„In der Tat, ein wunderbares Geschöpf!“
„Voilà: die Enkelin von weiland Seligmann Hirsch.“
Die Troglodytin.
Vorwort des Herausgebers.
Die Novelle soll nach Saars Bericht an Stefan Milow 1887/88 in Blansko entstanden, nach dem Bericht an Bettelheim dagegen schon 1887 erschienen sein. Wenn diese letztere Angabe richtig ist, muß sie, wie die meisten übrigen, zuerst in einer Zeitschrift veröffentlicht worden sein. Ich kenne nur den ersten Abdruck in Buchform, in der dritten Novellensammlung „Schicksale“ 1889 (Seite 195-271). Für die zweibändige Ausgabe der „Novellen in Österreich“ 1897 (zweiter Band, Seite 129-178) kündigte Saar dem Verleger am 10. Januar 1897 an, daß eine kleine Änderung notwendig sei; sie befindet sich bei der Schilderung des Marktfleckens (Seite 123 unserer Ausgabe) die im ersten Druck so lautet: „... Marktflecken, der bereits städtische Aspirationen zu hegen begann. Das Gericht des Bezirkes und das Steueramt hatten dort ihren Sitz; desgleichen ein Advokat und ein Notar, welche, sowie einige andere wohlhabende Bürger, ganz stattliche Häuser bauen ließen; es entstand sogar eine nette, pompejanisch bemalte Villa, welche ihr Eigentümer an Sommergäste zu vermieten gedachte, denn die landschaftlichen Reize der Gegend erfreuten sich in der nahegelegenen Landeshauptstadt eines gewissen Rufes. Außerhalb ...“ In der zweiten Auflage der zweibändigen „Novellen aus Österreich“ 1904 (a. a. O.) ist neben diesen stilistischen Änderungen die Chiffre B... in Brünn aufgelöst worden. Auf diesem Text beruht dann der Abdruck in Reclams Universalbibliothek (1904, Nr. 4600, Seite 65-104), in welchem nur noch einige „welcher“ abgeschafft sind. Die zweite Auflage der „Schicksale“ (o. J. [1897]) beruht auch hier auf demselben Satz wie die Ausgabe der Novellen aus demselben Jahr.
„Ja, es ist eine Zeit her, daß ich die Geschichte erlebt,“ sagte der Forstmeister Pernett, indem er sich nachdenklich den angegrauten Bart strich, „und doch ergreift mich noch heute die Erinnerung daran ganz eigentümlich. Aber hören Sie:
I.
Man schrieb das Jahr 65, und ich befand mich als Adjunkt im Dienste des Grafen W.... auf einem seiner Güter in Mähren. Der Revierförster, dem ich zugeteilt wurde, war ein ausgezeichneter Forstmann, aber schon ziemlich bejahrt und überdies mit einem bösen Gichtleiden behaftet, daher fast der ganze eigentliche Dienst auf meinen Schultern lastete. Doch jung und kräftig, meinem Berufe leidenschaftlich ergeben, ließ ich es mich nicht verdrießen, zu leisten, was eben zu leisten war — und manchmal auch noch mehr. Ich kam also, außer bei dienstlichen Gängen nach der im Schlosse befindlichen Forstkanzlei, nur sehr selten aus dem Wald heraus, was ich übrigens gar nicht bedauerte. Denn ich war kein Wirtshausgeher, kein Freund des Kegelschiebens und sonstiger Unterhaltungen, auf welche in der Regel der Sinn junger Leute gerichtet ist. Eines aber entbehrte ich schwer: den Umgang mit angenehmen Frauenzimmern, zu denen ich, offen gestanden, Zeit meines Lebens große Neigung empfunden. Und gerade in dieser Hinsicht sah es im Forsthause sehr traurig aus. Die alten Leute hatten zwar zwei Töchter — ein Sohn war ihnen versagt geblieben —, aber die eine war schon verheiratet, als ich kam, und die andere folgte bald diesem Beispiele, indem sie die Frau eines fürstlichen Schloßgärtners in der Nachbarschaft wurde; ich blieb also in unserem Heim auf den Anblick der wohlbeleibten, schwerfälligen Försterin und einer alternden Magd beschränkt. Im übrigen freilich hatte ich nur allzuoft mit