(Vorne links ein kleines Häuschen mit einem Schilde, worauf eine
goldene Schere gemalt ist. Diesem gegenüber eine natürliche
Rasenbank, von einem Baum überschattet. Die Musik geht nach der
Verwandlung in Simplizius' Ariette über.)
Simplizius (in bürgerlicher Kleidung).
Ariette.
's gibt wenig, die so glücklich sind
Wie ich aus dieser Welt,
Ich hab' kein Weib und hab' kein Kind,
Und hab' kein' Kreuzer Geld.
Wenn ich auch keine Schulden hätt',
Ich wüßt' vor Freud' nicht, was ich tät'.
Ich will im voraus nicht stolziern,
Mein Glück fängt erst recht an,
Mir scheint, ich werd' mein Gwerb' verliern,
Dann bin ich prächtig dran;
Und 's Überraschendste wird sein,
Wenn s' kommen werdn und sperrn mich ein.
Dann schau' ich um ein' Freund mich um,
Der in der Not mich tröst',
Der macht, daß ich aus d' Festung kumm,
Da sitz' ich erst recht fest;
Und wenn s' mich dort vielleicht noch schlagn,
Das wär' ein Glück,—nicht zum Ertragn.
Ja, ja, mancher, der mich so reden hört, würd' sagen: O je, da kommt schon wieder einer daher, der lamentiert, daß er kein Geld hat und voller Schulden ist und daß er soll eing'sperrt werdn. O Jemine, das ist ein' alte G'schicht'. (Hochdeutsch.) Ja, wenn's aber nicht anders ist, was soll man denn machen? Es ist einmal so, ich hab' einmal kein Geld, und sie sperrn mich einmal ein, vielleicht auch zweimal, (lokal) und wenn das so fortgeht, so komm' ich aus dem Einsperren gar nicht mehr heraus. Ich bin ein rechtschaffener Mann, doch von was soll ich denn zahlen? Ich bin zwar der angesehnste Schneider hier im Ort, aber ich hab' nur eine einzige Kundschaft, und das ist mein Gläubiger, ein Weinhandler, der weint um seine fünfhundert Taler, so oft er mich anschaut. Jetzt bin ich ihm das Geld schon sieben Jahr' schuldig, er ist aber schon lang gezahlt, denn statt den Interessen hat er mit mir ausgemacht, daß ich ihm alles umsonst arbeiten müßt', was in seinem Haus ang'schafft wird. Da kommen aber die Leut' vom ganzen Dorf in sein Haus, lassen sich das Maß nehmen, ich muß ihnen umsonst arbeiten, und er laßt sich zahlen dafür. Da hab' ich einen Zimmerherrn drin—(deutet auf sein Haus, geheimnisvoll) der zahlt auch nichts. Ist ein Schmied, ein Reimschmied, schreibt jetzt gar ein Theaterstuck. Auf die Letzt bringt er mich noch in ein Stuck hinein, denn ich hör', jetzt können s' gar kein Stuck mehr aufführen, wo s' nicht was von ein' Schneider drin haben, und er gar, er schreibt eins, das heißt "Die getrennten Brüder", das wird doch aufs z'sam'nahn hinausgehn. Er erwartet immer das Geld von der Post, und jetzt ist ein so ein schlechter Weg, da bleibt's halt stecken. (Ruft zum Fenster hinein.) Guten Morgen, Monsieur Ewald, schon wieder fleißig? Scribendum!
Zehnte Szene.
Voriger. Ewald.
Ewald (schlägt von innen auf den Tisch). So stören Sie mich doch nicht mit Ihrem unsinnigen Geschwätz. (Kommt heraus im einfachen Gehrock. mit einem Manuskripte, Tinte und Feder.) Es ist nicht möglich, daß ich einen vernünftigen Gedanken fassen kann, wenn Sie in meiner Nähe sind. Gehen Sie doch hinein, ich will hier schreiben.
Simplizius. Schreiben Sie, wo Sie wollen und an wen Sie wollen, aber sein Sie nicht unartig mit mir.
Ewald. Lieber Hausherr, nehmen Sie meine Heftigkeit nicht so auf,
Sie sehen, ich bin ein Dichter, ein begeisterter Mensch. Wenn man
in Jamben arbeitet, Sie verstehen das nicht so, es sind fünffüßige
Verse.
Simplizius. Ja, das ist ja eben das Unglück, wenn die Vers' eine Menge Füß' haben und kein' Kopf. Das tragt nichts ein, ich wollt', ich hätt' so viel Füß', als Ihre Schlampen oder Jamben, was Sie da schreiben, ich war' schon lang davon g'loffen, auf meine kann ich mich nicht mehr verlassen.
Ewald. Sie sprechen dummes Zeugs, lassen Sie mich ungestört. (Er setzt sich auf die Rasenbank und überlegt.) Der letzte Akt, mir fehlt's an Stoff.