Eines Tages — es war im Mai, der sich nach einem rauhen, fast winterlichen April herrlich anließ — hatte ich wieder in der Forstkanzlei zu tun. Als ich mich der Brücke näherte, gewahrte ich unten, hart an der Uferböschung, eine weibliche Gestalt liegen, die sich im warmen Flußsande träg und behaglich sonnte. Sie war nur mit einem dünnen, farblosen Fähnchen bekleidet, das ihr, vielfach zerschlissen, kaum über die Kniee zu reichen schien. Das verwaschene bunte Kopftuch war in den Nacken hinabgesunken und ließ krauses dunkles Haar sehen; der Blick starrte gedankenlos gen Himmel. Da jetzt meine Schritte auf den Balken erdröhnten, wandte sie mir mechanisch das Haupt zu, unter welches sie beide Arme geschoben hatte, und sah mich mit großen, dunkelgrünen Augen an. Diese Augen und auch sonst eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen Strolche brachten mich sofort zur Überzeugung, daß es die Kratochwilsche Tochter sei, die wohl in letzter Zeit aus der Strafanstalt zu den Ihren zurückgekehrt war.

Meine Geschäfte nahmen diesmal längere Zeit in Anspruch, so daß etwa zwei Stunden vergangen waren, als ich mich wieder auf den Heimweg machte. Das Mädchen lag noch immer regungslos auf derselben Stelle. Meiner ansichtig geworden, dehnte und reckte sie langsam die Glieder, hob sich gähnend mit halbem Leibe empor und folgte mir eindringlich mit den Augen.

Im Forsthause erzählte ich bei Tisch von meiner Begegnung. Der Förster, im Grunde des Herzens ein gutmütiger Mann, aber barsch und oft grausam in Worten, wenn ihm etwas wider den Strich ging, zeigte sich sehr aufgebracht. Er behauptete, das nichtsnutzige Ding würde im Zuchthause gewiß nur noch schlechter geworden sein, und dabei kam er auf die ganze Familie zu sprechen, die ihm seit jeher ein Dorn im Auge gewesen. ‚Dieses Gezücht‘, rief er aus, ‚verschändet den ganzen Ort. Es ist ein wahrer Skandal, daß sich die Gemeinde nicht endlich ins Mittel legt!‘

Und da saß er wieder einmal auf seinem Steckenpferde. Unter der Feudalherrschaft emporgekommen, war er ein Feind der autonomen Gemeinde, mit der es des öfteren Grenzstreitigkeiten gab, die auch den Wald berührten. Am meisten aber haßte er den Bürgermeister, weil dieser, ein wohlhabender Grundbesitzer, auch als das Haupt der slawischen Partei galt, die in ihrer natürlichen Mehrzahl nach und nach eine gewisse Machtstellung erlangt hatte. Der Förster jedoch, obgleich selbst von slawischer Abstammung, hielt sich infolge seiner ganzen Erziehung und seines langjährigen dienstlichen Verhältnisses leidenschaftlich zu den Deutschen des Ortes.

Mich selbst kümmerte dieser Zwiespalt damals noch wenig, und ich warf ein, daß die Gemeinde den Kratochwils gegenüber sich in einer sehr schwierigen Lage befände.

‚Ach was!‘ unterbrach er mich heftig. ‚Reden Sie diesem Volk nicht auch noch das Wort! Indolenz ist es, sträfliche Indolenz! Und obendrein ein Verbrechen, die Leute so dicht beisammen in ihrer verpesteten Erdhöhle zu belassen. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man die Lumpeneltern nicht zu Paaren treiben und die Kinder irgendwo zu redlichem Erwerb unterbringen könnte.‘

‚Um die Kinder ist es zu schade‘, bemerkte die Försterin. ‚Die beiden jüngsten sind mir immer als ganz hübsch aufgefallen; besonders das Mädchen.‘

‚Die kann’s noch weit bringen! Aber freilich, was kümmert das die Väter der Gemeinde? Hat doch der Herr Bürgermeister seinen einzigen Sohn aufwachsen lassen wie das liebe Vieh.‘

‚Der Junge soll ja seit jeher schwachsinnig gewesen sein‘, sagte die Frau, immer zum Begütigen bereit.

‚Mag sein; aber keineswegs derart, daß ihm ein ordentlicher Unterricht nicht hätte beikommen können. Der Vater war in der Lage gewesen, einen Lehrer zu halten, oder auch zwei, wenn es schon mit dem Knaben in der Schule nicht vorwärts ging. Er dachte wohl, es sei nicht notwendig. Denn trotz seines Geldes und seiner städtischen Kleidung ist und bleibt er ein Bauer, dessen ganze Weisheit darin besteht, das Kalb vor den Pflug zu spannen. Nun, das ist seine Sache. Was jedoch die Kratochwilschen betrifft, so bin ich überzeugt, daß dieses Gesindel über kurz oder lang irgend ein Unheil anrichtet.‘