VII.

Ein Jahr später führten mich die Verhältnisse auf kurze Zeit wieder nach Wien. Es war im Frühsommer, und die helle Stadt schimmerte in vollem Blütenschmuck ihrer öffentlichen Anlagen. Dennoch hatten viele meiner Bekannten sich bereits aufs Land begeben. Einer von ihnen stellte mir in seiner verlassen stehenden Wohnung ein Zimmer zur Verfügung, welches ich eigentlich nur zum Schlafen benützte. Ich empfing niemanden, ging ziemlich unbeachtet meinen Geschäften nach und gab mich nebenher im stillen den Genüssen hin, welche Wien und seine nächste Umgebung in dieser schönen Jahreszeit darbieten.

So hatte ich mich auch an einem strahlenden Sonntagsmorgen zu einer Fahrt nach Schönbrunn entschlossen. Ich wollte da draußen, etwa im Jägerhause, frühstücken und hierauf wieder einmal den herrlichen Park nach allen Richtungen durchstreifen, wollte mich später auf eine Bank niederlassen, die sonnigen, rasenumsäumten Blumenbeete des Parterres, die weißen Marmorgruppen in den Nischen der Laubwände, das freundliche Schloß mit seinen grünen Jalousien vor Augen — und mich dabei in längst vergangene Zeiten, in alte teuere Erinnerungen zurückträumen ......

Das führte ich denn auch alles aus — und darüber war es Mittag geworden. Ich dachte nun bei „Dommayer“ zu essen, nachmittags aber bei Verwandten vorzusprechen, die in Penzig wohnten, und welche ich seit einer Reihe von Jahren nicht mehr aufgesucht hatte.

Während ich mich jetzt dem nach Hietzing führenden Ausgang des noch ziemlich menschenleeren Parkes näherte, kamen mir in der breiten Doppelallee zwei hohe, vornehm aussehende Frauengestalten entgegen. Die eine von ihnen schien mir sehr bekannt; unwillkürlich blickte ich sie forschend an — und sah, nun schon ganz in der Nähe, daß ich Elsa Röber vor mir hatte.

Auch sie war, wie ich bemerken konnte, auf mich aufmerksam geworden, und ungeheuchelte Freude des Wiedersehens malte sich jetzt in ihren Zügen.

„Ah, Sie sind in Wien!“ rief sie, stehenbleibend und mir die Hand entgegenstreckend, die ich mit einiger Verlegenheit ergriff. „Seit wann sind Sie denn hier? — Aber ich muß Sie bekannt machen“, fuhr sie mit einem Blick auf ihre Begleiterin fort, die mich stolz und zurückhaltend betrachtete. „Meine Freundin Frau von Ramberg — Herr —.“

Ich hatte inzwischen herausgefunden, daß mir auch diese Dame, welche eine Art Männerhut und einen leichten Halbschleier trug, nicht ganz fremd war; denn sie gehörte zu jenen Erscheinungen, mit welchen mich die weitläufigen gesellschaftlichen Beziehungen, die ich in früherer Zeit noch unterhielt, hier und dort flüchtig zusammengeführt. Sie war die Frau eines Konsulatsbeamten und mit diesem ziemlich weit in der Welt herumgekommen; seit sie aber von ihm getrennt lebte, hatte sie Wien zu ihrem ständigen Aufenthaltsorte gewählt, wo sie eine rege gemeinnützige Wirksamkeit zu entfalten suchte. Sie beschäftigte sich viel mit der Frauenfrage, war Mitglied mehrerer weiblichen Vereine; ja sie hatte sogar an der Klinik eines berühmten Chirurgen einen Pflegerinnenkurs durchgemacht, dessen Frucht eine kleine Broschüre über diesen Gegenstand war. Sie galt für geistig sehr bedeutend, aber auch für hochmütig und ränkesüchtig; die Männer behandelte sie mit kühler Herablassung und schloß sich mit Vorliebe an Frauen an.

Sie erwiderte nunmehr meine Verbeugung mit einem gemessenen Kopfnicken.

„Und bleiben Sie jetzt hier?“ fragte Elsa weiter.