„Gott sei Dank, daß du es bist, lieber Vater. Desto mehr wirst du in Venedig genießen können.“

„Wenn ich aber nicht will und nicht mag! Und wenn ich auch möchte, wie könnt’ ich’s — ferne von euch! Bernhard!“ fuhr er flehentlich fort, „lieber Bernhard, verstoße mich nicht! Ich weiß, der Vorschlag kommt nicht aus deinem Herzen, die Frau will mich weg haben!“

„Du irrst. Die Stellung, welche ich gegenwärtig anstrebe, die Verbindungen, die ich infolgedessen unterhalten muß — mit einem Wort, die Verhältnisse machen es durchaus notwendig, daß du diesen Winter nicht in Wien zubringst.“

„Ich werde auch nicht dort sein — für keinen Menschen werde ich dort sein! Einmieten will ich mich in irgend einer Vorstadt — kein Auge soll mich erblicken! Nur alle acht Tage laßt mich kommen auf eine Viertelstunde, daß ich dich sehen kann — und umarmen die Enkelchen!“

„Wie oft hast du das schon gesagt! Derlei unwürdige und unnatürliche Abmachungen wären ja auch gar nicht notwendig, wenn du nur ein wenig Vernunft annehmen wolltest. Aber darin liegt es. Wenn du nicht den ganzen Tag im Hause sein kannst, wenn du nicht zu jedem Diner, zu jeder Gesellschaft mitgeladen wirst, so fühlst du dich aufs tiefste gekränkt, machst uns die heftigsten Vorwürfe, die unerquicklichsten Szenen. Und dann — so weh es mir tut, es dir neuerdings sagen zu müssen —“

Er verstummte; denn ich hatte mich jetzt sehr nachdrucksvoll geräuspert. Die unfreiwillige Lauscherrolle, die ich spielte, war mir bereits höchst peinlich geworden. Man zog sich drüben sofort in das anstoßende Zimmer zurück und schloß die Verbindungstür.

Nun war es still. Aber nicht lange. Der Auftritt setzte sich drei Zimmer weit von mir fort. Allerdings verstand ich jetzt nicht mehr, was gesprochen wurde; aber die Stimme des Alten drang von Zeit zu Zeit an mein Ohr: bald klagend, bald drohend, bald flehend. Endlich ein dumpfer Aufschrei — dann trat vollständige Ruhe ein.

Bald darauf kam Herr Hirsch in sein Zimmer geschlichen und legte sich zu Bett. Aber das gewöhnliche Schnarchen erfolgte nicht. Ich hörte ihn seufzen, leise stöhnen — und, wie ich glaubte, auch leise weinen — bis ich einschlief.

* *
*

Am nächsten Morgen war der Angekommene bereits wieder abgereist. Sein Vater hatte ihn zur Bahn begleitet und kam jetzt im Wagen zurückgefahren. Er trat in das Speisezimmer, wo ich soeben gefrühstückt, und sah sehr bleich und angegriffen aus. Als er meiner ansichtig wurde, machte er eine Anstrengung, sich zu ermuntern, und schüttelte mit erkünstelter Lustigkeit seinen Hut aufs rechte Ohr. „Aha, Sie hier? Guten Morgen! Guten Morgen! Haben Sie meinen Sohn gesehen? Der ist schon wieder fort — denn er muß noch heute abend in Wien sein. Und wissen Sie, wohin ich zur Abwechslung gehe? Nach Venedig! Was sagen Sie! Nach Venedig! Es ist schon lange mein Wunsch gewesen — und mein Sohn hat es mir möglich gemacht, den Winter dort zuzubringen. Ich werde bei einer sehr feinen Familie wohnen und mir nichts entgehen lassen, was die wunderbare Stadt bietet. Ich freue mich schon auf die Gondelfahrten. Schade, daß ich nicht jünger bin — denn die Venezianerinnen sollen einzig sein!“ Er versuchte ein frivoles Gelächter aufzuschlagen, verstummte aber plötzlich; man sah, daß ihm das Weinen nahe war.