Genius der Tugend. Ich grüße dich, du Riesenengel, dem die Welt erbebt, und der sie einst mit ehrner Faust zerschlägt.
Genius der Vergänglichkeit. Was willst du hier? Warum erglänzt dein Strahlenleib in diesem Tal der Finsternis?
Genius der Tugend. Siehst du über jenem Zackenfels, der dunkeln
Grenze deines Moderreichs, die ew'ge Morgenröt' erglühn? Dort ist
der Tugend Vaterland, der Thron des großen Geists, und ich ein
Bürger seines Staats.
Aus dem hohen Wunderland
Bin ich zu dir hergesandt;
Du sollst von Moisasurs Bann
Indiens Herrscherin befrein.
Nur in deinen Armen kann
Sich ihr Lebensglück erneun.
Genius der Vergänglichkeit.
Sprichst du irre, kannst du hoffen,
Leben aus dem Tod zu ziehn?
Stehn der Hölle Himmel offen?
Macht Verwesung Blumen blühn?
Genius der Tugend.
Ich will heut ein Schauspiel geben,
Dem sich keines noch verglich;
Wo der Tod gewinnt das Leben,
Diese Rolle lehr' ich dich.
Genius der Vergänglichkeit.
Willst du mich zum Gaukler dingen,
Mich, den allgewalt'gen Tod?
Genius der Tugend.
Ich will dich zur Milde zwingen,
Durch des Himmels Machtgebot.
Genius der Vergänglichkeit.
Wer sagt, daß ich schrecklich bin?
Um sein Leben zu verbittern,
Stellt der Mensch mit bangem Zittern
Düstre Bilder von mir hin.
Schrecklich bin ich nur den Bösen,
Doch den Guten bin ich's nicht!
Bin ein Wort von ernstem Wesen,
Das Bestimmung zu ihm spricht.
Doch wie kannst du's, Lichtwurm, wagen,
Zu befehlen mir, dem Tod?
Genius der Tugend.
Dies wird dir dein Meister sagen,
Der dort thront im Morgenrot.
(Schrecklicher Donnerschlag.
Eine Stimme ertönt von oben.)
Gehorche, Sklav!
Die Ewigkeit befiehlt.
Leiser Chor der Genien.
Heil! Heil! Heil!
Genius der Vergänglichkeit.
Sturmesworte hör' ich sausen,
Widerstand ist mir geraubt,
Und vor seines Donners Brausen
Beug' ich mein gekröntes Haupt.
(Kniet und beugt sein Haupt.)
Genius der Tugend (seinen Blick erhebend).
Laß mich deine Strahlen küssen,
Sonne, die du es gefügt,
Daß der Tod zu meinen Füßen,
Wie ein Lamm geschmeidig, liegt.
Genius der Vergänglichkeit (steht auf).
Dein Befehlen zu vernehmen,
Lad' ich, Seraph, dich ins Haus;
Willst du dich dazu bequemen,
Eil' ich deinem Schritt voraus.
(Bleibt in erwartender Stellung.)
Genius der Tugend.
Komm, du Herrscher finstrer Geister,
Führ' mich in dein nächtlich Haus,
Dort verleugn' in dir den Meister,
Zeichne dich als Schüler aus;
Zeig' dem Laster, das der Jugend
Leben stiehlt mit arger List,
Daß die Kraft der edlen Tugend
Über dich erhaben ist.
(Genius der Tugend geht voraus. Genius der Vergänglichkeit folgt.)
Neunte Szene.
(Gerichtssaal in Alpenmarkt.)
Der Amtmann, ein Aktuar und Rossi treten ein.
Amtmann. Das ist ein ganz besondrer Vorfall. Den Gluthahn kenn' ich schon, das ist der abgefeimtste Schurke, den ich je gesehn, da muß man rasch verfahren.
Rossi. Die Zeugen kommen uns gerade recht, sie beschleunigen die
Sache.
Amtmann. Wollen Sie sich nicht gefälligst setzen?
Rossi (setzt sich). Danke.