Die erste Nahrung des Kindes muß nun, wie ich bewiesen zu haben glaube, die Brust der Mutter seyn. — Aber hat das Kind wohl genug damit? — Auch hier sind die kultivirten Menschen wieder klüger als — die Natur! Sie glauben, der Säugling würde an den Brüsten seiner Mutter verhüngern, wenn sie nicht durch ihre Weisheit — das Pfuscherwerk des Schöpfers verbesserten.
Das gesunde Kind hat mit den zwey Brüsten seiner gesunden Mutter die ersten Monate vollkommen genug[63]. Es findet in der reinen Muttermilch hinlängliche Nahrung. Man hat daher weiter nichts dabei zu künsteln nöthig. Aus dieser Ursache gefällt mir der Rath von Pinel, den ich übrigens, als einen der vorzüglichern Aerzte Frankreichs sehr hoch schätze, gar nicht: die Kinder nämlich beim Säugen frisches Wasser trinken zu lassen. Es soll bei denen, die mager werden, oder Anzeigen schlechter Verdauung haben, das sicherste Mittel seyn, dieselbe in Ordnung zu bringen, und die von der Milch überbleibenden Kruditäten wegzuspühlen, dem Krampfhusten vorzubeugen, und die Entwöhnung zu erleichtern. Er sagt, er gebe diesen Rath aus Erfahrung, man könne den Kindern drey bis viermal des Tags Wasser geben; denn der Instinct lehre sie so viel zu nehmen, als ihnen gut ist, und sie fänden bald Geschmack daran. Allein Herr Pinel wird mich schwerlich überzeugen können, daß kaltes Wasser einem Säuglinge gut bekommen könne, da die Natur so absichtlich ihm seine Nahrung lauwarm gibt, und wie, wenn das Kind gerade deswegen mager wird, weil die Milch seiner Mutter zu wässericht ist? Nur in dem Falle, und mit der Einschränkung kann man, das Wasser, und zwar als Arznei geben, wenn, wie es Hufeland that,[64] die Muttermilch zu fett und zu schwer ist, und das Wasser vorher laulicht gemacht wurde.
Nach einigen Monaten, wenn die Natur nach und nach anfängt, auf die Hervorbringung der Zähne zu arbeiten, sehen wir, daß dem Kinde die Milch der Mutter nicht hinlänglich ist. Die Natur will jetzt das Kind vor und nach an andre Nahrung gewöhnen; damit das Abgewöhnen von der mütterlichen Brust nicht auf einmal geschehe. Die beste Nahrung, die man denn dem Kinde geben kann, ist: Milchzucker in warmem Wasser aufgelöst, wozu etwas Satzmehl aus Kartoffeln[65], (es ist ganz dasselbe, was der theurere Sago und Salep ist) geschüttet wird. Wie das Kind älter und stärker wird, so setzt man mehr davon zu; man erhält das Ganze eine halbe Stunde unter stetem Umrühren über dem Feuer, und erhält so eine sehr nährende Gallerte. Nach einiger Zeit wechselt man ab mit Fleischbrühsuppen, worin gut gebackenes Weizenbrod abgekocht ist. — Das sind Sachen, die den Uebergang von der Milch zu den übrigen Nahrungsmitteln zu machen, vorzüglich geschickt sind. Gewöhnlich gibt man aber den Kindern, und zwar bei uns von dem ersten Tage der Geburt einen Brei aus Milch, Mehl und Zucker. Offenbar eine Mischung, die so schädlich ist, als eine erdacht werden kann! Ungegohrne Mehlspeisen sind sogar den Erwachsenen aus Gründen, die der Chimist und Phisiolog kennt, äußerst schwer zu verdauen. Man kann sich nicht mit zu vielem Eifer gegen diese abscheuliche Nahrung auflehnen.
