„Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille des Mannes. Als der Mann sexuell ward, schuf er das Weib. Dass das Weib da ist, heisst also nichts anderes, als dass vom Manne die Geschlechtlichkeit bejaht wurde .... Der Mann hat das Weib geschaffen und schafft es immer neu, so lange er noch sexuell ist .... Indem er auf den Geschlechtsverkehr nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. Das Weib ist die Schuld des Mannes.“ Daraus dann die logische Glanzleistung: „Wenn Weib Schuld ist und Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle Schuld von selbst sich zu vermehren trachtet.“ Der Gipfel des Systems ist nun erstiegen: „Der Mann kann das ethische Problem für seine Person nicht lösen, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer wieder negiert, indem er sie als Genussmittel benützt ... Die Frau muss dem Geschlechtsverkehr innerlich und wahrhaftig aus freien Stücken entsagen. Das bedeutet nun allerdings: das Weib muss als solches untergehen, und es ist keine Möglichkeit für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden (!), ehe dies nicht geschieht .... Hiermit erst, auf dem höchsten Gesichtspunkt des Frauen- als des Menschheitsproblems ist die Forderung der Enthaltsamkeit für beide Geschlechter gänzlich begründet.“ Das ist des Pudels Kern. Sollte jemand wagen, die Befürchtung auszusprechen, dass ja bei allgemeiner totaler Abstinenz vom Geschlechtsverkehr die Menschheit aufhören müsste, zu existieren, dem antwortet der Träger des neuen Heils voll Verachtung: „In dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher der schrecklichste Gedanke der zu sein scheint, dass die Gattung aussterben könnte, liegt nicht allein äusserster Unglaube an die individuelle Unsterblichkeit und ein ewiges Leben der sittlichen Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt irreligiös: man beweist mit ihr zugleich seinen Kleinmut, seine Unfähigkeit ausser der Herde zu leben ...“ Wer seine (Weiningers) Lehre klar erfasst habe, „der würde den leiblichen Tod nicht fürchten und nicht für den mangelnden Glauben an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der Gewissheit des Weiterbestehens der Gattung suchen.“

Übrigens ist Weininger nicht so grausam, als es auf den ersten Blick scheinen möchte; der gewöhnliche Mensch könnte meinen, mit dem Aufhören der menschlichen Gattung sei eine unendliche Reihe von kommenden Individuen vernichtet; das ist aber falsch; in Wirklichkeit wird durch allgemeine sexuelle Abstinenz keine einzige Individualität vernichtet. In den „letzten Dingen“ offenbart nämlich Weininger die Existenz der Seele vor der Geburt. Folgende Aussprüche werden genügen: „Man liebt seine physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf, dass man sie erwählt hat.“ „Die Geburt ist eine Feigheit: Verknüpfung mit anderen Menschen, weil man nicht den Mut zu sich selbst hat. Darum sucht man Schutz im Mutterleibe.“ „Aus unserem Zustande vor der Geburt ist vielleicht darum keine Erinnerung möglich, weil wir so tief gesunken sind durch die Geburt: wir haben das Bewusstsein verloren und gänzlich triebartig geboren zu werden verlangt, ohne vernünftigen Entschluss und ohne Wissen und darum wissen wir gar nichts von dieser Vergangenheit.“ „Hätte der Mensch sich nicht verloren bei der Geburt, so müsste er sich nicht suchen und wieder finden.“

