IX.

Die Zeit meiner Abreise war herangerückt. Bevor ich meine Vaterstadt vielleicht auf lange wieder verließ, wollte ich noch eine stille Stunde der Gemäldegalerie im Belvedere weihen. Konnte es doch das letztemal sein, daß ich diese Kunstschätze an dem stimmungsvollen Orte sah, wo ich sie seit meiner Jugend zu betrachten und zu bewundern gewohnt war.

Die Ausführung dieses Vorhabens wurde durch mehrfache Umstände bis knapp vor dem Tage verzögert, den ich mir zur Reise festgesetzt hatte, und selbst da kam noch allerlei Störendes dazwischen, so daß es bereits zwei Uhr war, als ich mich, an den wohlbekannten Taxushecken und den steinernen Sphinxen vorübereilend, dem ehemaligen Sommerpalaste des Prinzen Eugen näherte. Das Wetter war dem Unternehmen nicht sehr günstig: ein düsterer, bedeckter Himmel, der sich hin und wieder aufhellte, um gleich wieder regendrohend sich zu verfinstern. So fehlte denn, als ich die weiten Säle betrat, der verklärende Sonnenschein, welcher, wenn auch in einzelnem zuweilen störend, die Gesamtheit der Bilder sofort dem Auge und Herzen näher bringt. Zudem waren unvermutet viele Besucher da; die Mehrzahl rote Bädeker in den Händen. Was mich aber am meisten störte, war die Unzahl von kopierenden Malern und Malerinnen. Sie saßen nur so in Reihen hintereinander, jeder und jede noch ein paar neugierige Zuseher im Rücken oder zur Seite. Ich konnte die richtige Stimmung nicht finden und ging zerstreuten Sinnes an den herrlichen Meisterwerken hin. Dieser leere, unbefriedigte Zustand wurde aber mit einem Mal zu einem grimmigen Mißbehagen, als ich im Rubenssaale mit einem Herrn zusammenstieß, dem ich, und besonders heute, lieber eine Meile weit aus dem Weg gegangen wäre. Es war ein sogenannter „Amateur“, ein sonst ganz unbeschäftigter, ziemlich wohlhabender Mann, der in allen Ateliers herumschnüffelte, auf jeder Auktion anzutreffen war und, wie sich von selbst versteht, eine kleine Privatgalerie samt einer wertvollen Antiquitätensammlung besaß. Sein selbstbewußtes Wesen, seine rechthaberischen, oft sehr schiefen Kunsturteile waren sprichwörtlich geworden, und die Maler behaupteten, er verstehe von Bildern so viel oder so wenig wie ein Schuhflicker. Das war nun freilich übertrieben; denn wiewohl er nach jeder Richtung hin Aussprüche tat, die von dünkelhafter Halbbildung strotzten, so konnte man doch nicht leugnen, daß er, wie alle solche Menschen, die Gabe besaß, an jeder Leistung sofort die schwachen Seiten herauszufinden. Und wie in der Kunst, so auch im Leben. Ein aufdringlicher Gesellschafter, wußte er sich in alle Kreise Eintritt zu verschaffen; man duldete ihn als eine Art notwendigen Übels und bespöttelte seine böse Zunge mehr, als man sie fürchtete, da er oft genug über ganz harmlose Persönlichkeiten die ungeheuerlichsten Dinge vorbrachte. Dennoch wußte er sehr genau, wo jeden einzelnen der Schuh drückte, und die verborgensten und verschwiegensten Verhältnisse waren für ihn nicht selten ein offenes Buch, in dem er mit Behagen las.

Ich wollte anfangs Miene machen, ihn nicht sofort zu erkennen, dann aber mich mit einer verbindlichen Gebärde schweigend an ihm vorbei drücken. Er jedoch tat sehr erfreut, faßte mich unter dem Arm, fragte mich, wie es mir gehe, wie lange ich schon in Wien sei — und so weiter. Meine neueste Dichtung habe er gelesen, sich aber leider mit dem Sujet nicht befreunden können; jedenfalls sollte ich mehr — viel mehr schreiben. Dann kam er auf die neuen Museen zu sprechen, welche er in der Hauptsache für ganz verfehlt erklärte — und schloß endlich damit, daß er hier Rafaels Madonna im Grünen en miniature kopieren lasse, und zwar von einem Aquarellisten, der in dieser Hinsicht eine ganz neue Methode erfunden habe. Er führte mich auch zu dem betreffenden Künstler, einem schon sehr bejahrten Herrn, der, eine eigentümlich konstruierte Brille auf der Nase, ruhig hinter seiner Tafel saß. Die fast vollendete Arbeit nahm sich in der Tat sehr schön und erfreulich aus; der Mäcen lobte sie auch, hielt jedoch mit wohlwollenden Ausstellungen keineswegs zurück. Ganz unerträglich jedoch benahm er sich einem jüngeren Maler gegenüber, welcher, wie sich herausstellte, Morettos Santa Justina im Auftrage des Münchener Grafen Schack kopierte. Nicht genug, daß er dicht hinter den emsig Arbeitenden trat und, bald das Original, bald die Kopie betrachtend, vor allen Anwesenden mißbilligend den Kopf schüttelte: er wies auch mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Fehler hin, welche seiner Meinung nach bei der Nachbildung begangen wurden, so daß der Künstler endlich sich unwillig halb erhob und den unberufenen Kritiker mit zornfunkelnden Augen herausfordernd ansah.

Ich hielt es nicht länger aus und wollte, mich empfehlend, die Galerie verlassen, die mir nun doch schon verleidet war.

„Warten Sie, ich gehe gleich mit Ihnen“, sagte er und hängte sich wieder an meinen Arm.

Er hatte unten einen Einspänner stehen und bot mir einen Platz an. Ich wollte ablehnen; aber er nötigte mich einzusteigen. „Fahren Sie wenigstens ein Stück Weges mit; warum wollen Sie denn die lange Heugasse zu Fuß zurücklegen?“

Als wir in dem engen Gefährt saßen, fragte er mich, wohin ich denn eigentlich wollte. Ich antwortete, daß ich jetzt essen gehen würde. Wohin? Er speise in der Stadt Frankfurt, ich solle mitkommen. Nein, das sei mir zu entlegen, ich wolle überhaupt nicht nach der Stadt. Wohin ich mich also begeben würde? Ich nannte ein in der Nähe befindliches Hotel, das mir gerade einfiel. „Hotel Viktoria? Schön, ich kann auch dort speisen und leiste Ihnen Gesellschaft.“ Er rief dem Kutscher zu, nach dem bezeichneten Orte zu fahren.

Da es inzwischen ein wenig geregnet hatte und sich der Tag überhaupt empfindlich kühl anließ, so vermieden wir, uns in den schönen Garten zu setzen, der das Hotel auszeichnet, und begaben uns in den Speisesaal, der, wie meistens um diese Stunde, ganz unbesucht war. Wir bestellten unser Essen, das ich meinerseits in der aufgezwungenen Gesellschaft mit verbissenem Ingrimm hinunterwürgte.

Man hatte uns schon den Kaffee gebracht, als plötzlich draußen im Garten ein auffallend vornehmes Paar erschien: ein Herr und eine Dame, in welch ersterem ich sofort Röber erkannte. Die beiden schienen unter sich uneins, ob sie im Freien bleiben oder den Saal aufsuchen sollten. Endlich gab die Dame kurzweg den Ausschlag, indem sie sich rasch an einem kleinen Tische niederließ, der, von einigen Oleanderstöcken umgeben, ziemlich geschützt in der Nähe der Saalfenster stand.