Ich hatte mich nach der angegebenen Richtung hin gewendet und den Herrn ins Auge gefaßt. Je länger ich ihn betrachtete, desto bekannter kam er mir vor. „Wie haben Sie vorhin die Dame genannt? Baronin Hirtburg? Heißt denn jener Herr nicht Hirsch?“
Mein Cicerone lachte laut auf. „Man sieht, daß Sie weiß Gott wo leben. Hirsch hieß er — Hirtburg heißt er. Er hat sich diesen Namen mit dem Baronat erworben — oder sagen wir gekauft. Auch der Taufe war er schon nahe. Aber er würde sich damit um allen Kredit gebracht haben; denn Israel setzt gegenwärtig wieder mehr denn je seinen Stolz darein, dem Wasser auszuweichen.“
„Und wissen Sie vielleicht, was mit seinem Vater geschehen ist? Lebt er noch??“
„Der alte Seligmann? Haben Sie den gekannt?“
„Ganz oberflächlich. Ich bin vor Jahren irgendwo mit ihm zusammengetroffen.“
„Seien Sie froh, daß Sie ihn nicht näher kennen gelernt. Ein ganz unmögliches Individuum. Wissen Sie wirklich nicht, wie er geendet hat?“
„Nein.“
„Dann will ich’s Ihnen sagen. Selbst wenn Sie ihn nur einmal gesehen haben, werden Sie begreifen, daß man einen solchen Vater nicht im Hause haben kann. Das hätte sich übrigens in irgend einer Weise arrangieren lassen. Aber der alte Jobber, der selbst einmal ein ganz hübsches Vermögen besessen, konnte das Börsenspiel nicht lassen. Wie oft sein Sohn die Differenzen für ihn gezahlt haben mag, weiß ich nicht. Endlich aber wurde es diesem doch zu viel. Da griff denn der Herr Papa, um seine Leidenschaft befriedigen zu können, zu allerlei seltsamen Ressourcen — zuletzt verlegte er sich gar wieder auf unsaubere Wuchergeschäfte, mit welchen er einst seine Laufbahn begonnen hatte, und die ihn schließlich noch mit den Gerichten in Konflikt zu bringen drohten. Wie kompromittierend für das zukünftige freiherrliche Haus! Also mußte er um jeden Preis aus Wien entfernt werden. Man schickte ihn fürs erste in kleine Bäder — dann internierte man ihn in Venedig. Nun denken Sie sich den alten Hirsch in Venedig! Ein Rhinozeros in einem Aquarium! Aber Scherz beiseite. Der alte schwachsinnige Mann, der gleich allen Juden an seiner Familie hing, wie das Eiweiß am Dotter, ist darüber verrückt geworden, ohne daß es die Leute, die ihn in jeder Hinsicht überwachen sollten, gleich bemerkt hätten. Eines schönen Morgens, als er sich seiner Gewohnheit nach am Kinn eigenhändig den Bart abnahm, hat er das Messer um einen Zoll zu tief angesetzt und sich einen ganz kleinen Schnitt am Halse beigebracht. Und dieser Schnitt, sehen Sie, ist der wunde Fleck im Hause Hirtburg. Was sag’ ich Fleck! Ein Abgrund ist’s, den der Herr Baron gern mit ein paar Millionen ausfüllen möchte, wenn es ginge — denn er hat — auch das ist unbegreiflich! — seinen Vater außerordentlich geliebt. Aber sieh’ da: Hirtburg, der Jüngste!“ Er deutete mit den Augen nach einem jungen Manne, der eben auf den Baron zuschritt. „Was sagen Sie zu diesem Exemplar? Ist er nicht ganz sein Großvater in nuce? Seit Darwin kennt man die Sache. Ein solcher Sohn könnte mir gestohlen werden. Dafür aber ist die Tochter desto reizender. Geradezu bezaubernd. Woher sie’s hat, weiß ich nicht. Eine der wenigen jüdischen Schönheiten, die ich gelten lasse. Kommen Sie, ich werde sie Ihnen zeigen“, setzte er, sich auf den Fußspitzen erhebend, hinzu. „Wenn ich nicht irre, tanzt sie dort eben wieder mit einem jungen Diplomaten, einem Marquis der république française. Der scheint es auf ihre goldene Hand abgesehen zu haben.“
Er hatte mich unter dem Arme gefaßt, und wir drängten uns durch den Kreis von Zusehern, der sich um die Tanzenden gebildet.
„Sehen Sie dort die hohe, schlanke Gestalt mit den Teerosen auf dem Kleide? Nun, was sagen Sie? Ist das ein Wuchs? Sind das Bewegungen? Die Grazie selbst. Und dieses Profil! Diese Augen — diese Haare —“