Ueberall modifizirte die Natur den Instinct des Menschen nach den Umständen, so daß er jedem Himmelsstriche mit kühner Stirne trotzt, und sich an jede Speise gewöhnen kann. Aber wir Europäer haben wir nicht die Diät aller Völker bei uns vereint? Wahrlich der Europäer ist das gefräßigste Thier auf Erden[75]! Er ißt alle Arten von Fleisch, Fischen, Schalthieren, Vögeln, Wurzeln, Früchten, Kräutern etc. etc. Wir lachen, daß des Grönländers Lieblingsspeise halb verfaulte Stockfischschwänze sind, daß der Hottentote zum Götteressen faulende Därme hat, und wir essen — Schnepfendreck, und faulendes Wildbret. — Wir haben auf unserm Tische die Kirschen des schwarzen Meeres, die Spargel aus Siberien, die Aprikosen, Birnen, Aepfel und Pflaumen entfernter Gegenden, die Kartoffeln aus Amerika, das Korn und den Kohl und tausend andre Sachen, deren Vaterland unbekannt ist[76]. Selbst der Weinstock, den wir zu manchem Zwecke brauchen, und wohl noch öfter mißbrauchen, ist fremd: denn in unsern Wäldern war nichts, als einige Beerenstauden und Aepfel, welche wir zu essen verlernt haben. Ist es also wohl noch zu verwundern, daß wir keinen Instinct mehr haben? Wir haben ja (wie mein Freund Herr Hofrath Roose[77] sagt) lange aufgehört Menschen zu seyn — um Staatsbürger zu werden.
So wie die Natur die Judenknaben mit einer kleinern Vorhaut zur Welt kommen läßt; wie sie den Kindern derjenigen Völker, die manche Glieder ihrer Neugebornen mehrere Generationen hindurch verzerren, endlich von selbst die beliebte Form gibt, so wurde sie (möchte ich sagen) endlich müde, uns ihre Winke zu geben. — Dazu kömmt noch, daß in manchen Ländern Bevölkerungs-Principien herrschen, die allenfalls (und doch nur mit der größten Einschränkung) bei einem Gestüte gut seyn könnten; aber zur Degeneration der Menschen nicht wenig beitragen. Man glaubt nämlich oft, nicht genug Leute auf einem Flecke anhäufen zu können, ohne sich darum zu bekümmern, ob sie sich auch gesund und gut da nähren können. Nothgedrungen muß denn der Mensch Nahrung genießen, welche mit seiner Natur gar nicht zusammenstimmt; und so degenerirt denn auch die unterste Klasse ganz zu dem Grade der Kultur, den die höhern Stände schon lange acquirirt haben.
Und was haben wir an der Stelle des Instincts? — Bücher der Diätetik, welche kein Thier, auch nicht der Barbar bedarf, und welche sich nicht selten auf jedem Blatte widersprechen.
Was sollen wir aber thun, um aus diesem Labyrinthe zu kommen? — Wir sollen unsre Kinder an einfache Speisen gewöhnen. Die einfachsten Speisen bekommen ihnen am beßten. Für Milch, Brod, Wasser, u. s. w. eckelt’s keinem Kinde auf der Erde: unsere Bauernkinder sind kräftige Zeugnisse, wie gesund die Kinder bei dieser Diät werden. Auch selbst der Geschmack der städtischen Kinder geht immer noch nach den einfachen Speisen. Unsre Ragouts und andere beliebte Gerichte lieben sie nicht; diese macht ihnen erst Gewohnheit angenehm.
Milch, Brod, Obst soll eigentlich die Hauptnahrung der Kinder seyn, und in dem Maaße, als sie älter werden, gebe man ihnen allgemach öfter Fleisch. Ihr Getränk sey — wenn sie gesund sind, Wasser. Kinder mögen auch anfänglich weder Wein noch Bier u. s. w.[78].
