Besonders lehrreich sind auch Weiningers Anschauungen über die Naturwissenschaften und über die Medizin. Nach seiner Ansicht hat das Judentum die Wissenschaft ruiniert; er predigt die Rückkehr zur Naturheilkunde und enthüllt in seiner letzten Zeit die sonderbarsten Theorien über Entstehung und Wesen von Krankheiten. „Machen, das ist das Wort für den heutigen Fabrikbetrieb des Erkennens, in welchem die Vorsteher der grossen Laboratorien und Seminarien die Funktionen kapitalistischer Industriebarone vortrefflich ausfüllen. „Quellen“ heisst es in der Geschichtsforschung, „Versuchsreihen“ in der exakten Wissenschaft. Despotisch herrschen die Zahl, die Statistik, die Fehlermethode, die genaue Gewichtsanalyse. Nicht ohne tiefe Berechtigung hat diese Wissenschaft alle ihre Feststellungen als gleich wichtig verkündet. Die Akademien der Wissenschaften sind die mächtige Gerusia des Staates, die fürchterlichen Grossmütter der europäischen Kultur und sie hüten und mehren das Erbe.“ So kann der alte Schopenhauer reden; im Munde des Jünglings nehmen sich die Worte sonderbar aus; aber man darf eben nie vergessen, dass er von Erfahrung absieht und dass er bei seinem turmhohen Standpunkt anders beurteilt werden muss. „Die Totengräber Darwins sind schon am Werke“, erklärt er mit Ruhe. „Die biologische Betrachtungsweise, wie man sie heute versteht, ist nichts anderes als eine utilitaristische; sie erweitert die utilitaristischen Gesellschaftsprinzipien berühmter englischer Flachköpfe zu einer des Pflanzen-und Tierreiches.“ „Wie die Juden am eifrigsten den Darwinismus und die lächerliche Theorie von der Affenabstammung des Menschen aufgriffen, so wurden sie beinahe schöpferisch als Begründer jener ökonomischen Auffassung des menschlichen Geschlechtes, welche den Geist aus der Entwickelung des Menschengeschlechtes am vollständigsten streicht. Früher die enragiertesten Anhänger Büchners, sind sie jetzt die begeistertsten Vorkämpfer Ostwalds.“ Erst durch die Juden ist „das unkeusche Anpacken der Dinge in die Naturwissenschaft gekommen.“ „Mit dem Einfluss jüdischen Geistes hängt es auch zusammen, dass die Medizin, welcher ja die Juden so scharenweise sich zuwenden, ihre heutige Entwickelung genommen hat. Stets von den Wilden bis zur heutigen Naturheilbewegung, von der sich die Juden bezeichnenderweise gänzlich fern gehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religiöses, war der Medizinmann ein Priester. Die bloss chemische Richtung in der Heilkunde, das ist das Judentum.“ Und doch ist „mit der Chemie nur den Exkrementen des Lebenden beizukommen.“ Weininger ipse sacerdos medicusque; wir werden gleich sehen:

„Die heutige Gesundheitspflege und Therapie ist eine unsittliche und darum erfolglose; sie sucht von aussen nach innen, statt von innen nach aussen zu wirken. Sie entspricht dem Tätowieren des Verbrechers: Dieser verändert sein Äusseres von aussen her, statt durch eine Änderung der Gesinnung. Jede Krankheit hat psychische Ursachen und jede muss vom Menschen selbst, durch seinen Willen, geheilt werden; er muss sein Inneres selbst zu erkennen suchen. Alle Krankheit, nicht nur die Hysterie, ist nur unbewusst geworden, in den Körper gefahrenes Psychische; so wie dieses in das Bewusstsein hinaufgehoben wird, ist die Krankheit geheilt.“ „Jede Krankheit ist Schuld und Strafe; alle Medizin muss Psychiatrie und Seelsorge werden. Es ist irgend etwas Unmoralisches, d. h. Unbewusstes, das zur Krankheit führt; und jede Krankheit ist geheilt, sobald sie vom Kranken als innerlich erkannt und verstanden ist. „Krankheiten sind vielleicht alle nur Vergiftungen; der Seele fehlt der Mut, das Gift ins Bewusstsein zu heben und dort im Kampfe unschädlich zu machen. Darum wirkt es im Körper weiter. Eine solche Vergiftung ist wohl sicher die Gicht; sie dürfte stets auf unmoralische Sexualität zurückgehen.“ Diese ganze Lehre findet sich in den „Letzten Dingen“; glatter Wahnsinn spricht aus den beiden folgenden Äusserungen, die Weininger in den letzten Tagen vor seinem Tode geschrieben: „Krankheit ist ein Spezialfall von Neurasthenie. Krankheit ist Neurasthenie im Körper.“ „Den Übergang von Neurasthenie zur Krankheit muss Hautkrankheit bilden.“ Wichtig für Psychiater ist auch die Erkenntnis: „Aller Wahnsinn entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewusstheit geknüpften Schmerzes.“ Auch dass die Engländer „sämtlich Masochisten“ seien, dürfte interessieren. „Dass ein Mensch irrsinnig wird, ist nur durch eigene Schuld möglich.“ Über die Hysterie stellt Weininger Behauptungen auf, die umwälzend sein sollen. Ohne Erfahrung weiss er da alles besser. „Die hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur des Weibes ist die Hysterie; sie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes.“ Dies die Quintessenz; wer den Blödsinn in extenso geniessen will, kann ihn in „Geschlecht und Charakter“ S. 357-375 nachlesen.