Damit wäre das System der Weiningerschen „Philosophie“ dargestellt. Ein Kapitel in dem Hauptwerke habe ich bis jetzt übergangen, das Kapitel über das Judentum. Moebius sagt, dass es ebenso gut hätte wegbleiben können. Für die Beurteilung des Falles halte ich aber dieses Kapitel für ganz besonders wertvoll; Moebius kannte zur Zeit, als er über das Buch schrieb, zu wenig Daten und vor allem die „letzten Dinge“ und das Ende des Verfassers nicht, sonst würde er wohl in dem Kapitel bedeutsame Fingerzeige gesehen haben. Es ist nämlich eine vollkommene Beweisführung, warum er, Weininger, ein neuer Messias sei, in diesem Kapitel enthalten. Auch kann man an diesem Kapitel so gut wie kaum sonst die ursprüngliche Quelle nachweisen. H. St. Chamberlain widmet in seinen „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ (Bruckmann, München 1900) dem Wesen des Juden- und Christentums grosse Beachtung; die betreffenden Kapitel (bes. Bd. I, 206-458) haben ungeheueren Einfluss auf Weininger ausgeübt; nur hat sich Weininger die ausgezeichneten Ausführungen Chamberlains über das Judentum und über Christus für sein eigenes System zurechtgemodelt und entstellt. Chamberlain sagt, dass Christus der Überwinder des Judentumes sei, dass er Herr des alten Adams geworden sei durch eine mächtige Umkehr des Willens. Es heisst dort z. B. I, 206: „Jene Umkehr des Willens aber, jener Eintritt in das verborgene Reich Gottes, jenes von neuem Geborenwerden, welches die Summe von Christi Beispiel ausmacht, bedingt ohne weiteres eine völlige Umkehr der Empfindungen.“ Ferner: „Die Erscheinung Christi auf Erden hat die Menschheit in zwei Klassen gespalten. Sie erst schuf den wahren Adel und zwar echten Geburtsadel; denn nur, wer erwählt ist, kann Christ sein.“ Von grossem Einfluss auf Weininger, als er noch nicht in die herrliche Wandlung eingetreten war, dürften folgende Worte Chamberlains gewesen sein, die vielleicht sogar direkt den Konvertierungsgedanken bei Weininger anregten: „Es wäre sinnlos, einen Israeliten echtester Abstammung, dem es gelungen wäre, die Fesseln Esras und Nehemias abzuwerfen, in dessen Kopf die Gesetze Moses und in dessen Herz die Verachtung anderer keine Stätte mehr findet, einen Juden zu nennen“ (I. 458). Denn nach Paulus sei nur das ein Jude, das inwendig verborgen sei. Chamberlain ist aber dafür auch so ziemlich der einzige aller Lebenden, dem Weininger anscheinend unbedingte Hochachtung zollt, abgesehen von Ibsen und den Wiener Neurologen Freud und Breuer. Wenigstens liefert Weininger einmal eine schauerliche Abhandlung über die Hysterie, wo er in analoger Weise wie beim Judentum die Ansichten Freuds in wirklich komischer Weise entstellt auftischt und denselben nachsichtig auf einige Irrtümer aufmerksam macht. Doch nun zu Weiningers Kapitel des Judentums. „Man darf das Judentum nur für eine Geistesrichtung, für eine psychische Konstitution halten, welche für alle Menschen eine Möglichkeit bildet und im historischen Judentum bloss die grandioseste Verwirklichung gefunden hat. Dass dem so ist, wird durch nichts anderes bewiesen als durch den Antisemitismus ... Im aggressiven Antisemiten wird man immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften wahrnehmen ... Wie man am anderen nur liebt, was man gerne ganz sein möchte und doch nie ganz ist, so hasst man im anderen nur, was man nimmer sein will und doch immer zum Teil noch ist. So erklärt es sich, dass die allerschärfsten Antisemiten unter den Juden zu finden sind.“ Diese grundlegenden Sätze werden als Thatsachen aufgestellt; nimmt man sie als bewiesen, so können die kühnsten Schlüsse erfolgen. Das alte Spiel, das sehr an die Geschichte von den Kretensern und vom Lügen erinnert.

