Die Sauberkeit muß sich auf alles erstrecken, was das Kind umgibt. Es wird Reinlichkeit der Leinengeräthe, der Betten, der Kleidungsstücke u. s. w. erfordert. Die zurückgebliebenen Unreinigkeiten sind Schuld an einem ganzen Heere lästiger Hautkrankheiten. Bei den Thieren behauptet auch in diesem Stücke die Natur ihre Rechte; denn die Mehresten reinigen ihre Jungen durch fleißiges Lecken. —

Vorzüglich aber verdient auch die Luft unsere Aufmerksamkeit. Wahrlich es ist eins der größten Verdienste unsres Zeitalters, die Luft in ihre Bestandtheile zerlegt zu haben! Bekanntlich ist sie um die Ehre ein Element zu seyn von den Chemikern gebracht worden, aber dafür haben diese die Aerzte so mit ihrem Einflusse auf unsren Organismus bekannt gemacht, daß jezt die Physiologie ein ganz andres Ansehen erhalten hat.

An der Luft ist nun außerordentlich viel in Rücksicht auf unsre Gesundheit gelegen, und in den Kinderstuben kömmt gerade eine große Menge von Umständen zusammen, die ihr schon einzeln in hohem Grade nachtheilige Eigenschaften ertheilen. Die Dünste der nassen Wäsche, der Windeln, die Kohlen in den Wärm-Körben, die Oehldämpfe von den Nachtlichtern, und mehrere athmende Menschen verpesten die Luft in diesen, meist engen, Zimmern bald; dabei muß nun die große Hitze, mit der gemeinlich ein mit Vorsatz vernachläßigter Luftzug verbunden ist, mit in Anschlag gebracht werden, und denn ist es leicht zu erklären; woher es kömmt, daß die Hautgefäße nicht gleichförmig ausdünsten, sondern bald in Schweiß zerfließen, und daß die Haut nicht selten mit einem beständigem Ausschlage verunreiniget ist. —

Daß aber wirklich eingeschloßne Luft, vorzüglich die, in welcher mehrere Menschen athmen, sehr schädlich sey, davon sind einige auffallende Beispiele so bekannt, daß ich sie kaum zu erwähnen brauche. Wer kennt nicht die grausenvolle Geschichte der sogenannten schwarzen Höhle? (So nennt man in England das Gefängniß, wo im Brachmonate 1756 der Unterkönig von Bengalen hundert fünf und vierzig Männer, und ein Frauenzimmer im Fort Wilhelm zu Calcutta einsperren ließ) es war achtzehn Fuß lang, und eben so breit, dabei stark vermauert, und hatte gegen die Westseite zwey sehr vergitterte Fenster. Die Einsperrung dauerte vom Abend bis ein Viertel nach Sechs den andern Morgen, und da lebten nur noch drey und zwanzig. Die übrigen waren unter den schrecklichsten Quaalen und Beängstigungen gestorben[51]. Der schwarze Gerichtstag in Oxford 1577 ist eben so bekannt. Alle gegenwärtige Richter, und fast alle andre Personen, drey hundert an der Zahl, starben plötzlich[52]. Man hat auch mehrere Beispiele, daß heftige Konvulsionen unter den Kindern entstanden, die eine Nacht in einer zu fest verschloßnen Stube zubrachten[53]. Der große Britte Hr. Howard erzählt, daß im Zuchthause zu Cambridgetown im Frühjahre 1779 siebenzig Weiber des Tages über im Arbeitszimmer, und auch einige des Nachts beisammen waren, wo doch weder Kamin, noch Kloake war. Dadurch entstand ein äußerst beleidigender Geruch, und ein Fieber unter ihnen. Man ließ sie endlich los; aber zwey oder drey starben in wenig Tagen. Mead sagt, eine eingeschloßne mit Dünsten angefüllte, und durch Unrath von thierischen Körpern verdorbne Luft kömmt der ursprünglichen Pest sehr nahe[54]. Daß Kohlendampf sehr nachtheilig sey, davon erlebt fast jeder Beispiele: brennende Kohlen haben in leicht verschlossenen Zimmern durch die sich dabei erzeugende Kohlensäure viele Menschen getödtet[55].

