„Das Wetter war nicht sehr einladend. Außerdem begreifst du wohl —“

Er hatte sich erhoben und stand jetzt dicht neben ihr. „Ich begreife“, sagte er leise. „Aber das wäre doch zu viel. Geh’ nur, mein Kind“, fuhr er fort, indem er sie sanft auf die Stirn küßte. „Vielleicht suche ich dich später unten auf.“

Sie nahm ihren Sonnenschirm und schritt die Treppe hinab. Im Vorhause warf sie einen scheuen Blick nach dem Hofe. Dort war alles still, wie ausgestorben; denn die Dragoner waren weggeritten und noch nicht zurückgekehrt. Nur eine Stallwache lungerte träg auf einer Bank. Klothilde durchschritt jetzt einen schmalen Seitengang, öffnete eine kleine Pforte — und stand unmittelbar auf dem prangenden Parterre. Es war die Zeit des Nelkenflors, und weiße Falter flatterten über diesen würzigen Blumen, welche in allen Farbenschattierungen ihren heißen Duft ausatmeten. Sie bückte sich, um eine von hellem, brennendem Rot zu pflücken und steckte sie vor die Brust. Je tiefer sie jetzt in den Park hineinschritt, desto beschwingter fühlte sie sich. Mit Entzücken sog sie die warme und doch so erquickende Sommerluft ein, und strahlend glitt ihr Blick über das vertraute Grün der alten Baumgruppen. Nun hatte sie schon die Wiese, hatte das Tirolerhaus erreicht, dessen Tür sie mit rascher Hand aufschloß. Und jetzt betrat sie die lieben, dämmerigen Räume, in die, nachdem Türen und Fensterläden geöffnet waren, der helle Tag hereinflutete. Ja, da stand und lag noch alles so, wie sie es vor Wochen verlassen. Auf dem Tische die Bücher, dort die Staffelei mit der nahezu vollendeten Landschaft; selbst die Blumen in der Vase, die letzten, die sie unten auf der Wiese gepflückt, waren noch nicht vollständig verwelkt. Unwillkürlich breitete die junge Frau wie zur Begrüßung die Arme aus; dann fuhr sie mit beiden Händen leicht über die Brust hinab, als wollte sie damit alles Belastende und Unreine, das noch auf ihr lag, abstreifen. Hierauf ging sie daran, wie sie es stets gewohnt war, einige Ordnung zu schaffen. Sie reihte die Bücher aneinander, entfernte die Blumen aus der Vase, um sie später durch andere zu ersetzen, und begann mit einem leichten Tuche, das sie einem Schränklein entnommen, die feine Staubschicht wegzuwischen, die sich über einzelne Gegenstände gebreitet hatte. Bei dieser Beschäftigung überhörte sie ganz ein leises Trompetenklingen in der Ferne, welches anzeigte, daß die Reiter von ihren Übungen nach dem Marktflecken zurückkehrten.

Nun hatte sie bereits die Stühle zurechtgerückt und die Staffelei mit allem Nötigen instand gesetzt. Aber mit der Arbeit wieder beginnen konnte und mochte sie heute noch nicht. Sie wollte sich fürs erste ganz und voll den seligen Empfindungen hingeben, welche hier — o, sie hatte es vorausgesehen! — über sie gekommen waren. Ausgenießen wollte sie so recht den fühlbaren Beginn wonniger Befreiung und sich dabei hinüberträumen in das reine, ungetrübte Glück kommender Tage! So ging sie wieder langsam hinunter und ließ sich auf die Bank nieder, wo sie so gerne saß. Dort weilte sie jetzt, in ihr Innerstes versunken, während die Zeit mit unmerklichem Flügelschlage an ihr vorüberzog ...

Endlich sah sie nach der kleinen Uhr, die sie im Gürtel trug. Es war Mittag geworden. Sie aber hatte noch zwei volle Stunden vor sich, bis die Tischglocke sie rief; auch würde ja noch früher ihr Gatte erscheinen. Einstweilen konnte sie einen Rundgang um den Teich unternehmen, der in nächster Nähe oberhalb des Tirolerhauses lag. Klothilde liebte die ausgedehnte, von Schilf und Binsen durchsetzte Wasserfläche, an deren Ufern Erlen und hohe Ulmen tiefe, schwermütige Schatten verbreiteten. Kaum, daß sie dort sichtbar geworden, kamen sogleich zwei Schwäne herangeschwommen, denn sie waren gewohnt, daß ihnen die Schloßherrin hin und wieder Brot zuwarf. Heute aber war sie mit leeren Händen gekommen, und die silberweißen Vögel begleiteten fruchtlos ihre Schritte.

Nachdem Klothilde den Teich langsam umgangen hatte, lenkte sie halb unbewußt ihre Schritte einem Hügel zu, welcher, künstlich angelegt und von hohen Fichten bestanden, über die Umfassungsmauer des hier sein Ende erreichenden Parkes emporragte. Ein schmaler Pfad wand sich durch das Gehölz und führte nach dem Gipfel, der den Ausblick auf die gegenüberliegenden Wälder und Höhenzüge eröffnete und auf welchem jetzt Klothilde angelangt war. In demselben Augenblick jedoch prallte sie mit einem halb unterdrückten Aufschrei zurück. Denn auf einer bequemen Ruhebank, die dort oben angebracht war, saß der Graf, lässig zurückgelehnt, eine Zigarre rauchend. Jetzt erhob er sich und sagte lächelnd mit einer tiefen Verbeugung: „Sie erschrecken ja, gnädigste Chatelaine, als wäre ich eine Schlange, auf die Sie treten könnten.“

Alles Blut war aus ihrem Antlitz gewichen. Sie stand vor ihm in blasser Schönheit, sich mit der Rechten an einem Fichtenstamm haltend, denn es war ihr, als müßte sie umsinken.

„Ich kann nur bedauern,“ fuhr er, die Zigarre wegschleudernd, fort, „daß Ihnen mein Anblick solches Entsetzen eingeflößt hat. Aber fassen Sie sich doch!“ Er trat auf sie zu, wie um sie zu stützen.

Sie machte eine abwehrende Bewegung und sagte mit bebender Stimme: „Verzeihen Sie, ich war so gar nicht vorbereitet, daß jemand —“

„Hier sitzen könnte?“ erwiderte er mit leichter Ironie. „Fühlen Sie sich denn gar so sicher in dieser Einsamkeit? Früher mag dies wohl der Fall gewesen sein — aber jetzt kann es immerhin Leute geben, die Ihnen auflauern. Zum Beispiel ich. Ich habe es schon gestern getan — und heute gehe ich seit einer Stunde im Park umher.“