‚Meint Ihr? Oder wollt Ihr mich gleich fassen? Tut’s! Ihr habt ja auch ein Gewehr!‘ Sie langte rasch darnach, und ich hatte alle Mühe, es ihr zu entringen. ‚Schießt mich nieder!‘ heulte sie plötzlich, ‚schießt mich nieder!‘ Sie warf sich zu Boden und wand sich mir zu Füßen. ‚Oder nein, küßt mich!‘ schrie sie, wieder rasch aufspringend. ‚Küßt mich! Meint Ihr, ich weiß nicht, daß ich Euch gefallen habe? Daß Ihr in mich verliebt wart? Ja, verliebt! Damals — erinnert Ihr Euch? Ihr habt Euch nur geschämt, sonst wäret Ihr mir nachgelaufen wie ein Hund, wäret mir um den Hals gefallen. Tut’s jetzt, da alles aus ist! Ihr müßt es tun!‘ Gleich einer wilden Katze sprang sie an mir hinauf und umklammerte mich, als wollte sie mich erwürgen, während ihre durstigen Lippen die meinen suchten. Stop, der erbost zu bellen angefangen, verbiß sich in ihr Kleid und zerrte daran; aber sie beachtete es nicht. ‚Komm’,‘ keuchte sie, ‚komm’ mit mir in den Wald hinein! Dort ist es Nacht — kein Mensch sieht uns — komm’! komm’!‘ Sie trachtete, mich in wütender Umklammerung mit sich fortzuziehen.

Ich machte alle Anstrengungen, mich loszumachen — es ging nicht; ich hätte zur äußersten Gewalt schreiten müssen. Und trotz allen Ekels und Abscheus, trotz der Furcht, die ich jetzt vor ihr empfand, fühlte ich doch eine plötzliche Wallung des Blutes, meine Sinne drohten sich zu verwirren; ich befand mich in einer entsetzlichen Lage ....

Doch da erschien die Rettung! Ein näher kommendes Rasseln ertönte; es war die kleine Feuerspritze eines auswärtigen Maierhofes, die dem bedrängten Orte zu Hilfe eilte. Um Zeit zu gewinnen, hatte sie einen breiten Feldweg eingeschlagen, der unten am Walde vorüberführte; sie kam jedoch, des stark ausgefahrenen Geleises wegen, nur langsam vorwärts. Die Bedienungsmannschaft war abgesessen und eilte neben dem holpernden Gefährt einher.

‚He, Leute!‘ rief ich mit aller Kraft. ‚Hieher, ihr Leute! Hier ist die Mordbrennerin! Faßt sie! Herauf ihr Leute!‘ Doch niemand kehrte sich daran; meine Rufe schienen unvernommen im Winde zu verhallen. Die Trunkene, Wahnwitzige aber schien zur Besinnung zu kommen und Bestürzung zu empfinden. Sie ließ in ihrer Umschlingung nach, und so konnte ich sie beiseite schleudern, die Hähne meines Gewehres spannen und rasch hintereinander beide Läufe in die Luft abfeuern. Das wirkte. Die Männer hielten an und blickten durch das Halbdunkel forschend empor. Maruschka, die Gefahr erkennend, wandte sich eilig zur Flucht und verschwand zwischen den Stämmen.

‚Laufe du nur!‘ rief ich ihr, zitternd vor Aufregung, nach. ‚Man kennt dich und wird dich zu finden wissen!‘

Aber man fand sie nicht. Alle Nachforschungen, die man unverweilt nach glücklich bewältigtem Brande im Revier sowohl als in der ganzen Gegend anstellte, hatten keinen Erfolg. Sie war und blieb verschwunden. Erst im Frühjahr, als der Schnee längst geschmolzen war, entdeckte man im Wald unter dem Geröll eines schmalen und tiefen Wasserrisses eine weibliche Leiche. Sie war bis zur Unkenntlichkeit entstellt; aber alle Anzeichen sprachen dafür, daß es die der Troglodytin gewesen. Mir selbst blieb der Anblick erspart, denn noch in demselben Winter war ich als Unterförster auf ein Gut versetzt worden, das ein Schwiegersohn des Grafen in Südsteiermark, nahe der kroatischen Grenze, besaß.“

Ginevra.

