Ich sah ihn so überrascht an, daß es ihn, wäre er noch der frühere gewesen, tief würde verletzt haben. Aber nun achtete er kaum darauf und fuhr gewissermaßen im Selbstgespräch fort: „Wenn ich nicht irre, so sind die M... mit den L... irgendwie verschwägert. Und da wäre es denn auch — sobald man meinen Aufenthaltsort erfahren hat — nicht allzu schwer, einen Besuch ins Werk zu setzen. Jedenfalls leichter, als damals allein in der Loge zu erscheinen — und sich morgens darauf an der Nordbahn zu zeigen.“

Ich hatte mich inzwischen gefaßt und erinnert, daß ich über nichts mehr zu staunen habe.

„Je nun,“ sagte ich, „es ist immerhin möglich.“

Am folgenden Nachmittag saßen wir auf der Bank vor dem Wirtshause, rauchten unsere Tschibuke und blickten dabei, ziemlich gelangweilt, auf eine große, teichähnliche Pfütze, die sich auf dem Marktplatze ausbreitete, und an deren Rande sich eine Schar schneeweißer Gänse ruhig sonnte.

Plötzlich vernahm man das Geräusch nahender Wagen, und bald darauf kamen zwei Gefährte in Sicht. In dem ersten, einem geräumigen Landauer, saß das gräfliche Paar tief zurückgelehnt, während die leichte Kalesche, die knapp dahinter fuhr, sich leer zeigte. Man jagte so rasch vorbei, daß das harmlose Geflügel, wild aufgescheucht, mit lautem Kreischen und Schnattern in die Pfütze hinein flüchtete.

„Da wird jemand von der Bahn geholt“, sagte Burda, seine Uhr hervorziehend. „Es ist jetzt halb drei, in einer Viertelstunde kommt der Zug. Ich bin neugierig, wer da eintreffen wird.“

Wir blieben sitzen. Nach einer Weile vernahmen wir den fernen Signalpfiff, das Näherbrausen des Zuges — und es dauerte nicht lange, so kamen die beiden Wagen wieder zurückgefahren. Neben der Gräfin saß jetzt eine junge Dame, in welcher, obgleich sie das Antlitz mit einem blauen Reiseschleier verhüllt hatte, sofort die Prinzessin zu erkennen war. Der Graf nahm mit einer anderen Dame — derjenigen, welche damals mit in der Loge erschienen war — den Vordersitz ein. In der Kalesche hatte eine hübsche Zofe Platz genommen, die, von Koffern und Schachteln umgeben, mit lebhaften Augen ziemlich herausfordernd um sich blickte.

Burda hatte den ausgebrannten Tschibuk sinken lassen. Jetzt erhob er sich und ging, ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer hinauf. Ich war darüber sehr froh, denn daß die Prinzessin nun in der Tat erschienen, hatte mich derart aus der Fassung gebracht, daß ich in Verlegenheit gewesen wäre, irgend eine Meinung zu äußern.

„Das ist denn doch höchst merkwürdig!“ sagte ich zu mir selbst, als ich jetzt allein war und mich anschickte, einer mir obliegenden dienstlichen Verrichtung nachzukommen. Dabei ging mir dieser neue Zufall — denn was anderes konnte es sein? — beständig im Kopfe herum. Die Sache bekam nunmehr, ganz objektiv betrachtet, ein eigentümliches Interesse, und ich war neugierig, was aus dieser unvermuteten Komplikation entstehen würde.

Als ich später wieder dem Wirtshause zuschritt, sah ich, wie eben ein wohlgenährter Lakai mit glattrasiertem Doppelkinn und einer leichten Mütze auf dem Kopfe sich näherte. Er kam offenbar aus dem Schlosse und trat jetzt in die Schankstube, deren Fenster offen standen, so daß ich vernehmen konnte, wie er von einigen Gästen, die drinnen beim Bier saßen, laut begrüßt wurde.