‚Nein; wir haben uns im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr zurückgezogen. Die Menschen hier hatten uns immer gewissermaßen als Fremde behandelt — und so sind wir es zuletzt geblieben.‘

Wir hatten während dieses Gespräches den Saal mehrmals umschritten und gar nicht bemerkt, daß sich die übrigen Paare allmählich verloren hatten, was uns jetzt zum Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit machen mußte. Nun aber begann das Orchester einen Walzer zu spielen, den man wahrscheinlich deshalb so bald folgen ließ, damit die von der Française Zurückgebliebenen entschädigt würden. Von den raschen Klängen durchzuckt, umfaßte ich sofort meine Begleiterin und zog sie in den beginnenden Wirbel hinein. Leicht, gleichsam körperlos, schwebte sie in meinen Armen dahin — und doch versetzte mich die Umschlingung in so wonniges Entzücken, daß ich es unwillkürlich ihrem anspruchsvollen Begleiter nachtat und sie nicht eher freigab, als bis der letzte Geigenstrich verklungen war. Tief Atem schöpfend, das losgegangene Haar aus der Stirn zurückschüttelnd, machte sie eine Verbeugung, blickte dann, wie sich besinnend, im Saale umher und eilte in das Speisezimmer.

Um mich drehte sich noch alles, und als ich mich jetzt mit hochklopfendem Herzen nach einem Stuhl umsah, trat Dorsner lächelnd an mich heran. ‚Nun,‘ sagte er, ‚dein Geschmack ist nicht übel. Aber es ist ein noch ganz blutjunges Ding — und dabei arm wie eine Kirchenmaus. Gib acht, daß du nicht hängen bleibst.‘

Ich verstand kaum, was er sagte, und wollte mich eben setzen — da gewahrte ich, wie Ginevra an der Schwelle des Speisezimmers erschien. Sie war ganz bleich und ihre blauen Augen hatten einen dunklen, metallischen Glanz angenommen. Ich näherte mich ihr; sie kam mir sofort entgegen.

‚Denken Sie,‘ begann sie mit zitternder Stimme, ‚was man mir angetan! Meine Begleiter sind fort und haben mich allein hier zurückgelassen.‘

Einen Augenblick schwieg ich betroffen. Dann aber sagte ich: ‚Nun, das wäre ja eigentlich das Schlimmste nicht.‘

‚Gewiß nicht, wenn ich jetzt ungescheut bleiben könnte. Und eigentlich könnt’ ich es auch,‘ fuhr sie fort, indem sie das Haupt erhob und frei und stolz um sich blickte, ‚das Gerede der Leute sollte mich wenig kümmern. Aber meiner Mutter wegen darf ich es nicht. Im übrigen ist es gut, daß es so gekommen. Diese Menschen haben nun selbst das Band zerrissen, das uns drückte. Ich will mich nur noch ein wenig abkühlen, dann gehe ich nach Hause.‘

‚Allein?‘

‚Warum nicht? Ich kenne den Weg, und der ist kurz. Wir wohnen gleich in der Nähe — außerhalb der Stadt.‘

‚Wie glücklich wäre ich, dürft’ ich Ihnen trotzdem meine Begleitung anbieten.‘