Weininger, „Über die letzten Dinge“.

Einleitung[1].

Am 4. Oktober 1903 erschoss sich zu Wien der dreiundzwanzigjährige Otto Weininger, Doktor der Philosophie. Von ihm stammen zwei Bücher: „Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung“, das kurz vor seinem Tode erschien und „Über die letzten Dinge“, das Ende 1903 von seinem Freunde Moriz Rappaport als Nachlass herausgegeben wurde, beide im Braumüllerschen Verlag zu Wien.

Besonders „Geschlecht und Charakter“, das eine Lösung der Frauenfrage in höherem Sinne darstellen sollte, hat allgemeines Aufsehen hervorgerufen; es hat eine Reihe von begeisterten Lobrednern gefunden; auch an lebhaftem und energischem Widerspruche hat es nicht gefehlt.

Strindberg begrüsste z. B. das Buch mit den Worten: „Ein furchtbares Buch, das aber wahrscheinlich das schwerste aller Probleme gelöst hat“ und ruft aus: „Ich buchstabierte, aber Weininger setzte zusammen. Voilà un homme!“

Diesem ersten Werke wird „unheimliche Geschlossenheit und funkelnder Geist“ nachgerühmt; die Resultate desselben wurden „betäubend, niederschmetternd“ genannt. Die „Letzten Dinge“ bezeichnete Nordhausen als das „köstliche Testament des dreiundzwanzigjährigen Grossen“ und behauptete „reicher an Anregungen, an Blitzlichtern und kostbaren Goldfunden ist kein Buch unserer Tage.“

In Wien selbst, der Zentrale der modernen Dekadenz, der Vaterstadt des „Philosophen“, scheint Weininger sogar eine Art von religiöser Gemeinde zu besitzen. Die Vorrede, die sein Freund Rappaport zu den „Letzten Dingen“ geschrieben hat, enthält folgende Stelle: „Es sei hier erwähnt, dass zur Zeit seines Leichenbegängnisses eine nur in Wien sichtbare partielle Mondfinsternis stattfand, die genau in dem Moment endigte, als sein Leib in die Erde gesenkt wurde.“ Nur beim Tode Christi und angeblich auch beim Begräbnis des Philosophen Karneades haben sich ähnliche Vorgänge in der Natur gezeigt, Äusserungen übernatürlicher Wesen, die auf diese Weise die göttliche Anteilnahme dokumentieren. Die Geschichte mit der weissen Wolke beim Begräbnis Kants, die Rappaport dabei anführt, ist nichts wie eine pietätvolle Auslegung eines sehr gewöhnlichen Vorkommnisses; sie kann nur von einem Mystiker ernst genommen werden. Immerhin wird Weininger auch mit Kant dadurch in Parallele gebracht.