Aus den vielen Äusserungen, die Weininger über Epilepsie, besonders in seiner letzten Periode, macht, möchte man annehmen, dass er sich für einen Epileptiker gehalten habe. „Der epileptische Anfall ist an das momentane Erlöschen der Fähigkeit zur Apperzeption geknüpft, und wenn es heisst, dass Verbrechen oft im epileptischen Anfall begangen werden, so sollte es wohl umgekehrt ausgedrückt werden: sie werden gegen den epileptischen Anfall begangen, dessen drohende Nähe verspürt wird .... Gegen die furchtbarste Hilflosigkeit, welche in der Epilepsie zum Ausdruck kommt, flüchtet er in den Mord — oft auch in die Frömmelei und Bigotterie .... Ist die Epilepsie nicht die Einsamkeit des Verbrechers? Fällt er nicht, weil er nichts mehr hat, an das er sich anhalten könnte?“ „Epilepsie ist völlige Hilflosigkeit, Fallsucht, weil der Verbrecher Spielball der Gravitation geworden ist. Der Verbrecher tritt nicht auf (sic). Gefühl des Epileptikers: Wie wenn das Licht erlischt und völlig jeder äussere Halt fehlt. Ohrensausen beim Anfall: Vielleicht tritt, wenn das Licht fehlt, Schall ein? „Der Epileptiker hat Visionen von roter Farbe: Hölle, Feuer.“

Wie schon früher erwähnt, erschien für Weininger in seiner letzten Zeit alles Symbol, alles von geheimer Bedeutung durchdrungen. In den „letzten Dingen“ befinden sich unter „Tierpsychologie“ und „letzten Aphorismen“ fast lauter diesbezügliche Gedanken. Aus ihnen leuchtet aber der helle Wahnsinn; der Vater des Armen hält sie für „Keime zu einer späteren Ausarbeitung“ und hätte ihre Veröffentlichung am liebsten unterdrückt gesehen. Einige Proben werden genügen:

