Sie drückte ihr Tuch an die Wimpern und machte eine kurz ablehnende Bewegung. ‚Ich werde Sie nicht lange stören. Ich bin nur gekommen, um eine Bitte auszusprechen, die ich durch meine Mutter an Sie richten ließ. Ich ersuche Sie, mir das Kreuz zurückzustellen, das ich Ihnen gegeben. Sie kennen den Wert, den es für mich hat — und hoffentlich befindet es sich noch in Ihrem Besitz.‘

‚Gewiß, gewiß‘, entgegnete ich und wollte an meinen Schreibtisch treten. Aber unwillkürlich hielt ich inne. ‚Und Sie, Ginevra — was werden Sie jetzt — —‘

‚Ich folge dem Rufe von Verwandten, die in Graz leben; denn in Leitmeritz mag ich nun nicht länger bleiben. Aber ich werde niemandem zur Last fallen, sondern Unterricht im Italienischen erteilen, der in jener Stadt sehr gesucht sein soll.‘

Wie sie jetzt so vor mir stand, ungebrochen von allem, was da geschehen, in mädchenhafter Selbständigkeit, im Vollbewußtsein ihrer Hoheit und Würde, da überkam mich das ganze Gefühl meiner eigenen Erbärmlichkeit und drohte mich zu ersticken. Wie aus einem Sumpfe blickte ich zu ihr empor.

‚Ginevra,‘ rief ich, ‚Sie verachten mich — Sie müssen mich aufs tiefste verachten!‘

‚Ich verachte Sie nicht‘, entgegnete sie ruhig. ‚Was können Sie dafür, daß Sie mich nicht geliebt haben?‘

‚O! Nicht geliebt!‘

‚Nicht so, wie ich in törichter Zuversicht vorausgesetzt — nicht so, wie ich Sie geliebt. Wie sehr ich durch diese allmähliche Erkenntnis gelitten, werden Sie mir ohne weitere Versicherung glauben. Jetzt aber habe ich überwunden und sehe ein, daß es nicht anders kommen konnte. Daher hege ich auch keine Verachtung, keinen Groll gegen Sie; vielmehr bin und bleibe ich Ihnen dankbar für die erste schöne Täuschung meiner Jugend. Sie war trotz allem die glücklichste Zeit meines Lebens — und wird es wohl in meiner Erinnerung immer bleiben. Und so stelle ich Ihnen auch‘ — sie zog bei diesen Worten einen Handschuh halb ab — ‚den Ring, den Sie mir damals gaben, nicht zurück — wie ich es vielleicht sollte. Ich werde ihn tragen bis ans Ende meiner Tage.‘

In mir wogten die unaussprechlichsten Gefühle.

‚Ginevra!‘ rief ich leidenschaftlich und wollte, ihre Hand erfassend, vor ihr niederknieen.