‚Ja,‘ erwiderte sie, ‚wir können und wollen warten.‘
Aber schon hatte mich die Empfindung überkommen, eine grundlose Hoffnung ausgesprochen zu haben. Gerade von meinem Oheim hatte ich, fürs erste wenigstens, gar nichts zu erwarten; vielmehr hatte ich die Überzeugung, daß er sich sofort feindselig gegen ein Verhältnis stellen würde, das ihm bei seinen ehrgeizigen Plänen hinsichtlich meiner militärischen Laufbahn durchaus nicht wünschenswert erscheinen konnte. Um dieses unangenehme Bewußtsein zu übertäuben, sagte ich rasch: ‚Und wie es auch sein möge, jedenfalls komme ich nach den Waffenübungen um einen Urlaub ein, den man mir nicht verweigern kann. Ich kehre also ganz gewiß im Spätherbst zurück und werde in der Festung bei einem Freunde oder hier in einem Gasthofe wohnen. Dann können wir uns einige Wochen für die Trennung schadlos halten.‘
‚Und uns um so inniger des Wiedersehens freuen‘, setzte sie hinzu, mir tief in die Augen blickend. ‚Aber heute bleibst du doch?‘
‚Du weißt, ich kann nicht; höchstens bis drei Uhr. Es wird uns überhaupt nur ein Abend mehr vergönnt sein — der morgige. Ich werde so früh wie möglich kommen — zum Abschied.‘
‚Zum Abschied‘, wiederholte sie still. ‚Aber heute kannst du wenigstens mit uns zu Mittag essen. Ich werde gleich das Nötige veranlassen.‘ Und sie erhob sich, um nach der Küche zu sehen, wo sich bereits die Hauswirtin am Herde zu schaffen machte.
‚Merkwürdiges Mädchen!‘ sagte die Mutter, als wir jetzt allein waren, mit feuchten Augen. ‚Diese Seelenstärke! Man würde es nicht für möglich halten. Ich selbst war bei gleichem Anlaß in Tränen aufgelöst und vermochte mich tagelang nicht zu fassen. Und sie! Sie ist wirklich ganz ihr Vater.‘
Später deckte Ginevra, bleich zwar, aber ruhig wie sonst, den Tisch, und wir setzten uns zum Mahle, von welchem unter einsilbigem Gespräch nur wenig berührt wurde. Auch später blieb es ganz still in der vertrauten Stube. Ich saß mit Ginevra Hand in Hand auf einem kleinen Sofa, der Mutter gegenüber, die eine Strickarbeit vorgenommen hatte und uns dabei von Zeit zu Zeit wehmütig betrachtete. Endlich war es drei Uhr und ich erhob mich.
‚Also morgen‘, sagte Ginevra, indem sie mir die Hand drückte.
‚Morgen — zum letztenmal!‘
‚Nicht zum letztenmal!‘ sprach sie kraftvoll.