Ich will aber mit allen diesem gar nicht, verstanden haben, daß man die Kinder ängstlich für jede Veränderung der Luft verwahren soll. Im Gegentheil so bald die ersten zwei Monate vorüber sind, (worin man sie im Hause an die Luft zu gewöhnen sucht) muß man keinen Tag mehr vorbei gehen lassen, ohne ihnen den Genuß der freien Luft zu gewähren; denn wer kann in unsern Zeiten wohl noch zweifeln, daß sie dem Kinde eben so unentbehrlich ist, als Essen und Trinken? Dabei ist es eine durch Erfahrung hinlänglich bewährte Thatsache, daß Zimmerluft, wenn sie auch gut ist, nie das Belebende hat, was die freie Luft in so hohem Grade besitzt, wenn die wohlthätigen Stralen der Sonne damit verbunden sind. Dieser frühzeitige, tägliche Gebrauch ist zugleich das wahre Mittel, das Kind allmählig an rauhe, unfreundliche Luft und jede Veränderung der Witterung zu gewöhnen, der es sich doch in der Zukunft so oft wird aussetzen müssen, wenn es nicht zum arkadischen Schäfer bestimmt ist. Hiedurch wird es in den glücklichen Zustand gesetzt werden, eben so gut unter Islands Eisschollen (wie Rousseau sagt) als auf dem glühenden Felsen von Malta zu leben. ——

Kinder müssen in den ersten Zeiten ihres Lebens viel getragen werden, und dabei ist manches zu beobachten nöthig. Gemeinlich sitzen die Kinder in dem Gelenke der Tragenden zwischen dem Ober- und Vorderarm; dadurch wird das weiche, zarte Becken zusammen gepreßt. Das muß natürlich sehr nachtheilig, besonders für Mädchen seyn. Auf solche Weise sitzen sie immer mit der einen Hälfte des Beckens höher, woraus eine schiefe Richtung desselben entsteht. Dies kann man leicht sehen, wenn man nur Acht gibt; denn der eine Fuß hängt immer länger herunter, als der andre. Eben so schädlich ist es, wenn das Kind den Arm um den Hals der Trägerin schlägt. Es fühlt zwar eine gewisse Gemächlichkeit dabei; aber auf solche Weise wird das Schlüsselbein, das Schulterblatt, und die eine Seite der Brust erhöht, wodurch also der ganze Leib des Kindes, zumalen bei anhaltender Gewohnheit, schief und krumm werden muß; daher ist es am besten, das Kind auf dem Vorderarm, und immer abwechselnd auf dem einen, und dem andren tragen zu lassen.

Es wäre sehr zu wünschen, daß die schändliche Gewohnheit aufhören möchte, die bei uns so üblich ist, nämlich den Kindern beständig einen Knebel in den Mund zu geben. Er besteht aus einem Stück Weizen- oder Zuckerbrod, das man in Leinwand gebunden, und kömmt unter dem Namen Lutscher vor. Mehrere Kinder haben ihn Tag und Nacht im Munde, und machen selbst im Schlafe mit den Lippen die Bewegung, als wenn sie daran säugten. Er soll die Kinder ruhig machen! Er ist es, der sehr dazu beiträgt, dem Kinde Ursachen zur Unruhe zu geben, indem er eine gute Dosis Säure und Winde im Magen erzeugt. Er macht dabei die Kinder beständig geifern, und dadurch unter dem Halse feucht, naß und wund. Er macht Verunstaltungen am Munde, und an den Lippen, und selbst das Zahnen wird durch ihn beschwerlicher, indem das Zahnfleisch durch den beständigen Druck des Lutschers hart und fest wird.

Wichtiger, als man auf den ersten Blick glauben sollte, ist es auch für die Gesundheit der Kinder, wenn die schmutzige Sitte abgestellt würde, daß sie jeder, der in die Stube tritt, küßt. Vorzüglich beobachten alte Matronen diese Mode sehr genau. Nicht blos ekelhaft, sondern auch gefährlich ist das. Oft und sehr schnell steckt ein Kuß an; da die lymphatischen Gefäße an den Lippen häufig und geschwind resorbiren, und ein großer Theil Menschen von der Lustseuche angesteckt ist[56].

Das alte französische Sprichwort: En baisant on ébois le sang — Küsse saugen das Blut aus — hat einen guten Grund; zumal wenn schwindsüchtige alte Weiber mit ihrem giftigen Speichel und faulen Athem die Rosenlippen des Kindes vergiften. Man lasse daher sein Kind, so wenig, als möglich küssen, oder wenn es doch geküßt seyn muß, auf die Wangen.


Vom Schlafen.

Unverkennbar ist es die Absicht der Natur, daß das Kind um desto länger schlafe, je jünger es ist. Das noch im Mutterleibe befindliche Kind scheint beständig zu schlafen, weil es noch gleichsam vegetirt, und durch die Sinne bis jezt noch keine Vorstellungen bekömmt. Es schläft daher auch noch größten Theils, wenn es auf die Welt gekommen ist, und bei diesem Schlafe befindet es sich wohl, und in Ermanglung desselben übel. So wie der Körper stärker wird u. s. w. so nimmt der Schlaf allmählig ab. Man muß daher diesen Wink der Natur nie aus dem Auge lassen, und den Kindern am Schlafe etwas abbrechen: denn der ist ihnen zu einem wesentlichen Theile der Nahrung angewiesen. So oft das Kind Bedürfniß des Schlafes fühlt, muß man ihm Ruhe vergönnen. Ein neugebornes Kind schläft fast beständig fort; ältere ist es rathsam an gewisse Stunden zu gewöhnen, und besonders Nachts schlafend zu erhalten. Lächerlich ist es, durch Schreien, Drohungen, schreckende Bilder u. s. w. Kinder zum Schlafe zwingen zu wollen.