Als Kind zeigte Weininger schon seine abnorme Beanlagung; bereits mit vierzehn Monaten „sprach er mit höchster Deutlichkeit sein Deutsch“. Als junger Mensch zeigte er regstes Interesse für alles, eine sehr lebhafte Auffassung, eine intensive Lernbegierde, einen Wissensdrang, der seinen Lehrern oft Verlegenheit bereitete, und ein ganz ausserordentliches Gedächtnis besonders für Sprachen. Von Anbeginn aber ist auch schon ein ungemeines Selbstgefühl ausgeprägt, das ihn sehr frühe vielen Menschen unangenehm machte. Auch war er ziemlich erotisch veranlagt und hat sich allem Anschein nach sehr frühe schon über die einschlägigen Fragen orientiert. Seinen Lehrern scheint er ein Greuel gewesen zu sein durch sein vorlautes, eigenmächtiges Wesen, seine Insubordinationen, seinen Dünkel; über seine Lehrer machte er sich im besten Falle lustig; es kam zu mehreren heftigen Auftritten; dass er z. B. während der Lehrstunden sich mit anderen Dingen beschäftigte, dass er gegebene Aufgaben machte, wie es ihm beliebt, nicht wie vorgeschrieben, beweist deutlich, wie stark er seine eigene Persönlichkeit empfand; den Begriff Pflicht empfand er nicht; nur den der Pflicht gegen sich selbst, wie er sich später ausdrückte. Er hatte daher auch keinen Familiensinn, wie sein eigener Vater hervorhebt. Welch grosse Bedeutung sonst alltägliche Ereignisse für ihn gewinnen konnten, beweist der Eindruck, den der notgedrungene Besuch von ein paar Tanzkränzchen auf ihn machte.

Einen kolossalen Einfluss übte die Lektüre auf ihn aus; er las enorm viel und man kann ganz gut verfolgen, wie ihn Nietzsche, Schopenhauer, Tolstoi, Dostojewski, Ibsen, Chamberlain jeder eine Zeit lang förmlich erfüllte, bis Kant und Wagner kamen. Schon gegen Ende seiner Gymnasialzeit schloss er sich mehr und mehr von gewöhnlicher Geselligkeit ab und arbeitete mit grosser Energie. Während seiner etwa 2-3 Jahre dauernden ersten Studentenzeit lebte er „in der schwülen Treibhausluft des Wiener Lebens“ (Schneider, Allg. Ztg. Beil. 1903, 292), in der Zentrale der sublimsten Dekadenze, die schon so viele frühreife Litteraturheilande hervorgebracht hat und von der die Rede geht, dass ihre echtesten Söhne bereits mit pessimistischem Stirnrunzeln zur Welt kommen, mit zehn Jahren zur Erkenntnis gelangen, dass Michelangelo eigentlich ein Troddel gewesen sei, um Anfang der Zwanziger sich dann selbst mikrokosmisch als den Mittelpunkt der Welt zu empfinden. Neben der Eigenart der Persönlichkeit Weiningers, die seiner Psychose das so besondere individuelle Moment verleiht, ist eben dieser Wiener Nährboden von gar nicht zu unterschätzender Bedeutung. In Berührung mit allerlei Elementen dieser Gesellschaft von Mattoiden (Lombroso) scheint dann bei Weininger auf der Basis der psychopathischen Entartung eine Geistesstörung eingesetzt zu haben, die ganz unzweifelhaft alle Charakteristika der Hysterie[6] trägt und ausgezeichnet ist durch einen exquisit manisch-depressiven Charakter d. h. sie verlief in Perioden abwechselnd von heiterer und gedrückter Gemütsstimmung. Kraepelin sagt: „Da die Hysterie mit einer Umwandlung der ganzen psychischen Persönlichkeit einhergeht, werden natürlich auch die verschiedenartigsten, nicht eigentlich hysterischen Psychosen auf dieser Grundlage durch Beimischung einzelner besonderer Züge eine eigenartige Färbung annehmen können. Das gilt besonders für das manisch-depressive Irresein, von dem wir ja wissen, dass es sich ebenfalls wesentlich aus krankhafter Veranlagung heraus entwickelt.“ Dies scheint mir vollkommen auf den Fall Weiningers anwendbar zu sein, bei dem ja auch im Vordergrund die vollkommene Umwandlung der Persönlichkeit steht. In seiner Psychose lassen sich deutlich vier Stadien abgrenzen: ein längeres Einleitungsstadium von mehr hypomanischem Charakter mit der Entstehung der dualistischen Persönlichkeit, etwa von Sommer 1901 bis zur Promotion, Juli 1902; daran anschliessend ein Depressionsstadium, das Mitte Herbst 1902 wieder in ein allmählich fast manisches Stadium überging; endlich die zweite und schwerste Depression, die mit der Katastrophe vom 4. Oktober 1903 endigte. Wie bei Hysterie überhaupt häufig zeigten Verstand und Gedächtnis niemals Störungen. Dagegen ist geradezu typisch das überall ausgesprochene, unleidliche Selbstgefühl, das Weininger zeigt (er hat nur in den manischen Stadien eigentlich produziert); stets ist er der Mittelpunkt, fühlt sein Ich am stärksten, urteilt über alles in der schärfsten Weise. Sein Ehrgeiz ist brennend; er will um jeden Preis berühmt werden, Aufsehen erregen, koste es, was es wolle. Früher ausgesprochen erotisch, steht nun im Mittelpunkt der Erkrankung eine vollkommene Sexualabneigung, ein bis zum Fanatismus sich steigernder Hass gegen alles Geschlechtliche; das ist ebenfalls hysterisch. Sehr klar ausgeprägt ist das Symptom der sogenannten Spaltung der Persönlichkeit; Weininger nannte es ethischen Dualismus. Hysterisch, und nur hysterisch, sind auch jene geradezu einzigartigen Sensationen, die er beim Anhören von Musik empfand. Schöner könnte das moderne degenerative Moment in einer hysterischen Psychose sich nicht offenbaren.

