„Keineswegs. Ich bin nur auf ganz kurze Zeit gekommen — gleichsam inkognito —“

„Das ist schade. Ich begreife übrigens, daß man es vorzieht, auf dem Lande zu leben. Die Ruhe ist so wohltuend. Auch wir wollen jetzt beständig in Hietzing wohnen, wo wir eine Villa gekauft haben. Wußten Sie vielleicht davon?“

„Nein.“

„Weil Sie sich auch gar nicht um so alte Bekannte kümmern! Aber kommen Sie doch ein wenig mit uns. Man hat mir Bewegung verordnet, und da laufe ich denn die Alleen hier ab.“

Ich konnte nicht umhin, mich anzuschließen und fand mich allmählich in die so unvermutete Situation. Hatte ich doch kaum mehr der Frau gedacht, die jetzt neben mir herschritt! Sie war schlank geblieben und sah bei näherer Betrachtung etwas gealtert aus; vor allem hatte ihr Teint und der Schmelz der Zähne bedeutend gelitten. Aber ihre Züge waren feiner, vergeistigter geworden, und ein schwermütiger, schmerzlicher Zug um Augen und Mund verschönte sie eigentümlich. Ein Morgenkleid aus rot gemustertem Foulard und ein großer weißer Spitzenhut vollendeten ihre tadellose Erscheinung. Ja, sie war in Haltung und Miene, in Wort und Gebärde wahrhaftig eine „Dame“ geworden. Der Wiener Dialekt, der ihr eigentlich niemals stark angehaftet und welchen sie im Verkehr mit Röber, der ein sehr reines Deutsch sprach, schon früher so ziemlich abgestreift hatte, war jetzt bis auf einige leichte und gemütliche Anklänge aus ihrer Rede verschwunden. Was nicht das Geld bewirkt! So dacht’ ich im stillen, während ich das kostbare Parfüm einatmete, das in einem feinen Hauche von ihr ausging.

„Wissen Sie,“ begann sie nach einigen schweigend zurückgelegten Schritten, „daß ich Ihnen schon schreiben wollte?“

„Mir? Gewiß in einer literarischen Angelegenheit?“

„O keineswegs!“ erwiderte sie rasch mit leichtem Erröten, „Sie erinnern sich doch — ich sagte Ihnen ja, daß ich eigentlich keinen Beruf zur Schriftstellerin in mir fühle.“

„Man muß es ihr glauben, da sie es behauptet“, warf Frau von Ramberg, halb zu mir gewendet, mit ihrer etwas dünnen und knöchernen Stimme ein. „Sie hat aber trotzdem einen neuen Roman zu schreiben begonnen.“

„Nun ja; ich bin jetzt wieder oft allein — und da muß ich doch die Zeit mit irgend etwas hinbringen. Aber es ist nur für mich; Sie wissen ja, es macht denen, die mir am nächsten stehen, keine Freude.“