„Das Auge des Hundes ruft den Eindruck hervor, dass der Hund etwas verloren habe ... Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die Freiheit.“ „Die Furcht vor dem Hunde ist ein Problem; warum giebt es keine Furcht vor dem Pferde, vor der Taube? Es ist die Furcht vor dem Verbrecher. Der Feuerschein, der dem schwarzen Hunde folgt (!), ist das Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des Bösen.“ „Die Hundswut ist eine merkwürdige Form; vielleicht der Epilepsie verwandt, in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum vor den Mund tritt.“ Man bemerke den dahinter steckenden Schluss. Der in Depression befindliche Kranke schliesst, da er sich für epileptisch hält: Hund = Symbol des Bösen = Epilepsie = Weininger. „Lange nicht mit gleicher Sicherheit wie beim Hund, aber doch als aufklärender Gedanke, kam mir der Einfall, dass das Pferd den Irrsinn repräsentiere. Hierfür spricht das Alogische im Benehmen des Pferdes, das Nervöse und Neurasthenische, das dem Irrsinn verwandt ist ..... Der Hund bellt das Pferd an: weil der Böse das Gute anbellt.“ „Der Vogel ist die Sehnsucht der Schildkröte (des verschlossenen Menschen, der die Umkehr vollzieht, aber noch immer nicht fliegt).“ „Entspricht nicht das pflanzenhafte Sein der Neurasthenie? Den Mangel an Bewegungsfähigkeit im Neurastheniker würde das wohl erklären. Der Neurastheniker ist anämisch: mangelnde Centralisation der Pflanze: schliesslich hat die Pflanze keine Sinnesorgane (Mangel an Aufmerksamkeit beim Neurastheniker).“ Nicht minder bezeichnend sind die beiden folgenden Keime: „Das Rot der Hölle ist das Gegenteil vom Blau des Himmels. Sehr tief liegt, dass der Rauch das Auge schmerzt.“ „Alle Tiere sind Symbole verbrecherischer, alle Pflanzen Symbole neurasthenischer Phänomene in der Psyche.“ Das ist geradezu haarsträubend. Der Rauch als ein Symbol des Bösen thut natürlich dem Auge, als einem Symbol des Guten, da es mit dem Lichte zusammenhängt, weh!! „Die Malaria ist ein Sinnbild innerer Versumpfung.“ „Der Wirbel ist die Eitelkeit des Wassers und sein Kreisegoismus.“ „Der Sündenfall ist die Individualität und sein Symbol die Sternschnuppe.“ „Das Symbol des Jüdischen ist die Fliege. Dafür spricht vielerlei: Zucker, Massenhaftigkeit, Summen, Zudringlichkeit, Überallsein, scheinbare Treue der Augen.“ Das Fliegensymbol dürfte wohl auf eine Reminiscenz aus Schopenhauers „Gleichnissen, Parabeln und Fabeln“ zurückgehen, wo es heisst: „Zum Symbol der Unverschämtheit und Dummdreistigkeit sollte man die Fliege nehmen. Denn während alle Tiere den Menschen über alles scheuen ....., setzt sie sich ihm auf die Nase.“

Als Finale:

„Im Augenblick, da das Fliegenartige (Jüdische?) in mir unbewusst wird, d. h. ich fliegenartige „Züge“ habe, ich hierin unfrei bin, wird es zur Erscheinung der Fliege, der gegenüber als einer Empfindung ich unfrei bin: im selben Augenblick ist der Raum da. So zeigt sich das Problem der Externalisation, der Projektion des Raumes als die andere Seite des Problems der Tierpsychologie, der Natursymbolik. Der Verbrecher halluciniert die giftige Mücke und stirbt an falscher Furcht durch Herzschlag.“

Hoffentlich stirbt kein Leser an dieser letzten Zumutung infolge Entsetzens und Schreckens sowohl über den abgründlichen Blödsinn, der in diesen Citaten aufgespeichert ist, als auch darüber, dass es Leute giebt, die sie als „Goldfunde und Blitzlichter“ bezeichnen.

Die Krankheit.

Nach dem so ausführlich dargelegten Material wird wohl kaum jemand zweifeln können, dass man es bei Weininger nicht mit einem geistesgesunden philosophischen Phänomen zu thun habe, sondern dass es sich bei ihm lediglich um eine eigenartige geistige Störung handle. Es wäre sicher von hohem Interesse, den Persönlichkeiten nachzugehen, durch deren Blutmischungen eine Gestalt wie die Weiningers entstehen konnte; leider fehlt gerade hier das Material; selbstverständlich kommt es da nicht so sehr auf geistige Störungen an, die man in der Ascendenz bedeutender Menschen eigentlich relativ selten findet, als vielmehr auf geistige Abnormitäten, prononzierte Individualitäten mit ausgeprägten Talenten und Eigenheiten. Der Vater Weiningers ist jedenfalls ein ungewöhnlich veranlagter Mann. Weininger selbst trägt unverkennbar von Hause aus alle Zeichen eines sogenannten Entarteten, eines Dégénéré (Magnans Dégénéré supérieur) und zwar mit einem starken Beigeschmack von Hysterie. Man muss nur nicht glauben, dass das Wort Entarteter in dem Sinne zu verstehen sei, wie der gewöhnliche Sprachgebrauch es nimmt; ein Degenerierter im psychiatrischen Sinne ist lediglich ein von Geburt an bedeutend von der Norm seiner Art abweichender Mensch, der Idiot wie Genie sein kann; je grösser und abnormer die geistige Begabung, desto grösser natürlich auch die Gefahren, die dieser Entartung entspringen und von denen der Durchschnittspfahlbürger verschont bleibt. So gehört Schopenhauer „zur Klasse der Deséquilibrés, in der sich bekanntlich die feinen Köpfe zusammenfinden“ (Moebius).