Weininger ist selbst der schärfste Antisemit. „Der echte Jude wie das echte Weib leben beide nur in der Gattung, nicht als Individualitäten. Hieraus erklärt sich, dass die Familie (als biologischer, nicht als rechtlicher Komplex) bei keinem Volk auf der Welt eine so grosse Rolle spielte wie bei den Juden; die Familie in diesem Sinne ist eben weiblichen, mütterlichen Ursprungs[4] und hat mit dem Staate, mit der Gesellschaftsbildung nichts zu thun. Die Zusammengehörigkeit der Familienmitglieder nur als Folge des gemeinsamen Dunstkreises ist am engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen Mann, dem begabteren stets mehr als dem mittelmässigen, aber auch dem gewöhnlichsten noch, ist dies eigen, dass er sich mit seinem Vater nie völlig verträgt: weil ein jeder einen, wenn auch noch so leisen, unbewussten oder bewussten Zorn auf denjenigen Menschen empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben genötigt ...“ Weiter: der Jude steckt also nicht nur am tiefsten in der Familie, sondern er ist auch „stets lüsterner, geiler, wenn auch merkwürdigerweise im Zusammenhang mit seiner nicht eigentlichen antimoralischen Natur, sexuell weniger potent als der arische Mann. Nur Juden sind echte Heiratsvermittler.“ Natürlich: Kuppelei = W = Nichts = Jude, woraus die Analogie zum Weib hergestellt ist; „der absolute Jude ist seelenlos.“ „Aus ihrem Mangel an Tiefe wird auch klar, weshalb die Juden keine ganz grossen Männer hervorbringen können, weshalb dem Judentum wie dem Weibe die höchste Genialität versagt ist.“ „Der Jude ist der unfromme Mensch im weitesten Sinne.“ „Das Judentum ist das Böseste überhaupt[5].“ Nun wird der Gegensatz intoniert: „Der Jude freilich, der überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden wäre, besässe allerdings auch das volle Recht, vom Arier als Einzelner genommen und nicht nach einer Rassenangehörigkeit mehr beurteilt zu werden, über die ihn sein moralisches Streben längst hinausgehoben hätte.“ Und weiter: „Jene unbegreifliche Möglichkeit der vollständigen Wiedergeburt eines Menschen, der alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch gelebt hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen verwirklicht, welche die grossen Religionen der Menschen gegründet haben. Hierdurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: In diesem überwiegt von Geburt an die Anlage zum Guten. Alle Genialität ist nur höchste Freiheit vom Naturgesetz. Wenn sich dies so verhält, dann ist der Religionsstifter der genialste Mensch. Denn er hat am meisten überwunden.“ Weininger, früher der böse Mensch, wird Überwinder und lehrt eine neue Religion. Wers noch nicht glaubt, dem gehen vielleicht bei den nächsten Äusserungen die Augen auf: „Christus ist der Mensch, der die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet und so die stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum Entgegengesetzte schafft.“ Weininger hat ebenfalls das Judentum überwunden und ausserdem die noch stärkere Negation, das Weib. Dass die Juden eigentlich doch auch Männer sind, bildet den Pferdefuss in der Deduktion; aber sie sind eben eine Ausnahme von W nur dadurch, dass sie „gut begrifflich“ veranlagt seien. Natürlich vermag Weininger, wie er sich ausdrückt, nicht mit Chamberlain zu glauben, dass die Geburt des Heilands in Palästina ein blosser Zufall sein könne (NB. behauptet das aber Chamberlain gar nicht cf. z. B. Grundlagen I, 249). „Christus war ein Jude“, erklärt Weininger, „aber nur um das Judentum in sich am vollständigsten zu überwinden; denn wer über den mächtigsten Zweifel gesiegt hat, der ist der gläubigste, wer über die ödeste Negation sich erhoben, der positivste Bejaher. Christus ist der grösste Mensch, weil er am grössten Gegner sich gemessen hat. Vielleicht ist er der einzige Jude und wird es bleiben, dem dieser Sieg über das Judentum gelungen: der erste Jude wäre der letzte, der ganz und gar Christ geworden ist; vielleicht liegt aber auch heute noch im Judentum die Möglichkeit, den Christ hervorzubringen; vielleicht sogar muss auch der nächste Religionsstifter abermals durch das Judentum hindurchgehen.“ (!) Ausdrücklich weist Weininger dann darauf hin, dass „unsere Zeit nicht nur die jüdischste, sondern auch die weibischste aller Zeiten sei,“ um dann zu erklären: „Dem neuen Judentum (!) entgegen drängt ein neues Christentum zum Licht; die Menschheit harrt des neuen Religionsstifters und der Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre Eins.“ Kommentar ist überflüssig.