Es wird also dem nicht gut ergehen, der es wagen wird, diesem Heiland die von seinen Jüngern verlangte Ehrfurcht zu versagen, wie es bereits Moebius erfahren hat, dem gegenüber sich Weiningers Freunde gar nicht wegwerfend genug aussprechen können. Ich masse auch mir nicht an mit meinen Auseinandersetzungen sowohl auf jene als auch auf die weitere grosse Masse der Kritikunfähigen einen Einfluss auszuüben, auf jene Menge, die Weiningers Gedanken anstaunt und zum mindesten mit einer gewissen scheuen Hochachtung von dem grossen Manne redet. Auch haben die wenig zahlreichen Vernünftigen sich bereits ihre Meinung gebildet. (Am besten hat sich Dr. Hirth in der Jugend ausgesprochen; sehr gut ist auch eine Kritik in der „Beilage zur allgemeinen Zeitung“ (Nr. 292, 1903) von Dr. Schneider), der zu dem Urteil kam, „dass ein nicht ganz normales Fühlen in sexueller und vielleicht auch in mancher sonstigen Hinsicht im Verfasser zum mindesten mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden darf.“ Was ich im folgenden bieten will, soll lediglich eine psychiatrische Studie sein; denn ich halte Weininger und seine Bücher für eine hochinteressante Erscheinung, der in den Annalen der Psychiatrie wohl ein dauernder Platz eingeräumt werden wird. Leider bin ich nicht in der Lage, aus dem mir von dem Herrn Herausgeber in liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellten anamnestischen Material genügende Daten zur Beantwortung der Frage erblicher Belastung zu entnehmen, so dass eine bedauerliche Lücke bleibt, die auszufüllen einer späteren Zeit obliegen wird. Die anamnestischen Angaben stammen grossenteils vom Vater Weiningers, der sie in bereitwilligster und zuvorkommendster Weise gab, ferner von Wiener Bekannten und aus der Biographie Weiningers von Rappaport. Letztere habe ich mit einer gewissen Vorsicht benutzt, da sie selbst einen exquisit pathologischen Charakter trägt; ich habe ihr das entnommen, was untrüglich mit den eigenen Äusserungen und dem Bilde Weiningers zusammenstimmt und das ist viel, viel mehr, als der Vater Weiningers glauben will. Dieser hält seinen Sohn für ein „Phänomen“, ein Genie einzigster Art und bestreitet die Angaben Rappaports aufs heftigste; er wird auch mit meinen Deduktionen nicht einverstanden sein, da sie ihm Schmerz verursachen müssen. Ich bedauere das tief, denn ich schätze ihn persönlich sehr. Er wünschte eine psychiatrische Betrachtung, weil er überzeugt war, dass kein Nervenarzt im stande sein werde, eine geistige Störung bei seinem Sohne nachzuweisen. Da das Gegenteil der Erwartung folgt, so wird natürlich das psychiatrische Urteil verächtlich behandelt und mir das Recht abgesprochen werden, in so hohen und erhabenen Dingen überhaupt mitzusprechen. „In tyrannos“ sagt Jentsch in solchem Falle. So heisst es von Moebius (v. Appel, Neue Bahnen 1904. IV. 214), es sei psychologisch ja sehr begreiflich, dass der Leipziger Materialist Vogtscher Färbung den Dualisten Weininger nicht verstehen könnte, und er wird zum „ideellen latenten Sadisten“ gestempelt. Da man mir, wollte ich mit philosophischem Wissen kritisch auftreten, als Psychiater doch sofort entgegenhalten würde, dass ich eo ipso nichts von philosophischem Denken verstünde, so will ich in meinen Auseinandersetzungen versuchen, möglichst „hausbacken“, möglichst klar und einfach zu sein; man kann nämlich die Ideen, die speziell Weiningers Eigenes sind, viel klarer sehen, wenn man das „philosophische Mäntelchen“ weglässt, das er ihnen umgehängt hat. Auch habe ich es für gut gehalten, möglichst viele Stellen aus den Büchern Weiningers wörtlich wiederzugeben, wie ja auch die Krankenjournale die besten sind, in denen sich die Aussprüche der Kranken nach Stenogrammen wörtlich verzeichnet finden.

Die Anamnese.

Otto Weininger ist am 3. IV. 1880 als das zweite Kind eines Kunsthandwerkers zu Wien geboren. Der Vater ist ein auffallend begabter, gebildeter und vielseitiger Mann, der nach seiner Angabe sich mehr mit seinen Kindern beschäftigte, als gewöhnlich vorzukommen pflegt. Er giebt an, dass sich in Weiningers Ascendenz keine Fälle geistiger Störung befunden hätten, soweit er zurückdenken könne. Das ist natürlich cum grano salis zu nehmen. Nichts ist unzuverlässiger als eine Hereditätsanamnese, selbst die im besten Glauben von Laienseite gemachte; als Jude hat Weininger jedenfalls das eine voraus, dass er einem Stamme angehört, der nach Charcot „das Vorrecht zu besitzen scheint, alles was man sich von Neuropathien vorstellen kann, in höchster Ausbildung zu zeigen.“