Die Luft erhält in einem geschlossenen Raume, in welchem sehr viele Menschen lange gedrängt beisammen verweilen, und wo viele Lichter brennen, dadurch, daß der Antheil der Luft an Sauerstoffgas gegen die übrigen Bestandtheile sehr vermindert wird, ungemeine reizende Gewalt, und kann daher in sehr erregbaren Individuen, wie Kinder sind, leicht alle Lebensthätigkeit tilgen.

Ohne Rücksicht auf den Grad ihrer Güte wirkt auch dieselbe Luft in Absicht ihrer Temperatur, und ihrer Trockenheit, oder Feuchtigkeit sehr verschieden auf unsren Organismus; so ist die atmosphärische Luft um so schwächer erregend, je kälter sie ist, kalte Luft ist daher dem Kinde vorzüglich nachtheilig, wenn sie zugleich reich an Sauerstoff ist, oder, wie man im gemeinen Leben sagt, wenn sie sehr rein ist, oder vollends zugleich viele Wasserdünste enthält, wie bei neblichtem, regnerischem Wetter. Umgekehrt wirkt die Atmosphäre um so stärker erregend auf den Organismus, je höher der Grad ihrer Temperatur ist; sie kann also, wenn sie einen sehr hohen Grad von Wärme erreicht, zu enorm erregend wirken, folglich die Erregbarkeit ungemein vermindern, oder gänzlich tilgen, und dadurch als weniger, oder mehr enorme inzitirende Schädlichkeit wirken. Zu große Wärme der Luft ist aber um so nachtheiliger, wenn sie sehr reich an Stick-, Kohlensaurem-, und Wasserstoffgas ist, da diese unter die stärksten positiven Thätigkeiten der Natur gehören. Daher ist Batavia im Sommer so ungesund; daher ist auf dem festen Lande von Asien die äußerst heiße und feuchte Luft von Bander-Abaßi so berüchtigt. Fremde sterben da in kurzer Zeit, und die Einwohner sehen wie Leichen aus. Sie flüchten in der gefährlichsten Zeit auf die Gebirge. Diese Luft ist die Ursache der schrecklichen Mortalität in Jamaica; sie ist Schuld, daß in Portobello die gefährlichsten Krankheiten herrschen, daß daselbst die Wöchnerinnen fast ohne Ausnahme sterben, und daß selbst Stuten, Kühe, Hühner etc. da unfruchtbar sind. Ein künstliches Jamaica sah ich sehr oft in den Kinderstuben durch die schöpferischen Hände der Wärterinnen entstehen, wenn sie (vorzüglich in Findlingshäusern) bei der größten Ofenhitze und bei ganz eingeschlossener Luft Windeln trockneten, und dadurch noch gleichsam einen Dunstkreis von allerhand Gerüchen durch das ganze Zimmer verbreiteten; hier sind also Wärme, und äußerstes Verderben der Luft sinnreich vereinigt! Der Erfolg übertraf gewöhnlich die Erwartung: die Kinder verließen Schaarenweis dies Jammerthal, um sehr bald an den ewigen Freuden Theil zu nehmen.

Ich rathe zu den Kinderstuben bloß große, helle, nicht feuchte Zimmer zu wählen, nie zu warm darin zu heizen, nichts darin zu trocknen, keine Kohlenbecken im Zimmer zu haben, und nicht mehrere Menschen in der Kinderstube wohnen und schlafen zu lassen; sondern im Gegentheile halte ich für wesentlich nöthig, die Sauberkeit hier in allen Theilen auf das pünktlichste in Acht zu nehmen: Man öffne oft die Fenster, um die Luft zu erneuern, doch nicht zu oft, wenn das Kind sehr schwächlich ist; eine nicht zu reine Luft bekömmt solchen am besten, da Sauerstoff als negative Thätigkeit in der Natur existirt, und also der Organismus in der an Sauerstoffgas reichen Luft erregbarer wird. Man stelle nie Blumen in die Zimmer: auch soll man bei Nacht kein Licht in den Kindszimmern brennen; denn das ist eben so gut, als einen Schlafgesellen mehr haben.