„Gewiß. Die Ärmste verdient unsere ganze Teilnahme, und wir erfüllen nur eine Pflicht, wenn wir ihr nach all dem Unglück, das sie getroffen, bei uns ein Asyl anbieten.“
„Sie ist so gut!“ fuhr Klothilde fort. „Und dabei so umsichtig, so tüchtig! Wie bewundernswert hat sie nach dem frühen Tode ihres Mannes ihren Sohn erzogen. Und welche Seelenstärke hat sie bewiesen, als sie den hoffnungsvollen Jüngling in ihren Armen verbluten sah.“
„Ja, dieser Kampf an der Taborbrücke“, sagte der Freiherr nachdenklich, „war das Verhängnis der Revolution. Ich hatte den armen August gewarnt, aber er konnte — oder wollte nicht mehr zurück.“
Sie sah, daß sich die Stirn des Gatten umwölkte, und suchte seine Gedanken abzulenken. „Willst du dir nicht das Haus ansehen?“ fragte sie. „Ich habe mich darin schon wieder vollständig eingerichtet. Komm, ich werde dich führen!“
Sie stand auf, und er folgte ihr, indem er seinen Arm leicht unter den ihren schob. Sie traten in den kleinen Flur und stiegen die knarrende Holztreppe hinan, die nach einem nicht ungeräumigen, wenn auch niederen Gemach führte. Es war in ländlichem Geschmack mit Möbeln aus Naturholz eingerichtet; an den Wänden hingen, dunkel eingerahmt, und schon ziemlich verblaßt, Tiroler Gebirgsveduten; in der Mitte aber, über einer sauber geschnitzten, mit harten Kissen belegten Sitztruhe, prangte in sorgfältig koloriertem Steindruck das Bildnis Andreas Hofers. Die ganze Ausstattung rührte noch von der Mutter des früheren Schloßbesitzers her, die einige Jugendjahre in Tirol zugebracht und zur Erinnerung an diesen Aufenthalt das kleine Gebäude hatte herstellen und mit Vorliebe betreuen lassen. Sie pflegte, wie behauptet wurde, während ihrer letzten Lebensjahre fast die ganze Tageszeit hier zuzubringen, und ein anstoßendes Zimmerchen zeugte von ihren sonstigen Gewohnheiten und Liebhabereien. Dort war alles im zierlichen Stil des Empire eingerichtet. Vor einem winzigen Kanapee stand ein putziges Spieltischchen aus Ebenholz, an welchem die alte Dame Patience legte oder mit ihrer Vorleserin eine Partie L’Hombre machte. Ein kleines, brüchiges Spinett hatte seinen Platz dicht am Fenster; auf der anderen Seite befand sich eine offene Handbibliothek, die eine ganze Serie älterer Dichter, wie Klopstock, Uz, Hagedorn, Gellert, enthielt; alles in wohlerhaltenen altmodischen Einbänden von braunem Leder. Die Werke Jean Pauls fanden sich vor, samt einem Exemplar der ersten Ausgabe des Werther; auch einige Dramen Schillers und Tiedges Urania. Auf dem geräumigen Tische des Eintrittszimmers lagen ebenfalls Bücher, die sich durch frische und moderne Einbände als Lektüre der jetzigen Herrin zu erkennen gaben.
„Da siehst du nun alles beisammen,“ sagte Klothilde, nachdem sie eingetreten waren, „was ich außer dir zu meinem Glück brauche. Hier meine geliebten Bücher, vor allen mein Lenau“ — sie nahm den Band wie liebkosend auf — „und dort meine Staffelei. Selbst das Klimperkästchen da drinnen ist mir unschätzbar; denn ein paar Kleinigkeiten von Mozart lassen sich immerhin darauf spielen.“
Er stand jetzt vor der zierlichen Staffelei, an welcher die von Klothilde erwähnte Landschaft zu erblicken war. Sie stellte ein lauschiges, wipfelumschattetes Felsental vor; von der Höhe stäubte ein Wasserfall nieder. Im Vordergrunde fanden sich einige Frauengestalten in idealer Gewandung angedeutet.
„Daran erkennt man doch gleich die Schülerin Markos“, sagte der Freiherr, das Bild betrachtend.
Es war so. Klothilde hatte als ganz junges Mädchen von diesem Meister, der, wie in jenen Tagen viele seiner Kunstgenossen, zu solchem Nebenverdienst greifen mußte, Unterricht erhalten. Man konnte sie begabt nennen; aber über den Dilettantismus erhob sie sich nicht, wie denn überhaupt ihre ganze Bildung, den Zeitverhältnissen entsprechend, der Gründlichkeit entbehrte. Nur die zugänglichste Oberfläche des Wissens hatte sie in sich aufgenommen mit dem feinen Instinkte der damaligen Frauen, welche an geistiger Empfänglichkeit die Männer fast durchgehends überragten. So gingen denn die Kenntnisse Klothildens nicht sehr weit über das hinaus, was ihr durch die gleichzeitige schöne Literatur vermittelt wurde, und auch da war es eigentlich nur das schwermütig sentimentale Element, das sich in den Dichtungen Lenaus, oder das Zarte und Sinnige, wie es sich in den Studien Adalbert Stifters aussprach, was sie unmittelbar anzog; der tiefe Gehalt unserer Klassiker war ihr mehr oder minder verschlossen geblieben. Hingegen zeigte sie sich musikalisch ungemein stark veranlagt und auch umfassend ausgebildet. War doch in ihrem Vaterhause, mehr als heutzutage üblich, die Kammermusik gepflegt worden, und Klothilde selbst hatte stets am Klavier an diesen liebevollen Übungen teilgenommen. Vor allem waren es die unerschöpflichen Tonschätze Beethovens, an denen man sich immer wieder entzückte, und so besaß sie für diesen Meister nicht bloß die begeistertste Verehrung, sondern auch das tiefste Verständnis.
„Hier werde ich nun wieder meine Vormittage zubringen“, sagte sie jetzt. „Wie dankbar bin ich der guten Gräfin, deren Geist mich in diesen Räumen umschwebt, daß sie das reizende Häuschen entstehen ließ!“