jungen Weibsleuten zu tun, die nicht ganz ungefährlicher Art waren. Die zahlreichen und ausgebreiteten herrschaftlichen Industrien hatten nämlich eine Arbeiterbevölkerung, gewissermaßen ein ländliches Proletariat geschaffen, das die Gegend in weitem Umkreise bewohnte und von der Hand in den Mund lebte; bäuerliche Ansassen gab es nur wenige. Die Weiber und Töchter dieser Leute verdingten sich denn auch als Tagelöhnerinnen bei der Feld- und Forstwirtschaft, und so kam es, daß ich oft eine Schar von Mädchen beim Aussetzen der Kulturen zu verwenden und zu beaufsichtigen hatte; außerdem erschienen sie an bestimmten Tagen im Walde, um Klaubholz zu sammeln. Sie hatten durchaus nichts Plumpes und Ungeschlachtes an sich, vielmehr waren die meisten schlanke, zierliche Gestalten mit wohlgeformten Händen und Füßen, und was man auch gegen die Gesichter einwenden konnte, schöne Augen hatten sie fast alle und wußten davon auch ausgiebigen Gebrauch zu machen. Dabei waren sie träg und nachlässig, naschhaft und diebisch — und auch sonst zu jedem Unfug aufgelegt. Weh’ dem, der sich mit einer von ihnen leichtfertig eingelassen hätte; er wäre unrettbar in die Verlotterung mit hineingezogen worden. Wie oft scherzte ich mit dem Wirtschaftsadjunkten, der ein junger Mann von gutem Hause und mancherlei Kenntnissen war, über unser gemeinsames Schicksal, das uns, während wir doch über mehr willfährige Sklavinnen hätten verfügen können als der Großtürke, zu einem trostlosen Zölibat verurteilte und uns obendrein noch zwang, dem verführerischen Völklein gegenüber grimmige und bärbeißige Mienen aufzusetzen, die freilich auch nicht besonders wirksam waren; sie hatten im besten Falle vorwurfsvoll schmachtende — in der Regel aber nur übermütig herausfordernde Blicke und spöttisches Gelächter hinter unserem Rücken zur Folge. Dennoch hielten wir uns wacker, und was mich selbst betraf, so kann ich heute noch sagen, daß ich mich von all den hübschen Teufelinnen vollkommen frei bewahrt habe. Einmal aber war doch die Versuchung auf ganz merkwürdige Art an mich herangetreten.
Der Ort, in dessen nächster Nähe sich das Schloß befand, war ein ausgedehnter, von einem Flusse durchströmter Marktflecken, dessen Einwohnerschaft aus ziemlich wohlhabenden Bürgern und Grundbesitzern bestand; auch das Gericht des Bezirkes hatte dort seinen Sitz. Außerhalb des Ortes, in gleicher Linie mit der nach den gräflichen Hütten- und Eisenwerken führenden Chaussee, lief eine langgestreckte Gasse hin, die aus gleichmäßig erbauten und mit kleinen Gärten versehenen Häusern bestand. Es war eine Arbeiterkolonie, die schon ein Vorfahr des Grafen nach englischem Muster ins Leben gerufen, und in welcher Sauberkeit und verhältnismäßiger Wohlstand herrschten, da die Inwohner, zumeist Maschinenschlosser und Modelltischler, gut bezahlte, intelligente Leute waren, deren Mehrzahl bereits anfing, sich mit allerlei sozialistischen Problemen zu beschäftigen. Im Rücken des Ortes selbst hingegen, an den zerklüfteten Ufern eines weitläufigen Baches, hatte eine andere Ansiedelung Platz gegriffen, die sich wüst und unfreundlich genug ausnahm. Denn dort hausten niedrige Löhner und Handlanger, die, mit ihren zahlreichen Familien in schlecht gemauerten Hütten bunt zusammengepfercht, ein von Not und Kümmernis bedrängtes Dasein fristeten. Unter ihnen befand sich auch ein heruntergekommener Mensch, namens Kratochwil. Er hatte einst bessere Tage gesehen und war vor einiger Zeit noch Eigentümer der Kaluppe gewesen, in welcher er jetzt mit seinem Weibe und