Ich selbst hatte mich von Burda zurückgezogen und war mit mehreren andern in eine offene Verbindungstür getreten; von dort aus konnte ich den ganzen Saal überblicken, wo der Tanz bereits begonnen hatte. Bald fiel mir auch unter den walzenden Paaren die Prinzessin ins Auge, die mit einem blutjungen Dragoneroffizier von kleiner, aber zierlicher Gestalt lustig dahinflog. Ich spähte nach Burda und fand ihn an einem Pfeiler stehen, den er auch hier, hart an einem Spiegel, zu behaupten gewußt hatte. Wie ich ihn so betrachtete, der, ein Bild starrer Erwartung, vor sich hinblickte, kam mir seine Erscheinung weit weniger vornehm und anziehend vor, als sonst; er wurde offenbar von der ganzen Umgebung in den Schatten gestellt. Auch fiel mir jetzt zum erstenmal auf, daß seine Gesichtszüge eigentlich unbedeutend waren und daß er eine sehr kleine, gedrückte Stirn hatte.
Während ich so meine Betrachtungen anstellte, fühlte ich mich leicht an der Schulter berührt. Ich wendete mich um — und stand dem Adjutanten des Fürsten gegenüber.
„Dürfte ich Sie bitten,“ sagte der Major sehr freundlich mit leiser Stimme, „mir einen Augenblick zu schenken, Herr Leutnant? Ich hätte ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen.“ Er faßte mich zuvorkommend unter dem Arm und führte mich in ein kleineres Nebengemach, wo ein vereinsamtes Büfett stand. Dort lud er mich zum Sitzen ein und begann, indem er mir vertraulich näher rückte: „Vor allem möchte ich Sie fragen, wie der große, schlanke Offizier heißt, welcher im Saale an einem Spiegelpfeiler steht. Sie werden wohl wissen, wen ich meine, da Sie, wenn ich nicht irre, in seiner Gesellschaft hier erschienen sind.“
Ich war begreiflicherweise gleich anfangs sehr betreten gewesen; nun aber suchte ich mich zu fassen und nannte mit möglichster Unbefangenheit den Namen Burdas.
„Und darf ich mir erlauben, weiter zu fragen, ob Sie mit diesem Herrn näher bekannt sind — das heißt, ob Sie mit ihm auf vertrautem Fuße stehen?“
Ich erwiderte, daß Burda mein Freund sei.
„Das ist mir lieb“, sagte der Major, indem er seine Hand leicht auf die meine legte. „Denn Sie können Ihrem Freunde auch einen wahren Freundschaftsdienst erweisen. Wollen Sie das?“
Diese Worte klangen höchst einschmeichelnd; aber mir ahnte nichts Gutes. „Gewiß bin ich bereit — und wenn Sie mir erklären wollen — —“
Er lehnte sich zurück und hustete leicht. „Nun,“ begann er, „das Ganze ist von nicht allzu großer Bedeutung — aber immerhin eine delikate Angelegenheit. Ihrem Freunde hat es nämlich beliebt, an der jüngsten Tochter meines Chefs Wohlgefallen zu finden. Nun steht dies allerdings jedermann frei, besonders einem in jeder Hinsicht ausgezeichneten Offizier, wie dies Ihr Freund ohne Zweifel ist. Nur mit den Kundgebungen seines Wohlgefallens sollte er, in richtiger Erwägung der Umstände, etwas vorsichtiger sein. Daß er im Theater beständig nach der fürstlichen Loge blickt, möchte noch hingehen. Allein die Prinzessin kann seit einiger Zeit kaum mehr ans Fenster treten, ohne den Herrn Leutnant zu gewahren, der vor dem Palais auf und nieder schreitet; sie kann keinen Spaziergang unternehmen, ohne von ihm, wie von ihrem Schatten, gefolgt zu werden — ja selbst, wenn sie ausfährt, weiß es Ihr Freund so einzurichten, daß er beim Ein- und Aussteigen stets in der Nähe ist. Unlängst ist es sogar vorgekommen, daß, als der Wagen eine Zeitlang vor einem Juwelierladen hielt, eine Rose durch das offene Coupéfenster geworfen wurde. Im Anfang“, fuhr der Major mit ironischem Lächeln fort, „hat man die Sache nicht allzu übel aufgenommen. Sie wissen ja, junge Damen sind — wie soll ich nur sagen? — unter allen Umständen nicht ganz frei von einer gewissen Koketterie. Bald aber mokierte man sich — und jetzt, da bereits zum zweiten Male mit der Post anonyme Verse eingetroffen sind, in welchen die licentia poetica bis zum äußersten getrieben wurde — jetzt fängt man an, diese fortgesetzten Huldigungen unerträglich zu finden, und hat sich bemüßigt gesehen, den durchlauchtigsten Papa ins Vertrauen zu ziehen. Dieser hat wieder mich beauftragt, die Sache in unauffälligster, schonendster Weise beizulegen, und ich selbst glaube am besten zu tun, wenn ich Sie jetzt herzlich bitte, Ihren Freund auf das Unstatthafte seines Benehmens aufmerksam zu machen.“
Da hatte ich nun, was ich vorausgesehen, und befand mich in größter Verlegenheit. „Sie werden nicht verkennen, Herr Major,“ sagte ich nach einer Pause, „welch peinlichen Auftrag Sie mir da erteilen. Es fällt immer ein schiefes Licht auf denjenigen, der sich in fremde Angelegenheiten mischt, und oft wird gerade der wohlmeinendste Rat zur Beleidigung. Das aber habe ich meinem Freunde gegenüber zu befürchten, der in jeder Hinsicht von äußerster Empfindlichkeit ist. Da ich jedoch erkenne, daß ihm jedenfalls ein Wink gegeben werden muß, so werde ich es trotzdem versuchen, wenn ich auch — und ich bitte dies wohl zu beachten — für den Erfolg nicht einstehen kann.“