„Ich habe Sie nicht bemerkt.“

„Das weiß ich. Sie saßen so in Gedanken vertieft dort unten vor dem kleinen Hause. Auch habe ich mich ziemlich gedeckt gehalten und bin sehr leise aufgetreten. — Aber Sie wollten sich jetzt gewiß hier niederlassen?“ setzte er hinzu, indem er mit einer einladenden Handbewegung nach der Bank wies.

„O nein“, versetzte sie rasch. „Ich dachte nicht daran, hier zu verweilen — es war ein bloßer Zufall, daß ich — —“

„Der Zufall ist nichts anderes, als geheimnisvolle Notwendigkeit“, sagte er. „Ich wollte sie vorhin nicht stören; als ich aber, meinen Weg fortsetzend, diese Stelle entdeckt hatte, da dachte ich, wie schön es wäre, wenn Sie sich hier einfinden würden. Und so war es mein lebhafter Wunsch, der Sie, ohne daß Sie es gewollt, hieher geführt.“ Er hatte sich bei diesen Worten leicht zu ihr hingebeugt und sah sie mit seinen dunklen Augen eindringlich an.

Sie wußte nicht, was sie erwidern sollte, und fühlte nur, wie ihr eine heiße Glut ins Antlitz stieg.

„Ja,“ fuhr er fort, seine Stimme zu schmeichelndem Flüstern dämpfend, „ja, schöne Chatelaine, ich habe nicht bloß gestern und heute — ich habe stets an Sie gedacht, seit ich Sie zum erstenmal gesehen. Und schon damals hab’ ich erkannt, daß wir uns finden würden.“

Sie rang nach Atem. Da war es ja, da hatte er ausgesprochen, was sie geahnt, was sie gefürchtet! Und sie — o Gott! — sie stand da, ratlos, hilflos — und fand kein Wort der Entgegnung, der Zurechtweisung. Was konnte — was mußte er von ihr denken?

„Und nicht wahr?“ setzte er hinzu, „wir haben uns gefunden — werden uns wiederfinden —“

Er hatte bei diesen Worten mit seiner nervigen, aber feinen Hand, an der ein kostbarer Siegelring glänzte, ihre bebenden Finger erfaßt und einen Arm um ihren Leib gelegt. Sie wollte sich ihm entziehen, ihn zurückstoßen — aber sie vermochte es nicht. Ihre Kniee wankten, die Sinne drohten ihr zu vergehen.

„O, du liebst mich!“ lispelte er, indem er versuchte, ihren bleichen, abgewandten Mund zu küssen, „nicht wahr, du liebst mich?“ Und da sie verzweiflungsvoll widerstrebte, fuhr er fort: „Kommen Sie, lassen Sie uns hier bleiben an diesem trauten, verschwiegenen Ort!“ Er suchte sie mit Gewalt nach der Ruhebank zu lenken. „Hier stört uns niemand — —“