Vorwort des Herausgebers.

Auch in unserer Novelle hat Saar ältere Motive wieder aufgegriffen und fortgesponnen. Das Motiv des mit Liebesschuld beladenen Offiziers hatte er in der Umarbeitung von „Vae victis“ wieder fallen gelassen (Band VIII, Seite 9); und mit den Papieren zum „Haus Reichegg“ stimmt nicht bloß die Situation, die Teilnahme der Offiziere an dem Tanzvergnügen der Städter, sondern auch die Schilderung Ginevras überein. Die Handschrift unserer Novelle ist „Blansko, 4. März 1889“ datiert. Es ist eine Reinschrift, die aber noch so viele Korrekturen erfahren hat, daß sie stellenweise nur schwer leserlich geworden ist. Sie liegt zunächst dem ersten Abdruck in dem Wiener Jahrbuch „Dioskuren“ 1890 (XIX. Jahrgang, Seite 149-179) zugrunde, der freilich bei der Korrektur noch leise Abänderungen erfahren hat; auf den Dioskuren beruht aber auch noch der späte Abdruck in der Zeitschrift „Moderne Kunst“ (XVII. Jahrgang, 1902/3, Seite 262 ff., 294 ff., 305 ff., 314 ff.). Für eine neue Ausgabe hat der Dichter zunächst in einem Separatabdruck aus den Dioskuren Änderungen angebracht, sie aber dann doch wieder in die Handschrift eingetragen und diese zum zweiten Male dem Abdruck in der vierten Novellensammlung „Frauenbilder“ 1892 (Seite 1-82) zugrunde gelegt, wodurch die Korrekturen so zahlreich geworden sind, daß der Verleger wiederholt einzelne Stellen ins Reine schreiben mußte und sich bei dieser Gelegenheit auch für ein paar Änderungen im Wortgebrauch die Zustimmung des Dichters einholte. Trotzdem auch hier noch bei der Korrektur nachgeholfen worden war, genügte auch diese Fassung dem unermüdlich feilenden Dichter nicht. Er erbat sich am 3. April 1896 ein Exemplar der „Frauenbilder“ für eine etwa notwendige zweite Auflage und unterzog sie im März des folgenden Jahres eingehenden Verbesserungen, die dann der ersten zweibändigen Ausgabe der „Novellen aus Österreich“ 1897 (zweiter Band, Seite 179-232) zugute kamen und nicht mehr bloß die Form betrafen: denn die Mutter der Ginevra stammt nun nicht mehr aus Conegliano, sondern aus Bassano, und der Satz am Schlusse, nach welchem der Oberst zu der Polin immer noch in Beziehungen steht, ist erst hier eingefügt. In der zweiten Ausgabe dieser Sammlung (a. a. O.) ist dann neben geringen stilistischen Änderungen die Chiffre L... in Leitmeritz aufgelöst worden. Dem Abdruck in Reclams Universalbibliothek (Nr. 4600 [1904]) scheinen noch nicht zu Ende korrigierte Druckbogen dieser letzten Ausgabe zugrunde zu liegen; denn er stimmt an einigen wenigen Stellen noch mit der vorletzten überein.

Das Diner war vorüber und die kleine Tischgesellschaft begab sich in den Garten der Villa, um dort den Kaffee zu nehmen. Nachdem man sich auf einer Terrasse niedergelassen, die den Ausblick auf die umliegenden Höhen und einen Teil der Stadt eröffnete, sagte die Hausfrau: „Erzählen Sie uns doch endlich von dieser Ginevra, lieber Oberst. Versprochen haben Sie es längst. Jedenfalls muß sie etwas ganz Besonderes gewesen sein, da Sie noch immer mit einer Art Andacht ihrer gedenken. Lassen Sie sich daher nicht bitten. Wir sind ganz unter uns, und hoffentlich kommt kein unerwarteter Besuch, der Sie unterbrechen könnte.“