Sie ließ die Arme sinken. „Eine Deputation?“ fragte sie betroffen.
„Erschrick nicht“, entgegnete er, indem er zärtlich mit seiner schon etwas welken Hand über eine der dunklen Haarwellen strich, die zu beiden Seiten ihres Hutes hervorquollen. „Es ist von gar keiner Bedeutung. Man hat mir von seiten der Ortsgemeinde eine Huldigung dargebracht, von der ich allerdings lieber verschont geblieben wäre. Da sie aber jetzt, wie alles andere, bereits hinter mir liegt, so will ich sie gewissermaßen als Abschluß meines öffentlichen Wirkens betrachten — und nichts soll fürder unsern lieben Schloßfrieden stören.“
„So hoffe ich!“ sagte sie, sich an ihn schmiegend. „Und doch“, fuhr sie nachdenklich fort, „fürchte ich auch, daß dir dieser Frieden, diese Ruhe bald zur Last werden dürfte. Du bist so an Tätigkeit gewöhnt —“
„Ja,“ antwortete er, während er seinen Arm sanft um ihre Mitte legte und sie langsam nach der Bank zurück leitete, auf die sich nun beide niederließen, „ja, ich bin an Tätigkeit gewöhnt — aber ich bin auch erschöpft. Wer, wie ich, das Werk seines Lebens zusammenbrechen sah, der fühlt, daß er zu Ende ist und nicht etwa wieder von vorne anfangen — oder gar nach einer anderen Richtung hin wirksam sein kann. So ist man auch nur meinem eigenen Wunsche zuvorgekommen, als man mich, freilich ziemlich ungnädig, in den Ruhestand versetzte, und wenn mich heute noch ein bitteres Gefühl beschleicht, so ist es nur die Folge der Überzeugung, daß der Staat auf Bahnen zurückgeworfen wurde, die nie und nimmer zum Heile führen können. Wie unsicher, wie drohend erscheinen die Verhältnisse! Des Aufstandes in Ungarn ist man noch nicht Herr geworden, — Konflikte mit Deutschland hinsichtlich der Machtfrage scheinen sich vorzubereiten. Österreichs Zukunft ist es, was mich mit tiefer Sorge erfüllt. Könnte ich darüber beruhigt sein, so würde ich mich glücklich preisen, endlich mir selbst — und meinem geliebten Weibe leben zu können.“
Er hatte bei diesen Worten ihre Hand erfaßt, um sie an die Lippen zu führen; sie aber bot ihm den Mund zu einem vollen, langen Kusse.
So ungleich auch das Paar erscheinen mochte, der Austausch dieser ehelichen Zärtlichkeit hatte nichts Befremdliches. Denn der betagte Mann, der die blühende Frau umschlang, gehörte zu jenen seltenen Menschen, welche ohne Nachteil alt werden können. War auch sein Haar ergraut, sein Scheitel gelichtet: seine schlanke, vornehme Gestalt war aufrecht und beweglich geblieben, und der geistige Adel seiner Stirn, der klare Blick seiner Augen wurden durch den fein sinnlichen Zug, der die Lippen umspielte, keineswegs geschädigt, sondern nur noch eindringlicher hervorgehoben. War er doch, als er zu Anfang der Vierziger Jahre einem öffentlichen Verwaltungsamte vorstand, im Volksmunde stets der „schöne Präsident“ genannt worden. Und damals geschah es auch, daß er sich, nahezu ein Fünfziger, in die Tochter eines seiner ihm unterstehenden Räte beim ersten Anblick leidenschaftlich verliebt, daß er um sie geworben — und ein freudiges Jawort erhalten hatte. Er war viel zu klug, um nicht einzusehen, daß dabei sein Rang und seine Glücksgüter sehr bedeutend in die Wagschale gefallen waren; aber er hatte trotzdem die überzeugende Empfindung, daß er seine kaum zwanzigjährige Braut auch durch die Vorzüge seiner Persönlichkeit fesselte und ihr durch die unverbrauchte Kraft seines im Innersten jugendlich gebliebenen Wesens fast jene Liebe einflößte, die er selbst für sie empfand. Ja, er wurde beglückt — aber auch er beglückte. Daran konnte, durfte er nicht zweifeln im Laufe einer nunmehr fast zehnjährigen Ehe. Aber wird dieser beseligende Zustand Dauer haben können? Auch jetzt noch, da er nun in der Tat die Schwelle des Greisenalters beschritten hatte? Und später ....?
Diese Gedanken mochten es sein, die seine Stirn umwölkten und ihn mit gedämpfter Stimme sagen ließen: „Ja, ich werde hier glücklich sein, Klothilde. Aber auch du?“
Sie sah ihn überrascht an. „Ich!? Wie kannst du nur daran zweifeln? Du weißt doch, wie sehr ich unser schönes Kostenitz liebe. Und jetzt, da wir uns ganz hier einleben können — was stets das Ziel meiner geheimen Wünsche war — jetzt sollte ich nicht glücklich sein können?“
Er sah, daß sie ihn nicht verstand. „Ich meinte es auch nicht so“, sagte er leise. „Ich zweifelte nur, ob du dich auch ferner an meiner Seite hier glücklich fühlen wirst.“
Sie verfärbte sich leicht. „An deiner Seite?“ rief sie. „Wie kommst du zu dieser Frage, Alfons?“