Er senkte das Haupt. „Weil ich älter und älter werde — und du noch im vollen Zenith deines Lebens stehst.“
Nun hatte sie ihn begriffen. Sie sprang auf, legte die Hände auf seine Schultern und blickte ihm erschreckt und vorwurfsvoll ins Antlitz. „Alfons, was willst du damit sagen? Wer gibt dir ein Recht, so zu sprechen?“
„Meine innerste Empfindung“, antwortete er demütig, indem er ihre beiden Hände ergriff und sie sanft an die Lippen führte. „Verzeih’ mir, Klothilde! Es war gewiß töricht, daß ich dieser Empfindung Ausdruck gegeben — aber ich konnte nicht anders.“
Sie stand vor ihm und sah ihm tief in die Augen. „Mein Gott, ich fasse es nicht. Hast du denn etwas an mir wahrgenommen, das dich zu solchen Besorgnissen —“
„O nichts! Nichts!“ unterbrach er sie hastig. „Du bist ein Engel an Güte und Zärtlichkeit!“
„O dann,“ rief sie, „dann begreife ich nicht, wie du dich mit solchen Gedanken quälen kannst! Alfons!“ fuhr sie fort, indem sie jetzt, eh’ er es noch verhindern konnte, rasch an ihm niederglitt, knieend seine Hand ergriff und wiederholt an die Lippen drückte. „Alfons! Muß ich dir denn erst versichern, daß es kein glücklicheres Weib geben kann, als ich es bin? Fühlst du denn nicht, wie innig ich dir angehöre? Und nun gar hier, ferne von den verwirrenden Eindrücken der Welt, in die ich mich, das weißt du, nie — niemals habe finden können. O, hier kann sich ja unser beider Glück nur erhöhen, und wenn dir, wie gesagt, die Untätigkeit nicht zur Last wird, dann wird auch nichts den Himmel unserer Tage trüben!“
Der Hut war ihr in den Nacken gesunken, und ihr schönes Haupt kam ganz und voll zum Vorschein. Er streichelte mit Kosen die dunkle Haarfülle, die ihre zarte, schimmernde Stirn umfloß. „Kann es denn ein besseres Tun geben, als still in deiner Nähe zu atmen?“ sagte er lächelnd, während er sie mit sanfter Gewalt wieder auf die Bank emporzog. „Übrigens ganz und gar müßig werde ich trotzdem nicht sein. Denn ich habe vor, die Geschichte der Jahre zu schreiben, die ich im Staatsdienste zugebracht. Sie wird vielleicht einem späteren Geschlechte zugute kommen.“
„Das ist ja herrlich!“ rief Klothilde vergnügt aus. „Werde doch auch ich meine Beschäftigungen — oder Liebhabereien wieder aufnehmen, die mir so lange verwehrt und verkümmert waren. Schon habe ich meine eingetrockneten Aquarellfarben hervorgesucht — und gleich morgen gehe ich an die Landschaft, die ich bereits vor einem Jahre begonnen. Und wie will ich mich wieder auf meinem Klavier üben! Jeden Abend sollst du eine Sonate oder eine Symphonie zu hören bekommen.“
Er lächelte ihr mit stiller Beistimmung zu.
„Und wenn Tante Lotti kommt, dann sind wir auch nicht mehr so ganz allein. Dann haben wir einen guten Hausgeist, der sich um alles kümmern wird, was deine Frau vernachlässigt. Es ist dir doch recht,“ setzte sie nach einer Pause hinzu, „daß ich sie gebeten habe, unser beständiger Gast zu sein?“