Mit seiner Erlöseridee hängt es auch zusammen, dass seine Stellung zu Wagner sich so gründlich änderte; Weininger erblickte nämlich in Wagners Parzifal, den er auch deshalb „die tiefste Dichtung der Weltlitteratur“ nennt, Christus und seine eigene Person.

Das bis jetzt zusammengestellte Material ist genügend zur Beantwortung der Hauptfrage, ob Weininger geisteskrank und welcher Art diese geistige Störung gewesen sei. Somit könnte die Exploration in einem gewissen Sinne für abgeschlossen erklärt werden. Trotzdem würde die Untersuchung nicht vollständig sein, wenn sie nicht noch einige andere Gebiete streifte. Ich will daher noch durch Citate aus Weiningers Schriften den Stand seiner sonstigen Kenntnisse und Anschauungen darlegen und endlich zum Schlusse die Elaborate seiner letzten Lebenstage vorführen, die wohl keinen Vernünftigen zweifeln lassen werden, dass sie von keinem geistig Gesunden stammen.

Wie in allen Dingen, so ist Weininger auch in Litteratur mit einem sehr scharfen Urteil begabt. Neben dem Text von Wagners „Parzifal“ steht ihm am höchsten Ibsens „Peer Gynt“. Warum, kann man sich denken. „Es ist ein Erlösungsdrama und zwar der grössten eines, um es nur gleich zu sagen. Tiefer und allumfassender als irgend ein Drama Shakespeares, ohne an Schönheit hinter diesen zurückzubleiben, an sinnlichem Glanze allen anderen Werken Ibsens überlegen, steht es an Bedeutung der Konzeption ebenbürtig neben, an Gewalt der Durchführung weit über Goethes „Faust“ und reicht beinahe hinan zu den Höhen des „Tristan“ und des „Parzifal“ von Wagner.“ Hanslick sagt einmal („Aus meinem Leben“ 1894, II, 234), dass man in fünfzig Jahren die Schriften der Wagnerianer als Monumente einer geistigen Epidemie anstaunen werde. So weit ich mich erinnere, hat sich aber kaum einer zu solcher Höhe verstiegen wie Weininger. Nach ihm ist „Wagner der Mensch mit dem grössten Naturempfinden, das je ein Mensch besessen hat. Gegen sein „Rheingold“ gehalten, verblassen selbst Goethes Lieder von allem Wasser in Nebel, Wolken und Fluss ...“ Die Wagnersche Dichtung (NB. nicht die Musik) ist „der Tiefe der Konzeption nach die grösste Dichtung der Welt. Es sind die gewaltigsten Probleme, die je ein Künstler sich zum Vorwurf gewählt hat, bedeutender noch als die Probleme des Aischylos und Dante, Goethes, Ibsens und Dostojewskis, um von den Problemen Shakespeares zu schweigen ... Das alles stellt Wagner hoch über Goethe, dessen letztes Wort doch nur das vom „Ewig-Weiblichen“, die Erlösung des Mannes durch das Weib ist.“ Man wird wohl merken, warum Goethe und Shakespeare so wenig bei Weininger gelten. An anderer Stelle („Geschlecht und Charakter“ 408/409) findet sich noch folgendes über Wagner: „Richard Wagner, der tiefste Antisemit, ist von einem Beisatz von Judentum selbst in seiner Kunst nicht freizusprechen, so gewiss er neben Michelangelo der grösste Künstler aller Zeiten ist, so wahrscheinlich er geradezu den Künstler in der Menschheit überhaupt repräsentiert. Ihm war das Judentum die grosse Hilfe, um zur klaren Erkenntnis und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum Siegfried und Parzifal sich durchzuringen und dem Germanentum den höchsten Ausdruck zu geben, den es wohl je in der Geschichte gefunden hat.“

