‚Da bist du ja!‘ rief sie. ‚Ich hab’ es gewußt! Den ganzen Weg über ist es mir im Geiste vorgegangen, daß ich dich beim Nachhausekommen hier treffen würde!‘
‚Mit deinen Ahnungen!‘ sagte die Mutter. ‚Wenn du wüßtest, was ihn hierher geführt —‘
Sie erblaßte leicht. ‚Was willst du damit sagen, Mamma?‘ fragte sie mit stockender Stimme, indem sie uns beide mit atemloser Spannung ansah.
Und nun erfuhr auch sie, was da kommen sollte.
Bei jedem Worte, das sie vernahm, wurde sie bleicher, ihre Arme sanken langsam an den Hüften hinab; so stand sie eine Weile wie erstarrt. Dann aber strich sie mit der Hand langsam über die Stirn und sagte: ‚Wir hätten darauf gefaßt sein können, daß dies früher oder später geschehen würde. Und da es nicht zu ändern ist, so wollen wir es mit Standhaftigkeit tragen. Wann mußt du schon fort?‘
‚In drei Tagen.‘
‚Das ist freilich bald, sehr bald. Aber gleichviel. Wien ist nicht aus der Welt, und du wirst mich dort wie hier lieben.‘
‚Nun, wer weiß,‘ warf die Mutter mit erzwungener Scherzhaftigkeit ein, ‚ob er uns in Wien nicht vergißt.‘
‚Wie kannst du nur so sprechen, madre‘, brauste sie auf. ‚Als ob du nicht aus deinem eigenen Leben wüßtest, daß selbst die größte Entfernung, die längste Trennung an Gefühlen, wie die unseren, nichts zu ändern vermögen! Im Gegenteil werden sie dadurch nur gefestigt. Nicht wahr?‘ — wandte sie sich an mich und schlang den Arm um meine Schultern — ‚nicht wahr, wir gehören einander an fürs Leben?‘
‚Für ewig!‘ erwiderte ich und küßte sie auf die Stirn. ‚Und sieh’,‘ fuhr ich, plötzlich von einem tröstlichen Gedanken überkommen, fort, ‚vielleicht reißt mich das Schicksal in bester Absicht von deiner Seite. Ich treffe in Wien mit meinem Oheim zusammen, der ein vielvermögender Mann ist. Er liebt mich wie einen Sohn und wird sich gewiß bestimmen lassen, irgend etwas für unsere Zukunft zu tun. Wir sind ja beide noch jung und können warten.‘