„Der Zar ist mächtig“, fuhr der Graf mit blitzenden Augen fort, „und es kann der Welt gar nicht schaden, wenn sie nach all dem tollen Freiheitsschwindel wieder einmal tüchtig die Knute zu spüren bekommt.“
Der Freiherr erwiderte nichts und suchte das Gespräch auf andere, näher liegende Dinge zu lenken, wobei nun auch Klothilde Gelegenheit fand, einige Worte mit einzuflechten. Aber der Graf erhob sich bald.
„Ich darf die Herrschaften nicht länger stören“, sagte er, sich beim Abschiede mit herablassender Förmlichkeit verbeugend. „Auch werde ich unten erwartet. Noch eines will ich sagen. Sollten sich wider Vermutungen meine Leute Unzukömmlichkeiten erlauben, so bitte ich, sich sofort an mich zu wenden. Für Störungen, welche mit der Handhabung des Dienstes verbunden sind, kann ich natürlich nur um Entschuldigung bitten, und die Schloßherrin“ — er wandte sich dabei an Klothilde — „wird es mir hoffentlich nicht allzu schwer anrechnen, wenn sie durch unvermeidliche Trompetensignale — oder durch das Wiehern und Stampfen der Pferde aus süßen Morgenträumen aufgeschreckt wird.“
Als er sich entfernt hatte, herrschte längeres Schweigen. Endlich sagte der Freiherr: „Hab’ ich es nicht vorhergesagt? Es ist wirklich ein Glück, daß wir uns um ihn nicht zu kümmern brauchen. — Wie findest du ihn?“ setzte er nach einer Weile, sie nicht ohne Besorgnis anblickend, hinzu.
Sie zuckte leicht die Achseln.
„Der richtige Aristokrat“, fuhr der Freiherr, mehr zu sich selbst sprechend, fort. „Welche Anschauungen! Aber er hat ja recht“, schloß er mit bitterem Lächeln. „Diesen Herren gehört jetzt wieder die Welt.“
IV.
Die Äußerung, welche der gräfliche Rittmeister über seine Leute getan, bewahrheitete sich. Sie enthielten sich, wie man sah, ohne besonderes Verbot alles überflüssigen Lärmens und gingen in meist wortloser, etwas melancholischer Gleichmäßigkeit ihren Verrichtungen nach. Waren diese abgetan, so streckten sie sich auf ihr Strohlager hin oder saßen rauchend auf den langen Bänken, die an der Stallmauer angebracht waren; manchmal gingen sie des Abends paarweise oder in Gruppen in den Ort hinunter, um aber in der Regel lange vor dem Erklingen der Retraite wieder heimzukehren. Selbst um das schöne Geschlecht im Schlosse kümmerten sie sich äußerst wenig, und die Mägde machten sich ganz unnütz öfter als sonst bei dem Auslaufbrunnen zu tun, der zwischen der Küche und dem Stalle sein Wasser versprudelte. Hin und wieder näherte sich wohl der eine oder der andere von den Reitern mit einem tschechischen Scherzworte, das aber die guten Wiener Kinder (selbst die Eingeborenen sprachen nur deutsch) nicht verstanden, oder half ihnen mit ungeschlachter Galanterie Eimer und Krüge aufnehmen; weiter aber kam es nicht, da man zu keinem Gedanken- und Gefühlsaustausche gelangen konnte. Nur der Wachtmeister, ein behäbiger, auf seinen struppigen, künstlich verlängerten Schnurrbart sehr stolzer Mann, schien in dieser Hinsicht unternehmender sein zu wollen. Er hatte es aber, wiewohl er bisweilen auch in der Küche herumschnüffelte und schäkerte, im Bewußtsein seiner Würde mehr auf das niedliche Kammerkätzchen abgesehen, das nun ebenfalls öfter, als gerade notwendig war, durch den Hof huschte. Diese Franziska jedoch (eigentlich wurde sie Fanny genannt) fand diesen Werner (zufällig führte der Wachtmeister in der Tat diesen Namen) keineswegs nach ihrem Geschmacke; auch sie strebte nach Höherem, und ein schmucker Leutnant wäre ihr gerade recht gewesen. Obzwar nun ein solcher fehlte — und der Herr Graf unnahbar schien, so hatte sie dennoch für den ältlichen Galan nur ein herablassendes Kopfnicken oder höchstens ein paar schnippische Worte in Bereitschaft.
So geschah es, daß schon in kürzester Zeit fast das frühere stille Leben im Schlosse herrschte und die Reiter, deren Erscheinen so viele Aufregung hervorgebracht hatte, kaum mehr beachtet wurden. Nur wenn sie die Pferde gesattelt aus dem Stalle zogen, aufsaßen und unter dem Kommando des Wachtmeisters, der mit einer langen Peitsche mitten in dem Rund des Hofes stand, Schule ritten, da gab es immerhin ein Schauspiel, dem man nicht ungern zusah, und welches bisweilen auch der Rittmeister vom Fenster seiner Wohnung aus, einen kurzen Tschibuk rauchend, beobachtete.
Eines Tages hatten sich der Freiherr und seine Gemahlin in einen galerieartigen Raum begeben in dessen Mitte ein Billard stand, um sich von dort aus, da die Fenster nach dem Hofe gingen, gleichfalls das Traben und Galoppieren mit anzusehen. Es gab diesmal einige besonders widerspenstige Pferde, und der Wachtmeister fand Gelegenheit, seine Peitsche eindringlich spielen zu lassen, wobei nicht selten die im Sattel wankenden Reiter mitgetroffen wurden.