So bald das Kind geboren ist, und nun zum ersten male aus dem Bade kömmt, so müssen alle Theile seines Körpers genau untersucht werden, und wenn dasselbe gesund, und ohne widernatürliche Fehler ist, so bringe man es angekleidet in das Bette seiner Mutter.
Das Zungenlösen, was bei dummen Hebammen, und andern weisen Matronen noch sehr ämsig in Ausübung gebracht wird, ist höchst nachtheilig, und — ein sträfliches Vorurtheil. Als wenn die Natur gerade so eine ungeschickte Stümperinn beim Zungenmachen wäre, daß unsre Bademütter mit ihren schmutzigen Fingern sie immer zurecht weisen müßten! Sehr selten ist das Zungenband zu lösen nöthig, und im nöthigen Falle nur ein Geschäft für Wundärzte. Es scheint mir wahrlich, als wenn das schöne Geschlecht sich überzeugt glaubte, daß die Zungen auf dieser Welt nicht zu beweglich seyn könnten.
Hat man am Kinde Beschädigungen, z. B. Kopfgeschwülste, Wasserkopf, Eindrücke oder Brüche der Hirnschädelknochen, gespaltenen Rückgrad, verschlossenen After, oder Harnröhre, Muttermäler, Hasenscharten, Brüche u.s.w. angetroffen, so sorge man, daß gleich sachkundige Aerzte, oder Wundärzte Hand anlegen, um diese Uebel zu heben, und hüte sich ja, den Rath irgend einer Frau Gevatterinn anzunehmen; denn im besten Falle — ist doch die Zeit damit verdorben. Die Art und Weise anzuzeigen, wie jeder dieser Fehler müsse behandelt werden, liegt hier natürlich außer meinem Plane.
Das Kind muß, wie gesagt, in das Bette seiner Mutter gelegt werden, aber nicht bloß der Wärme wegen, sondern auch um dem Instincte Genüge zu leisten, den bei säugenden Thieren, und auch bei Menschen Mutter und Säugling haben, dicht beisammen zu seyn. Man lege es aber mit der Vorsicht ins Bett, daß es unter die kleine Sicherheitsmaschine kömmt, die so wenig zusammen gesetzt ist, daß sie der ärmste Tagelöhner für seine Kinder selbst machen kann. Die Italiener nennen sie Arcuccio. Man läuft dabei gar nicht Gefahr die Kinder zu erdrücken, was man oft genug hört, und was sicher viel öfter geschieht, als man es hört. Diese Maschine ist einfach und bequem[44], und besteht aus vier kleinen Brettern, und einer eisernen Stange. Es ist eine Art einer kleinen Bettstelle, woran aber kein Boden und Fußbrett ist, und worüber anstatt des Himmels nur ein schmales Brett liegt. Bei dieser kleinen Einrichtung kann das Kind bequem schlafen, und trinken, ohne alle Gefahr gedruckt, oder von den Decken erstickt zu werden. Am Kopfe ist ein Brett aufgerichtet, das unten 14 Zoll breit, 13 Zoll hoch, und oben halbzirkelförmig abgerundet ist; an diesem wird unten an jeder Seite ein langes, schmales Brett der Länge nach eingefügt. Diese sind am Kopfe 7, gegen die Füße 4½ Zoll hoch, und 3 Fuß und 2 Zoll lang. Ein andres Brett, das anstatt des Himmels dient, wird der Länge nach oben am Kopfbrette, wo es am höchsten ist, eingefügt, und noch an den Füßen durch einen eisernen Bogen unterstützt, dessen beide Enden an den Seitenbrettern einige Zoll vor ihrem Ende befestigt sind. Oben an den Seitenbrettern, etwa 4–5 Zoll von ihrer Befestigung am Kopfbrette, sind halbmondförmige Einschnitte angebracht zur bequemen Darreichung der Brüste. Wird nun ein Säugling in das Bette gelegt, so setzt man das Gitterwerk darüber, und deckt es, so viel als nöthig ist, zu. — Der Nutzen des Deckelbrettes besteht darin, daß es die Betten über dem Kinde in die Höhe hält, und der Mutter, oder Amme den Vortheil verschafft, sich ohne Gefahr mit dem Arme darauf legen zu können.