fünf Kindern eine jämmerliche Räumlichkeit innehatte, ab und zu bei den Hochöfen und Ziegeleien beschäftigt. Da er aber infolge des Branntweintrinkens, dem er ergeben war, auch körperlich immer mehr verfiel, so konnte er kaum mehr zu irgend einer Arbeit verwendet werden und wurde schließlich, rückständiger Miete halber, eines Tages mit den Seinen erbarmungslos vor die Tür gesetzt. Noch gelang es den Leuten, die sich in ihrem Elend zu den unsaubersten Hantierungen herbeiließen, bei dem Abdecker des Ortes in einem notdürftig schützenden Verschlag unterzukriechen; sie hatten sich jedoch kaum dort eingenistet, als auch schon der Flecktyphus unter ihnen ausbrach und das Weib samt zwei Kindern in das Notspital der Gemeinde geschafft werden mußte. Die Kinder starben, die Mutter genas und kehrte zu den Ihren zurück, die nunmehr, da sie ihren Schlupfwinkel sofort hatten verlassen müssen, unter freiem Himmel kampierten. Da es Sommer war, so ging diese Lebensweise mit Zuhilfenahme von Betteln und allerlei Felddiebstählen eine Weile hin, als aber endlich die rauhe Jahreszeit hereinbrach, schienen die Obdachlosen dem völligen Untergange preisgegeben. Es wäre zwar Pflicht der Gemeinde gewesen, für die Leute, welche als Eingeborene nicht „abgeschoben“ werden konnten, in irgend einer Weise Sorge zu tragen, und wirklich kam auch die Sache im Rate zur Verhandlung. Da sich jedoch nicht absehen ließ, wie diesem von Gott verlassenen Menschenknäuel Hilfe zu bringen wäre, und es doch nicht anging, eine aus fünf Köpfen bestehende Familie schlankweg aus dem Gemeindesäckel zu ernähren, so kam man zu keinem Beschlusse und ließ einstweilen die Dinge ihren Lauf nehmen. Da fügte es der Zufall, daß die Landplage der wandernden Zigeuner auch wieder einmal über den Ort kam. Man mußte diesen Nomaden eine mehrtägige Lagerung außerhalb des Weichbildes gestatten und stellte ihnen eine versandete Hutweide am linken Ufer des Flusses zur Verfügung, wo auch alsbald eine Reihe löcheriger Zelte aufgeschlagen war. Nach ihrem Abzuge zeigte sich eine geräumige Erdvertiefung, welche die Bewohner eines weitläufigen Zeltes zu besserem Wetterschutz mochten gegraben haben; auch eine Anzahl brüchiger Zeltstangen war zurückgeblieben. Auf diese Überreste einer annähernd menschlichen Behausung stürzten sich die Kratochwil, die das braune Volk die ganze Zeit über mit scheeläugiger Neugierde umlauert hatten, wie Habichte und nahmen sofort davon Besitz. Die Schütte faulen Strohes, die sie samt einigen schlechten Lumpen in der Grube vorfanden, diente ihnen fürs erste zu willkommener Lagerstätte, und nachdem ihr stumpfer Sinn einmal angeregt war, ergab sich das Weitere von selbst. Mit Benutzung der Zeltstangen, mit zusammengerafftem alten Lattenwerk und frischem Tannenreisig wußten sie eine schützende Bedachung herzustellen, unter der sie sich, so gut es anging, häuslich einrichteten. Sie gruben die eine Hälfte des Geviertes noch um einiges tiefer und erlangten dadurch zwei Wohnräume, wo sie Moos und trockenes Laub aufschütteten. Sie sorgten für eine gesicherte Feuerstelle, sie legten eine unterirdische Vorratskammer an, in der sie erbeutete Lebensmittel verwahrten, und da man ihnen gestattet hatte, im Walde Holz zu sammeln, so war auch bald ein ganz stattlicher Vorrat an Brennmaterial in der Nähe des Einganges aufgeschichtet; ja, als der Frühling ins Land zog, versuchten sie sogar auf ihrem Territorium Kartoffeln und andere leicht wuchernde Gemüse zu pflanzen. Mit höhnischer Verwunderung blickte man nach dem seltsamen