Heine entbehrt natürlich fast jeder Grösse, aber nur weil er Jude ist. Keller und Storm werden ebenfalls „jeder Grösse entbehrende Idylliker“ genannt. Ganz unleidlich ist für Weininger der arme Schiller; er gehört zu den Juden und wird in einem kleinen Aufsatz in den „letzten Dingen“ einfach vernichtet: „Was ist es doch, das an jenen Gedichten so beleidigt? Es ist das Verletzende an Schiller überhaupt; es ist seine Freude am Chor, an der Herde; sein ganz ungeniales Glücksgefühl, gerade in der Zeit zu leben, in der er lebte ... Er ist auch der eigentliche Schöpfer des Ästhetentums, das unter den modernen Juden die meisten Anhänger zählt: es flüchtet vor aller Tiefe oder heuchelt Tiefe, um den Schein retten zu können ... Einen Journalisten dürfte ich ihn mit Grund nennen ... Was ihn aber endgültig zum Journalisten stempelt, ist seine Rührseligkeit, die von einem tragischen Geschehnis schwätzt, wenn ein Mensch auf der Gasse überfahren wird; und es ist vor allem jene Bindung an den Tag und die Stunde, jene Philistrosität, die sich am kosmischesten gestimmt dann fühlt, wenn ein Jahrhundertwechsel vor sich geht. In Schiller hasst die journalistische Moderne nur sich selbst.“ Und Moebius hatte gewagt, Weininger den Rat zu geben, Feuilletons zu schreiben! Man begreift der Freunde Ingrimm ob so gänzlicher Verkennung. Spinoza, als Jude, ist ebenfalls „riesig überschätzt“. Die englischen Philosophen sind sämtlich Flachköpfe, natürlich „weil aus England die seelenlose Psychologie gekommen ist“; „es gehört zwar nicht eben viel dazu, der grösste englische Philosoph zu sein; aber Hume hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten Anspruch.“

Sehr niedlich sind auch die Belehrungen, die wir über Nietzsche empfangen. „Nietzsche war lange Sucher; erst als Zarathustra that er den Priestermantel um und da stiegen nun jene Reden vom Berge herunter, die bezeugen, wie viel Sicherheit er durch die Verwandlung gewonnen hat.“ Man sieht, viel Kritik hat Weininger eben nicht besessen; hier läuft er mit der von ihm so sehr gehassten Herde. Das Gesamturteil des jungen Mannes über Nietzsche dürfte auch ein neues Licht auf dessen Todesursache werfen: „Nietzsche war nicht gross genug, um sich selbständig aus eigener Kraft in Reinheit zu Kant durchzuringen, den er nie gelesen hatte. Darum ist er nie bis zur Religion gelangt: als er das Leben am leidenschaftlichsten bejahte, da verneinte das Leben ihn — jenes Leben nämlich, das sich nicht belügen lässt. Aus dem Mangel an Religion erklärt sich Nietzsches Untergang. Ein Mensch kann an nichts anderem zu Grunde gehen als an einem Mangel an Religion ...“

Für die Modernen hat Weininger übrigens nichts übrig; so spricht er z. B. von ihrer „Schuljungenopposition gegen alle Grössen der Historie.“ Alle Sprachkritiker, „von Baco bis auf Fritz Mauthner“ sind nach seiner Ansicht „Flachköpfe“.