Wenn die Mutter aus dem Wochenbette ist, kann man dem Kinde seine eigne Bettstelle geben, und diese kann — eine Wiege seyn. Müller hat ganz Recht[45], daß er behauptet, die Wiege ist nicht schädlich, wenn man sie gelind braucht. Es wird allerdings viel, und zwar von Aerzten von Bedeutung dagegen gesprochen. Unzer sagt: ein heftiges Wiegen kann Schwindel, Zittern, Erbrechen erregen. Mehrere behaupten: Kinder schlafen eben so sanft in unbeweglichen Bettstellen, und sicherer. Ballexerde fürchtet viel von der Wiege: „wieget eure Kinder nie (sagt er) um sie zum schlafen zu bringen: denn es ist eine üble Gewohnheit, die böse Wirkungen in ihrem noch zarten Gehirne zuwege bringen kann; sie kommen nur deswegen in Schlaf, weil sie betäubt werden.“ Nach Hooper’s[46] Versicherung soll das Schütteln, und Schwenken der Kinder, und das Schlafen derselben mit herabhängendem Kopfe auf dem Schooße der Wärterinnen, viel zur Entstehung des Wasserkopfs beitragen. Allein das alles paßt nur einigermaßen auf den Mißbrauch der Wiege; der kann ohne Widerspruch viel Unheil bringen. Dadurch können Erbrechen, Magenweh, Gefühllosigkeit, Schwindel, u. s. w. entstehen. Wer will aber wohl den Gebrauch einer Sache deswegen ganz verbieten, weil man sie mißbrauchen kann? Benimmt es der China, dem Opium, dem Quecksilber etc. etwas an ihren Verdiensten, daß Unwissende sehr oft damit morden? Mir scheint es, daß ein vernünftiger Gebrauch der Wiege viel gutes hat. Durch die gelinde Erschütterung des Körpers erhält derselbe Stärke und Festigkeit; durch das damit verbundene Wehen der Luft werden die Lungen kräftiger und stärker ausgedehnt, und die mannichfaltigen Säfte durch das vollere, tiefere Luftschöpfen und Athemholen in den äußersten Enden der Schlagadern erschüttert, und zur Bewegung gezwungen[47].
Ich habe oft bemerkt, daß ein gelindes Schütteln das Kind kleine Ungemächlichkeiten vergessen macht. Man schüttelt auch ja die Kinder durch Instinct auf dem Arme, wenn man sie ruhig haben will. Dabei ist der Gebrauch der Wiege in der alten und neuen Welt sehr ausgebreitet; das beweist, wie ich glaube, zum Theil mit das Instinctartige davon. Die Nordamerikanischen Völker binden fast durchgehends ihre Säuglinge in Felle gewickelt auf ein Brettchen fest, welches ihnen zugleich als Wiege dient. So tragen sie es auf dem Rücken, und wissen das Kind, wenn es schreit, sehr bald durch Schütteln zum Schweigen zu bringen; in der Hütte, oder im Walde hängen sie es daher zu diesem Zwecke auf. — Das sind die Gründe, die mich bestimmen, den Gebrauch der Wiege zu empfehlen. Nur warne ich dabei, daß man weder Kinder zum Wiegen andrer Kinder brauche, noch mürrische Wärterinnen, die oft aus Ungeduld zu stark wiegen, um die Kinder zum Schlafen zu zwingen.
Man gebe in der ersten Lebens-Periode des Kindes wohl acht, keinem seiner Glieder, die so weich sind, zu schaden. Gleich von der Geburt an bis in das späte Alter sieht man zum Nachtheile des körperlichen Baues manche gefährliche Irrthümer begehen. Vorzüglich ist das der Fall mit dem Kopfe, der durch seine besondere Struktur, und Fontanellen am ehesten Schaden nehmen kann: denn der ist mit beweglichen, und durch Haut schlaff verbundenen Knochen von der Natur versehen, damit er beim Durchgang durch das enge Becken nachgeben, besser und bequemer in eine länglicht runde Figur gebracht, und durch die Zusammenziehungskraft der Gebärmutter fortgetrieben werden könne.