Man mache den Versuch an sich selbst, esse nur so viel Mehlbrei, als man einem Kinde auf zweimal einstreicht, und wenn man nicht gleich nach dem ersten Mahle Drücken im Magen, saures Aufstoßen, und alle Zeichen einer Unverdaulichkeit und Säure im Magen wahrnimmt, so fahre man nur einige Tage mit dieser Kost fort — und man wird denn hinlänglich überzeugt seyn, daß dieser Brei in dem Magen sich in Sauerteig verwandelt, und desto schneller bei Kindern sich verwandeln muß, je schwächer ihr Magen ist und je schwächer ihre Verdauungskräfte sind. Man sagt zwar, der Brei nährt viele Millionen Kinder; aber wie viele tausend hat er schon getödtet? Vielleicht hat noch kein Gift so viele Menschen plötzlich, oder nach und nach gemordet, als dieser Mehlbrei, und er hat vielleicht allein mehr Kinder in den ersten Monaten aufgerieben, als alle Kinderkrankheiten in der Folge! Wenn sich auch seine Wirkungen nicht plötzlich äußern, wenn auch nicht alle Kinder, welchen Mehlbrei eingestrichen wird, plötzlich sterben, was doch nicht ganz selten sich ereignet; so legt er doch den Keim zu einem Heere langwieriger Krankheiten. Wie konnte sich aber, sagt man, der Mehlbrei so lange in den Kindsstuben erhalten, wenn er so schädlich ist? Man darf nur die Faulheit und Nachlässigkeit der Ammen und mancher Mütter kennen, um das zu begreifen. Ein Kind, dem man eine Portion dieses Kleisters eingegeben hat, zumal wenn es des Abends geschieht, liegt die Nacht über in einer Betäubung da, wie ein Erwachsener, der vor dem Schlafengehen ein zu reichliches Nachtmal an unverdaulichen Speisen hielt — es währt lange, bis der Magen den zähen Kleister verdauet, bis der Säugling wieder neuen Appetit bekömmt und nach Muttermilch schreit; daher schläft die Amme ruhig die Nacht über fort, und erwacht freudenvoll über die genossene Ruhe mit dem neuen Entschlusse, auch künftigen Abend ein Stündchen Schlafes mit dem Leben und der Gesundheit ihres Säuglings zu kaufen. Wie schnell mußte sich solch eine Entdeckung unter dem Ammenvolke verbreiten! Und wie viel leichter wäre es nicht, Alpen zu versetzen, als ein hirnloses Weib von dem Ungrunde einer vorgefaßten Meinung zu überführen! Unglücklicher Weise macht der Brei den Kindern dicke Bäuche, und da sich bei vielen Weibern der Stolz sehr oft auf die Fettigkeit ihrer Kinder gründet: so dient dies auch noch bei ihnen dem Brei zur Empfehlung; weil sie mit allem Eifer bedacht sind, diese drolligte Leibesbeschaffenheit ihren Kindern zu erzielen.
Aber wenn nun das Kind abgewöhnt ist, was soll es denn essen? Die Natur gab andern Thieren den Instinct als die sichersten Leiter, die Sachen zu finden, die ein Stück ihres Körpers ausmachen sollten. Wir sehen das deutlich auf den oft abgefressenen Weiden, welche dem hungrigen Thiere wenig Nahrung geben können; und doch stehen gewisse Pflanzen in der schönsten Blüthe unangerührt da; weil sie ihnen nachtheilig sind. Diesen Instinct hatten wir auch; denn die ersten Menschen würden todt gehungert seyn, wenn sie durch die Erfahrung hätten lernen müssen, was ihnen nachtheilig oder gut sey. Ein Knabe, der in einem Walde gefangen worden, konnte alle gesunde Pflanzen von den schädlichen unterscheiden; er verlor aber diese Eigenschaft, so bald er aß, wie andere Menschen[66]. Das wäre uns gewiß am allergesündesten gewesen, was uns am besten geschmeckt hätte, wenn wir nicht so sehr entartet wären. Die Natur ermuntert uns ja immer durch Vergnügen zu dem, was wir thun sollen, und warnt uns durch Schmerz für das, was wir nicht thun sollen; läßt auch denn Vergnügen Schmerz werden, wenn wir ihre sanfte Stimme nicht hören wollen. — So haben wir nach vieler Bewegung den besten Appetit; der Appetit wird nagender, schmerzhafter Hunger, wenn wir ihn nicht stillen; der Appetit wird Sättigung, wenn wir genug haben; er wird Eckel, wenn wir zu viel gegessen haben. In das, was uns schadet, legte sie einen Abscheu.
Es liegt aber sehr viel daran, was wir essen, selbst in Rücksicht auf unsre Moralität. Die von Pferdemilch lebenden Mysi sind die gerechtesten Menschen. Die jetzigen Einwohner von Hindostan, die bloß Vegetabilien genießen, sind sanfte, gute, leutselige Menschen[67]. Bloß Fleisch essen macht wild, unbarmherzig, grausam. Die Menschenfresser unter den Amerikanern[68] sind ungesellig, tiefsinnig u. s. w. Die Tartarn, die Patagonen und einigermaßen unter uns die Fleischer und Jäger bezeugen, daß Fleischessen wild macht[69]. Auch schadet allzuvieles Fleischessen offenbar dem höhern Denkvermögen, es macht die Phantasie üppig und ausschweifend; daher enthielt sich ihrer der größte Mensch — Newton, als er das Meisterstück der menschlichen Vernunft, seine Theorie von dem Lichte und den Farben schrieb[70]. Vegetabilische Diät macht die Leute gelind in ihren Handlungen, aber schwach und zu großen Arbeiten untüchtig. Haller sah nach dem Gebrauche der Vipern die größte Ungeduld entstehn[71]. Boerhaave kannte einen Mann, der eine Zeitlang bloß Feldhühner aß, und dabei die Feinheit seiner Sitten verlor.