Aber wann und wie viel soll das Kind des Tags essen? Man soll ihm nicht zu wenig geben; da es nicht bloß zu seinem Ernähren, sondern auch zum Wachsen essen muß. Wenn das Kind also noch nicht selbst fordern kann; so gebe man Achtung, daß man ihm immer zu bestimmten Zeiten so lange gebe, als es mit Lust und Appetit die Speisen zu sich nimmt. Meistens fallen hier Mütter in entgegengesetzte Extreme. So wie einige, aus Furcht ihren Kindern zu schaden, ihnen viel zu wenig geben, so geben ihnen andere beinahe jeden Augenblick zu essen, und stopfen sie, wie die Gänse: daher Atrophie, Verstopfungen im Gekröse und ein ganzes Heer von Uebeln. Unzer[79] beschreibt diesen unter der gemeinen Klasse häufigen Fall mit seiner gewöhnlichen Laune: „Ein junges Kind muß doch essen, sagt er, man gibt ihm fleißig Brei, Semmel, weißes Brod, und lauter trockene oder zähe Speisen, die gut vorhalten. Dies geschieht des Tages vier bis sechsmal, wo nicht gar unaufhörlich: denn das Kind kann doch unmöglich hungern. Was ereignet sich? Das Kind wird elend und mager, und frißt täglich ärger. Was soll man thun, um es wieder gesund zu machen? Man gibt ihm täglich mehr zu essen; denn davon schweigt es, und bekömmt Kräfte. Sein Leib wird hoch und hart. Das Brod scheint anzuschlagen. Allein der ganze übrige Leib wird dürre, wie ein Stecken. Das Kind muß also doch wohl noch nicht Nahrung genug haben. Man nährt es besser, und es verzehrt sich und stirbt. Niemand bedauert, daß er es todt gefüttert habe. Wie sollte dieses auch möglich seyn? Es konnte ja nie satt werden?“
Wenn aber das Kind schon brav herumlauft, wenn es schon fordern kann, dann gebe man ihm zu essen, wenn es mag, wenn es will. Es wird denn nie zu viel essen. Ein natürlich erzogenes Kind wird sich nie Unverdaulichkeiten zuziehen, an denen wir allein Schuld sind. Die Natur bedarf immer eines Ersatzes; daher hat das Kind immer Hunger. Reizen wir nur seine Sinnlichkeit nicht, so wird es gewiß nicht mehr essen, als es Hunger hat. Allein wir lassen die Kinder sistematisch nach der Uhr hungern, und nur zu gewissen Zeiten des Tags essen; sie suchen sich denn, wenn ihnen der Zaum, den ihnen die Konvenienz anlegte, losgelassen wird, dafür schadlos zu halten, und füllen auf einmal in ihre kleinen Magen mehr, als sie verdauen können. Wir sehen davon Beweise an den Kindern der Landleute. Der Tisch ist diesen, vorzüglich im Sommer, immer gedeckt. Den ganzen Tag sitzen sie unter den Obstbäumen, und wie wenig wissen sie von Unverdaulichkeit! Haben sie sich durch Zufall eine zugezogen; so ist Hunger ja dafür das beste Mittel; die Natur verbindet ohne dies damit Eckel. Das natürlich erzogene Kind wird daher keinen Hunger haben, bis die Natur diesen Fehler wieder gut gemacht hat.
Ungegründet ist auch die Furcht, daß volle Befriedigung des Appetits die Knaben zu schwerfällig und träge mache. Man bedenke doch nur, daß sie nicht allein das Verlorne ersetzt haben, sondern außerdem noch zum Wachsthum etwas auflegen wollen. Ihre Verdauung ist wegen dieses doppelten Bedürfnisses so lebhaft, daß man von der Ueberladung des Magens nicht leicht etwas zu befürchten hat. Der Hunger selbst ist uns Bürge dafür; der zeigt sowohl, wie hochnöthig eine Nahrung ist, als auch, wie leicht und bald das Genossene verdaut wird.
In diesem Alter ist Essen die Hauptbeschäftigung, und von dieser Seite nur kennen die Kinder Vergnügen. Die Erzieher sollten das mehr benutzen, denn könnten sie sicherer zum Zwecke kommen, als nach der bisher gewohnten Art. Wie leicht trocknet oft ein Apfel, oder eine Kirsche einen ganzen Strom von Thränen! — Jetzt verdirbt man oft das Herz der Kinder, indem man es bessern will. Neid nennt man bei der Jugend Emulation; unbeschränkten Ehrgeiz lobenswerthe Wißbegierde. Du sollst nicht eher ruhen, bis du in der Schule den Platz über diesen oder jenen deiner Gespielen erhalten hast; denke dir die Schande: — dein Bruder oder dein Freund hat schon wieder diese Aufgabe besser gemacht, u. s. w. Das ist die nur allzugewöhnliche Erziehungs-Methode. So legt man aber den Keim zu den heftigsten Leidenschaften in das junge Herz, und vergiftet es für immer in die Zukunft. Hämischer Neid, unersättlicher Ehrgeiz mit allen seinen Folgen bemeistern sich dadurch des Kindes ganz. Es wird nur Ersatz für seinen Fleiß, für seine Arbeiten in äußerlichen Zeichen, im lauten Beifall des Publikums suchen; und haben ihm noch ehrgeizigere Menschen diese nahe am gehofften Ziele wegcabalirt; so ist es in Verzweiflung, hört auf zu arbeiten, oder will sich gar an Vaterland und Menschheit rächen.
Kinder müssen zu dem, wohin wir sie leiten wollen, durch sinnliche Gegenstände gereizt werden, aber denn ist es doch besser, sie dadurch zu führen, wofür sie in diesem Alter ganz Sinn sind. — Zucker z B. ist das beste, was man ihnen zur Aufmunterung und zur Belohnung geben kann. Sie essen ihn sehr gern, und er ist trotz dem, was man dagegen gesagt hat, sehr gesund. Der Herzog von Beaufort, der vierzig Jahre lang täglich ein Pfund Zucker verzehrte, starb im sechzigsten Jahre an einem Fieber; man fand seine Eingeweide sehr gesund, und die Zähne fest und gut. Ein gewisser Melory, der unter alle Speisen Zucker that, wurde bei einer festen und dauerhaften Gesundheit hundert Jahre alt. Personen, die den stärksten Gebrauch vom Zucker machen, wie die Neger, haben gerade die schönsten Zähne: und Share versichert, seine Zähne durch das Reiben mit Zucker erhalten zu haben. Hunter empfiehlt sogar den Zucker als das beste Erquickungsmittel bei Leuten, die durch langes Fasten geschwächt, oder durch den Gebrauch von Merkurialmitteln mager geworden sind. Und wie mehrere Versuche beweisen, so begünstigt der Zucker nicht allein die Erzeugung der Würmer nicht, sondern er treibt sie sogar ab.