So bald das Kind geboren ist, drücken die Hebammen oft seinen meistens länglichten Kopf zwischen ihren Händen, um ihn rund zu bilden, ohne zu wissen, daß die Natur dem Kopfe nach und nach (vorzüglich durch das Schreien des Kindes, indem dadurch die Kopfknochen auseinander weichen) die beste und schönste Gestalt wieder gibt. Geschieht dieser Druck ungestümm und unvorsichtig; dann wird das zarte, breiartige Gehirn des Kindes gedruckt, und die Folgen sind oft Blödsinnigkeit, Mangel des Gedächtnisses, u. s. w. Dieser Umstand veranlaßt bei ganzen Nationen Verstandesschwäche; vorzüglich bey denen, die es hierin ein wenig arg machen. So pressen die Karaiben z. B. den Kopf ihrer Kinder zwischen zwey Brettern so lange, bis ihnen die Augäpfel bersten wollen, und ein weißer zäher Schleim aus der Nase quillt. Die Indianerinnen um Süd-Karolina herum bis nach Neu-Mexiko sind sehr ängstlich besorgt, daß ihre Kinder mit den Füßen auf einem Wiegen-Brette wenigstens um einen Fuß höher hangen, als mit dem Kopfe, der durch die Last des übrigen ganz unbeweglich befestigten Körpers gegen einen derb ausgestopften Sandsack gepreßt wird, um dem Kinde einen flachen, breiten Scheitel, und eine niedere Stirn zu verschaffen, welche bei ihnen für das Non plus ultra der Schönheit gehalten wird. Was diesen sorgfältigen Müttern in Rücksicht der Breite bei ihren Kindern so wohl gefällt, das gefiel in den beiden vorletzten Jahrhunderten und noch im Anfange des verflossenen, selbst unsern Landsmänninnen in der Länge. Die deutschen, französischen, niederländischen Damen ließen ihren Mädchen auch die Presse aufs niedlichste angedeihen, damit ihnen dereinst die Fontange desto stattlicher sitzen möchte. — So viel ist sicher, wenn unsre Hebammen zu pressen fortfahren; dann sind allerdings die Karaiben weit glücklicher, als wir[48], die wir von außen, und von innen zugleich gepreßt werden.
Ein Hauptumstand, den man in diesem Alter beständig vor Augen haben muß, ist die Reinlichkeit. Der Einfluß der Sauberkeit auf Gesundheit, und Ruhe des Kindes, auf sein Wachsthum, und seine Zunahme ist auffallend groß. Die Thiere sorgen mit der größten Sorgfalt dafür, daß die Lagerstätte ihrer Jungen nicht mit Unrath verunreinigt werde; und gewiß nicht selten ist es der Fall, daß aus vernachlässigter Reinlichkeit Kinder der ärmern Klasse in Städten oft elend aussehen; daß sie der englischen Krankheit, und vielen andern Nebeln mehr unterworfen sind, als Kinder wohlhabender Leute. Man sieht ja oft auf der Stelle Kinder ruhig werden, welche vorher durch ihre Unruhe, schreien und stampfen, das ganze Haus ihrer Gesundheit wegen besorgt machten, wenn man sie säubert, und trocken legt. Ueberhaupt ist Reinlichkeit, öfteres Wechseln der Wäsche in jeder Periode des Lebens, und vorzüglich in dieser für den Körper äußerst zuträglich. Von 205 Kindern, sagt Camper, die von 1761 bis 1770 in das Armenhaus zu Amsterdam als Findlinge eingebracht wurden, waren den letzten Dezember 1780 noch 36 übrig, also ohngefähr ein Sechstel[49]. Von 1771 bis 1780 sind von 831 eingebrachten Kindern 547 gestorben, und 284 waren noch am Leben. Es sind also von hundert ohngefähr 30 erhalten worden. Die Erhaltung dieser mehrern Kinder kann man nicht anders, als dem öftern Wechsel des Leinenzeugs, der bessern Behandlung und Nahrung zuschreiben.
Ein Kind dünstet weit mehr aus, und die Wäsche wird folglich weit eher unbrauchbar, als bei einem Erwachsenen, und dennoch ist man in diesem Punkte unverzeihlich nachlässig. — Ein jeder, der es kann, sollte seinem Kinde alle tage weiße, trockne Wäsche geben: Man wird ihm dadurch wahrlich ein größeres und wesentlicheres Kapital an Gesundheit und Kräften geben, als wenn man ihm durch solche übelangebrachte Oekonomie noch so viel Geld zurückläßt;[50] und es ist eine Erfahrung mehrerer Aerzte, daß Kinder von der anfangenden englischen Krankheit bloß dadurch geheilt wurden, daß man sie reinlicher hielt, und öftere reine, trockne Wäsche gab.