wie einer jener Gebirgsregen, die sich zur Verzweiflung des Touristen wochenlang aus sich selbst gebären, niederfallen, verdünsten, sich zu Nachtgewölken verdichten, und abermals herabträufeln, — wie ein Kind, das, einmal ins Weinen gebracht, immer von Neuem losbricht, — bis endlich ein neues Spielzeug — hier ein wohlthätiger Windstoß — dem langweiligen Unwesen ein Ende macht.

Die Kalesche nähert sich dem Gasthause und der große braungelbe nasse Hund tritt vor und salutirt mit schief heraushängender Zunge und aufgerichteten Ohren. Er ist selbst Sicherheitsorgan und es scheint ihn etwas Kollegialisches anzuwehen. Der Kommissär, durch den Regen nicht einen Augenblick aus seiner Laune gebracht, begrüßt aufs freundlichste den Wirth, in welchem er auf den ersten Blick einen jener biedern Patriarchen erkennt, welche das Bild ländlicher Einfalt sind bis zum Momente der Rechnung, und die sich in allen geschäftlichen Beziehungen, schlicht gesagt, als abgefeimte Hallunken bewähren.

Lipprecht setzte sich mit ihm auf den besten Fuß, richtete sich in einem hübschen Zimmer ein, und begab sich zum Abendessen in die Gaststube, wo die Markt-Honorazioren beisammen saßen. Sie behandelten ihn Anfangs mit jener klotzigen Exklusivität, welche den geschlossenen Bier- und Tabakkränzchen der herrschaftlichen Beamten u. dgl. meistens eigen, allein der Kommissär kannte seine Leute, brachte nach einem bescheidenen, ruhigen Eingange einige politische Neuigkeiten, — sodann ein Dutzend derber Anekdoten, und nach einer halben Stunde war er der „charmanteste, jovialste (nach Trautenfelder Aussprache: schovialste) Mann“ und erhielt, da er sich als Jagdfreund, Kegelschieber und Tarokspieler ankündigte, vielseitige Einladungen. — Der nächsten Tag noch fortdauernde Regen sperrte die Gesellschaft noch früher und länger zusammen als sonst. —

Er brachte mit Leichtigkeit das Gespräch auf Kollmann, den die Meisten gekannt. Alle schilderten ihn als einen unermüdet thätigen, geschickten Menschen, der, wenn er von seinen Gängen nach Hause gekommen, beständig gelesen und studirt habe. Sie hatten sein Zurückziehen Anfangs für albernen Stolz gehalten, aber dann gesehen, „daß er nun einmal keinen schovialen Karakter habe, und einen solchen Menschen müsse man gehen lassen und bedauern.“

Den Tag über hatte er den Markt und die beiden außerhalb desselben gelegenen, durch einen Garten getrennten Häuser des Grünschenk besichtigt. Das größere gehörte nun der Gemeinde, das kleine war von der vormaligen Haushälterin Grünschenk’s bewohnt, einer, nach dem Verdikt der Stammgäste, höchst achtbaren alten Frau Namens Fellinger. — Bei dieser schien ihm der Schwerpunkt seiner Erhebungen für den Augenblick zu liegen.

Er schenkte der kleinen Nichte derselben, welche für sie Verschiedenes aus dem Gasthause holte, eine silberne Münze an rothem Band, und die alte Frau kam nach einer Stunde in halbstädtischem Anzuge zu ihm, und dankte in gewählteren Worten, als er erwartet. Zugleich lud sie ihn ein, im Vorübergehen ihre kleine Wirthschaft zu besehen.

Lipprecht begab sich am selben Nachmittage zu ihr; es gelang ihm bald sie gesprächig zu machen, und Einzelnheiten zu erfahren, durch welche der oben erwähnte alte Brief des Unterbeamten vervollständigt, und ein Faktum in den Vordergrund gestellt wurde, welches seinen Gedanken eine neue Richtung gab.