Drinnen klang, während sich das Guckloch schloß, ein leichtes „Ah!“ Dann sehr vernehmlich: „Bitte nur noch einen Augenblick! Ich habe das Mädchen weggeschickt; ich muß erst den zweiten Schlüssel holen.“
Bald darauf drehte sich dieser im Schlosse, und eine nicht ganz deutlich werdende Gestalt ließ uns, indem sie die Tür öffnete, in das trübe Zwielicht einer nicht sehr geräumigen Küche treten.
„Ach, verzeihen Sie,“ sagte sie, indem sie den Schlüssel wieder umdrehte und abzog, „daß Sie sich so lange gedulden mußten. Ich hatte Sie so früh nicht erwartet. Aber — —“
Wie man bemerken konnte, verweilte jetzt ihr Blick befremdet und forschend auf mir.
„Ja, gnädige Frau, ich habe einen Besuch mitgebracht“, rief mein Begleiter feierlich. Dann vorstellend: „Mein hochverehrter Kollege, der berühmte —“ er nannte meinen Namen. „Er hat Ihren Roman gelesen und will Sie nun auch persönlich kennen.“
„O, ich bitte —“ erwiderte sie verwirrt. „Aber treten Sie doch ins Zimmer. Ich habe noch gar nicht Licht gemacht — ich werde gleich —“ Und indem sie sich jetzt mit einer Petroleumlampe zu schaffen machte, die in der Nähe des Herdes stand, traten wir in ein ziemlich weitläufiges, niedrig gewölbtes Gemach, wie solche in den Erdgeschossen alter Stadthäuser häufig anzutreffen sind. Da die Fenstervorhänge geschlossen waren, herrschte in dem Raume solche Dunkelheit, daß man die Einrichtungsstücke, außer einem runden Tische, der in der Mitte des Zimmers stand und auf welchem bereits Vorbereitungen zum Abendtee getroffen waren, kaum unterscheiden konnte.
Wir hielten uns, um nirgends anzustoßen, in der Nähe der Tür, und nun trat auch Frau Elsa herein, das Gesicht von der hellschimmernden Lampe beleuchtet, die sie vor sich her trug.
Wenn Frauenlob gesagt hatte, daß sie „wunderschön“ sei, so konnte man diesem Ausspruche jetzt ebenso wenig unbedingt beipflichten, wie der überschwenglichen Anerkennung des Romans. Daß sie sehr schön gewesen, das zeigte sich allerdings noch, und daß sie auch noch immer Anreiz auszuüben vermochte, mußte zugegeben werden. Allein welche Veränderungen waren da während der letzten drei Jahre vor sich gegangen! Sie war überraschend schlank, ja mager geworden, und zwar wies sie jene Magerkeit vorzeitig raschen Verfalles, welche Züge und Formen schlaff und verkümmert erscheinen läßt. Ihr vormals so ungemein üppiges Haar war auffallend gelichtet, und die hellen Goldaugen hatten sich zu einem scharfen Braun abgedunkelt. Trotzdem waren es noch immer anziehende Augen, die jetzt bei mangelnder Gesichtsfülle um so größer erschienen, als sie von sichtlich geschwärzten Wimpern hervorgehoben wurden. Aber sie waren auch von breiten, mißfarbigen Ringen umzogen, die als Zeichen körperlicher — vielleicht auch seelischer Erschöpfung gelten konnten. Sie trug ein einfaches, nicht ganz passendes Kleid aus Wollenstoff, und außer einer billigen, unechten Brosche in der Gegend des Halses keinerlei Schmuck. Ihre Hände waren gerötet und ließen trotz der peinlichen Sorgfalt, mit der sie offenbar gepflegt wurden, Spuren harter häuslicher Arbeit erkennen.
Sie hatte die Lampe auf den Tisch gestellt und betrachtete mich aufmerksam. „Darf ich noch einmal um den Namen dieses Herrn bitten; ich hab’ ihn vorhin nicht ganz —“
Frauenlob wiederholte ihn mit Emphase.