Von dem Einflusse der Diät auf die Moralität scheinen die Alten schon überzeugt gewesen zu seyn: Philopömen zwang die Spartaner, die Manier ihre Kinder zu nähren, aufzugeben; weil er wohl wußte (sagt Plutarch), daß sie sonst immer eine große Seele und ein erhabenes Herz hätten. Pausanias ließ nach der Schlacht bei Platäa seinen Offizieren eine persische und eine spartanische Mahlzeit zurichten, und sagte ihnen: seht die Thorheit der Medischen Anführer, die solcher Mahlzeiten gewohnt sind, und dennoch geglaubt haben, sie könnten uns überwinden.
Wir hätten vielleicht eine ziemliche Leichtigkeit, nicht bloß die verschiednen Nazionalcharactere anzugeben, sondern selbst die Charactere jeder einzelnen Individuen zu kennen, mit denen wir umgehen; wenn wir eine genaue Sammlung ihrer Küchenzettel hätten[72]. Gehörig beschränkt, ist also viel wahres an dem Satze, den schon des Cartes behauptete, daß man die Mittel zur Verbesserung des menschlichen Geistes und Herzens in der Arzneikunde (und ich möchte hinzusetzen) auch in der Küche suchen müßte. Dächten hieran die Leute, die manchmal unsere Sitten richten wollen, und den physischen Menschen gar nicht kennen; so würden sie vermuthlich einem Manne oft sein Genie oder seine Geistesschwäche, seine Moralität oder Immoralität nicht so hoch anrechnen, als sie es gewöhnlich thun, und um so mehr thun; je mehr sie von der Organisation desjenigen, von dem sie urtheilen, abstehen.
Daß der Natur unendlich viel daran lag, uns die Sachen recht auswählen zu lassen, welche wir essen, sehen wir vorzüglich, wenn wir den Sinn des Geschmacks recht betrachten. Wie empfänglich ist der nicht für jeden Eindruck! Fast alles schmeckt! Aber es ist schwer anzugeben, was uns denn zur Speise angewiesen ist, was uns eigentlich am zuträglichsten seyn mag, da wir durch unsere Kultur den Instinct in dem Punkte ganz eingebüßt haben.
Höchstwahrscheinlich ist der Mensch zur Obstnahrung bestimmt; das beweist die Einrichtung seiner Verdauungswerkzeuge, die der Verwandlung der Obstspeisen durchaus angemessen ist. Seine Vorderzähne schaben den Bissen vom Obste; seine Hundszähne, die beinahe eine nicht größere Aehnlichkeit mit den Hundszähnen der Fleischfressenden Thiere haben, als die menschlichen Finger mit den Klauen derselben, dienen, die Schalen der Nüsse zu öffnen; seine Backenzähne zermalmen den Bissen. Die Gedärme des Menschen sind für Fleischspeisen zu lang, für Vegetabilien zu kurz. Sein Magen kann keine Kornfrüchte zermalmen; sonst wäre er fleischigter. Dabei gewährt das reife Obst unserer Zunge einen überaus angenehmen Geschmack; ein Vorzug, den schon Hippocrates[73] einer Speise sehr hoch anrechnet. Allein der Schöpfer wollte den Menschen über die ganze bewohnbare Erde verbreiten, und deswegen mußte er seine Natur seinem Wohnplatze anpassen. Daher ißt der Nordländer Fleisch; denn sein Land trägt ihm nicht Obst genug, auch könnte er damit in seinem kalten Himmelsstriche nicht gesund bleiben: in wärmern Gegenden ißt der Mensch des Fleisches weniger, und lebt wieder mehr von Vegetabilien. In ganz Ostindien, in Japan, in China ißt man wenig Fleisch, noch weniger in Aegypten. Der Reiß, einige Gewächse und Butter sind die gewöhnliche Speise der Einwohner von Bengalen. Auch ist es Sache der Erfahrung, daß ganze Menschenklassen sich einzig von vegetabilischer Nahrung ernähren[74], so wie andre bloß von Fleisch, und dabei sehr gesund bleiben.