Ich war also gegen Morgen höchst mißmutig von der Redoute nach Hause gekommen und hatte dann weit in den Tag hinein geschlafen. Als ich eben mit dem Ankleiden fertig war, erschien mein Diener und meldete, daß eine junge Dame in Trauer mich zu sprechen wünsche.
Wie ein Blitz durchzuckte es mich: Ginevra! Aber schon hatte ich auch diesen Gedanken mit der Annahme beschwichtigt, daß die Betreffende möglicherweise eine pauvre honteuse sein könne, wie solche nicht allzu selten die Offiziere in Anspruch zu nehmen pflegten. Ich sagte also meinem Diener, er möge die Dame nur ins Nebenzimmer treten lassen.
Als ich, dennoch bangen Herzens, die Tür öffnete, stand sie — stand wirklich Ginevra aufrecht in der Mitte des Zimmers, die Arme, wie es ihre Art war, an den Hüften hinabgesenkt, die Hände leicht ineinandergeschlossen. Sie war auffallend größer geworden, und ihre Formen zeigten sich erst jetzt vollständig entwickelt. Eine elfenbeinartige Blässe lag über ihrem Antlitz, und die Augen hatten den mir bekannten dunkel metallischen Glanz der Erregung. Ihr Haar schimmerte noch goldiger als früher unter dem schwarzen Krepphute hervor.
‚Verzeihen Sie,‘ begann sie mit einem leichten Senken des Hauptes, ‚daß ich Sie aufgesucht. Es würde nicht geschehen sein, wenn Sie den Brief meiner Mutter einer Antwort gewürdigt hätten.‘
‚Den Brief Ihrer Mutter —‘ stammelte ich in atemloser Verwirrung. Und mit einem Blick auf ihre schwarze Kleidung fuhr ich fort: ‚Ihre Mutter —‘
‚Ist vor zwei Monaten gestorben,‘ sagte sie ernst.
‚Mein Gott —‘ erwiderte ich tonlos.
‚An einem Rückfall in jene Krankheit, von der Sie ja wissen.‘
Es war, als wollte sie in diese Worte für mich eine Beruhigung legen.
‚Mein Gott —‘ wiederholte ich, während sich jetzt ihre Augen langsam mit Tränen füllten. ‚Aber ich bitte, setzen Sie sich doch —‘