Anwesen, das sich, von zwei jungen Silberpappeln überragt, eigentlich ganz malerisch ausnahm. Einige Spaßvögel hießen es bereits „Villa Kratochwil“; der Wirtschaftsadjunkt aber hatte die Inwohner einmal gesprächsweise die Troglodyten genannt, und diese, wenn auch nicht ganz zutreffende Bezeichnung war ihnen seither im Munde vieler geblieben. Um ihr sonstiges Tun und Treiben kümmerte sich niemand. Die Kinder wuchsen selbstverständlich ohne Schulunterricht in äußerster Verwahrlosung heran. Der ältere Junge, ein blutleerer, lendenlahmer Gesell, schien noch die besten Anlagen zu besitzen, denn er wurde des Herumlungerns müde und verdingte sich als Knecht bei einem Fuhrmann, der allerdings selbst herabgekommen war und nur noch ein paar abgetriebene Mähren im Stall hatte. Die beiden Jüngsten aber, ein Mädchen und ein Knabe, zeigten seit ihrer frühesten Kindheit die schlimmsten Eigenschaften. Nicht allein, daß sie aufs Zudringlichste bettelten, sie stahlen auch wie die Elstern; besonders war das Mädchen in dieser Hinsicht berüchtigt und gefürchtet. Das kleine Ding wußte sich des Abends in die Häuser einzuschleichen, wo sie in irgend einem Versteck die Nacht zubrachte, um am frühen Morgen mit leicht erhaschter Beute zu entweichen. So wurde sie einmal sogar unter dem ehelichen Lager eines Gutsbeamten entdeckt, dingfest gemacht und dem Gerichte überantwortet. Da sie aber noch nicht in dem Alter gesetzlicher Verantwortlichkeit stand, mußte sie wieder frei und der häuslichen Züchtigung anheimgegeben werden. Was es mit der letzteren auf sich hatte, konnte man sich mit Hinblick auf die Eltern vorstellen, welche wohl in ihrer Sucht nach Branntwein wenigstens indirekt die Mitschuld der Anstiftung mochten getragen haben. Endlich aber war die Dirne doch schon mehr als halbwüchsig, als sie im Verein mit ihrem jüngeren Bruder bei Nacht in eine verrammelte Bodenkammer drang und dort allerlei entwendete. Sie wurde also wegen Einbruchsdiebstahls auf ein Jahr ins Zuchthaus gesteckt, während der Bursche mit einer leichten Gefängnisstrafe im Orte selbst davonkam.
In dieser Verfassung befand sich die Familie Kratochwil, deren bisherige Schicksale mir bloß vom Hörensagen bekannt waren, während meines ersten Dienstjahres, und auch ich konnte nicht umhin, ihrer freien Siedelung Aufmerksamkeit zu schenken, wenn ich daran vorüberkam, und das war bei meinen Dienstgängen, einer erwünschten Wegkürzung halber, meistens der Fall. Auch drängte sich bei der kleinen Nebenbrücke, die dort über den Fluß führte, stets der Bursche auf, der jeden anbettelte, von dem er möglicherweise noch eine Gabe zu erlangen hoffte. Er wies dabei den widerlich aussehenden Stumpf seiner rechten Hand vor, die er sich, als man ihn einmal zur Feldarbeit zwingen wollte, aus Ungeschick oder, wie behauptet wurde, vorsätzlich mit einer Sichel verstümmelt hatte. Im übrigen jedoch war er ein kräftiger, von Gesundheit strotzender Junge, dessen tadellosen Körperbau man bewundern mußte, wenn er, halb nackt, fischend oder krebsend im Wasser stand. Auch sein Gesicht war bei aller Rohheit nicht unschön, und seine lebhaften, olivengrünen Augen stachen eigentümlich von einer dichten Fülle kupferfarbener Haare ab, die senkrecht über seiner Stirn emporstanden. Zudem hatte er bei aller Frechheit etwas Gutmütiges und Drolliges, so daß man oft nicht umhin konnte, ihm wider bessere Einsicht kleine Münze oder einen Zigarrenstummel zuzuwerfen, an welchem er auch sofort unter tollen Freudensprüngen mit den wunderlichsten Grimassen zu saugen begann.