Die „herrliche Wandlung“, die zwei Jahre vor seinem Tode begann, war nichts als der Beginn der hysterischen Störung. Typisch sind auch die Faxen mit der rührenden Demut, die mit dem masslosesten Grössenwahn vereinbar war. Der Hysterie, der Umwandlung seiner Persönlichkeit, entsprang auch sein Übertritt zum Christentum. Neben den psychischen Erscheinungen der Hysterie scheinen sich auch körperliche Funktionsstörungen eingestellt zu haben; die von Rappaport angegebenen Herzkrämpfe und epileptischen Anfälle sind nichts anderes als hysterische Krampfanfälle; der Sohn hatte beim ersten Beginn der Erkrankung das Elternhaus verlassen; so erklärt sich auch, dass der Vater von diesen Anfällen nichts wusste, die erst mit dem Ausbruch der Hysterie in die Erscheinung traten. Übrigens sind sie in dem Krankheitsbilde ganz zu entbehren, ohne dass sich an der Auffassung der Psychose das Geringste änderte. Dass es sich nicht um Epilepsie gehandelt hat, ist sicher auszuschliessen, wenn auch der Hysterikus wahrscheinlich Sensationen hatte, die er einer bestehenden Epilepsie zuschrieb. Nach der Promotion und dem Übertritt zum Christentum, welche Handlungen er echt hysterisch an einem Tage vollzog — folgte auf die Anstrengungen für das Examen und die höchste Erregung nach dem Gelingen die erste Depression, in der bereits Selbstmordgedanken laut werden. Dann aber schloss sich die grosse, manische Periode an, in der Weininger mit graphomanischem Eifer in etwa acht Monaten ein grosses Buch und eine Reihe kleinerer Aufsätze niederschrieb. In dieser Spanne entwickelte sich bei ihm auch ein richtiges Wahnsystem von durchaus hysterischem Wesen, dessen Grundlage seine Sexualabneigung war (nicht umgekehrt, wie ich vielleicht mit Unrecht annehme; doch ist das nicht wesentlich); er arbeitete eine Weltanschauung aus, deren Anläufe bereits in der ersten Erregungsperiode rudimentär sichtbar sind; er entdeckt, dass alles um ihn herum nur Symbol ist; die veränderte Empfindung der eigenen Persönlichkeit hat sich auch auf die Aussenwelt übertragen, die sich ihm nun anders mitteilt als vordem. Analog Christus, der die stärkste Negation, das Judentum, überwunden, fühlt er sich berufen, selbst auch Überwinder des Judentums, die zweite, noch viel grössere Negation in der Welt, das Weib, zu überwinden; er fühlt sich als Erlöser, predigt das neue Reich Gottes durch vollkommene geschlechtliche Enthaltsamkeit und lehrt die Präexistenz der Seele vor der Geburt. Er hält sich für einen Heiligen, ein Genie, einen Religionsstifter; das alles ist deutlich genug in seinen Worten ausgedrückt; er spricht überall mit absoluter Sicherheit und Erhabenheit, auch wenn es der grösste Unsinn ist, deutet alles in sein System um, lässt echt hysterisch in seinem Buch jeden besonderen Gedanken dick und fett drucken, bildet sich ein, für Jahrtausende geschrieben zu haben u. s. w.

Aber im Sommer 1903, nachdem das Buch geboren war, begann die Erregung abzuklingen; immer lebhaftere Stimmungsschwankungen traten ein; zeitweise erschienen direkte Hallucinationen, so die Hunde mit dem roten Feuerschein, das dreimalige Bellen des Hundes in jener entsetzlichen Nacht; höchst sonderbar ist auch das Gefühl vom Sterben eines Menschen, das durch das Bellen eines Hundes angezeigt wurde[7]. Das lebhafte Reisebedürfnis, das ihn im August (!) nach Sizilien trieb, zeigt genügend, wie es in ihm aussah; wie krankhaft seine Verfassung war, beweisen z. B. auch die unangenehmen Empfindungen, die ihm der Untergang der Sonne bereitete, der für ihn eine mystisch-symbolische Bedeutung schmerzlichster Art bekam. Das Erlösergefühl verschwand immer mehr und machte dem Gefühl von Schuld, Sünde, Angst, Verbrechen Platz; zuletzt empfand er alle Schuld der Welt als die eigene, meinte, alles was mit ihm in Berührung gekommen sei, sei verflucht. Was er in diesen letzten Tagen niederschrieb, macht fast den Eindruck, als ob ein deliranter Zustand über ihn gekommen gewesen sei. In der Verzweiflung, über die furchtbaren Gedanken, die ihn peinigten, beging er dann Selbstmord. Und dieser Selbstmord in der ganzen Art seiner Ausführung bezeugt nur wieder die Hysterie. Mit einem Knalleffekt ging er aus dem Leben; er schlich sich nicht wie gewöhnliche Selbstmörder zur Seite, um allein zu sterben und ohne Aufsehen, da ihnen der Tod nur Selbstzweck ist, sondern er wollte noch im Tode die Augen der Welt auf sich ziehen; darum führte er die Tragödie in Beethovens Sterbehaus auf; das konnte nur ein Hysterischer thun.

Wir haben also gesehen, dass es sich bei Weininger um eine angeborene degenerative Veranlagung handelte und dass auf dieser Basis sich Mitte oder Ende 1901 eine hysterische Geistesstörung mit manisch-depressivem Charakter entwickelte, die vor allem ausgezeichnet war durch vollkommene Umwandlung der Persönlichkeit, ungeheures Selbstgefühl, völlige geschlechtliche Unempfindlichkeit, Krampfanfälle, abnorme Sensationen, Gesichtshallucinationen, periodisch wechselnden Wahnideen der Grösse und der Verschuldung. Was den Fall so interessant macht, ist die Reinheit der Symptome und die eigenartige, entschieden hochbegabte Persönlichkeit des Kranken; man darf nicht vergessen, dass er wenig über 23 Jahre alt war, als er starb; es wird wohl wenige in seinem Alter geben, die über gleiches Gedächtnis, gleichen Fleiss, gleiche Arbeitskraft, gleiches Wissen verfügen wie Weininger. Darum konnte sich auch Moebius trotz alles Abscheus vor dem Buche doch des Bedauerns nicht erwehren. Traurig ist nur, dass der Fall Weininger wieder bewiesen hat, dass alles, was geschrieben wird, wenn es nur mit dem nötigen Applomb in die Welt gesetzt wird, seine Bewunderer findet. Dazu bedarf es nichts als einiger kräftiger Trommler, „den Ruhm des Schlechten zu intonieren und ihre Stimme findet an der leeren Höhlung von tausend Dummköpfen ein nachhallendes und sich fortpflanzendes Echo.“ (Schopenhauer über Hegel, Satz vom zureichenden Grunde.)

Damit kann ich meine Betrachtungen über Weininger schliessen. Ich bin vollkommen überzeugt, dass ich bei allen, die ihn als Genie verehren, lediglich Widerspruch und heftigen Vorwurf erfahren werde: denn indem sie ihre Kritikunfähigkeit bereits zur Genüge dokumentiert haben durch die Verherrlichung und Bewunderung, die sie den Weiningerschen Elaboraten zu teil werden liessen, werden auch meine Auseinandersetzungen für sie in den Wind gesprochen sein. Gegen diese Schar wird nur die Zeit aufkommen. Aber das eine möchte ich nicht unterlassen, zu sagen: es gibt eine Reihe von Leuten, die Weininger leidenschaftlich bekämpften, die geneigt sind, in ihm einen modernen Herostratos (übrigens auch ein Hysterikus) zu sehen; vielleicht haben meine Darlegungen wenigstens das Gute, dass der Unglückliche keiner litterarischen Verurteilung mehr verfällt, sondern dass seine Gegner statt mit Hass und Verachtung den Werken Weiningers gegenüberzustehen, lediglich Bedauern empfinden mit seinem Schicksal, das ein so glänzend veranlagtes Gehirn zum Wahnsinn getrieben.

„Was also war es, das zu ihm drang, empor zu seiner sublimen Nebelhöhe, und dem Blitzeschleuderer den Revolver in die Hand drückte? Was war entsetzlich und süss genug, dass es den Ragenden zwang, seinetwegen zu sündigen und die Sünde mit dem Tode zu sühnen? Ein Schuss, der eine Tragödie ohnegleichen beendigte. Aber ein Schuss im Nebel.“ So Nordhausen in seiner Kritik von „Geschlecht und Charakter“. Eher könnte man von einem Buch im Nebel, einem Mann im Nebel reden. Ich hoffe, gezeigt zu haben, was es war, das empordrang zur sublimen Nebelhöhe. Statt eines Blitzeschleuderers ein Geisteskranker, dessen Psychose durch einen Zug von Genialität ihr individuelles Moment erhielt, statt eines Ragenden ein Unglücklicher, der sich in einem Anfall melancholischer Verstimmung erschoss, statt eines philosophischen Phänomens zwei Bücher, die in die ärztliche Bibliothek einer Irrenanstalt gehören.

Sapienti sat!

——————

[Seite g] Neuester Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden.