»Wissen Sie, Fräulein Doktor, was ich Ihnen wünschte?« sagte eines Tages Schwester Therese zu ihr, als beide damit beschäftigt waren, bei einem reizenden zweijährigen Kinde, das sich arg verbrüht hatte, den Verband zu erneuern.

»Nun, da bin ich wirklich neugierig,« lächelte Beate in ihrer gewinnenden Weise, um dann gleich darnach das Kind zu beruhigen, das anfing zu weinen.

»Ich wünschte Ihnen, daß Sie selbst solch herziges Wesen Ihr Eigen nennten! Sie hätten heiraten müssen, Fräulein Doktor,« meinte die Schwester warm, indem sie einen bewundernden Blick auf das schöne Mädchen richtete, das bei diesen Worten tief errötete. »Wer so mit Kindern umzugehen versteht ...«

»Sie können das wohl nicht, Schwester?« entgegnete Beate. »Schließlich liegt doch in jedem weiblichen Wesen das Muttergefühl, und mein Beruf gibt mir genug Gelegenheit, ihm nachzugeben! Das ist doch nichts besonderes an mir!«

»Ja, wenn auch, Fräulein Doktor, aber gerade Sie — —«

Schwester Therese hielt es jetzt doch für geratener, nicht weiter zu sprechen; denn sie sah, wie Beates Gesicht einen abweisenden Zug angenommen hatte; vielleicht rührte man da unbewußt an eine wunde Stelle. Und sie hatte mit dieser Annahme wohl nicht ganz unrecht. Beate hatte den teueren Jugendfreund nicht vergessen können. Noch immer glaubte sie seine mit so schmerzlichem Ausdruck auf sie gerichteten Augen zu sehen, wie er damals von ihr ging, als sie das nachgebende Wort, das er so sehnlich erwartete, nicht gesprochen!

Dann hatte er dennoch noch einmal geschrieben, warm und eindringlich, aber sie hatte auf ihrem Willen beharrt, und von der Zeit an hatte er vermieden, je wieder mit ihr zusammenzutreffen; sie sahen sich nicht mehr.

Desto mehr hörte aber Beate von ihm, er war die rechte Hand von Professor Brause in S., der ihm das Zeugnis eines äußerst geschickten, tüchtigen Chirurgen ausstellte. Alles das erzählten ihr die Eltern, und mit Herzklopfen lauschte sie darauf. Aber was hätte es für Zweck gehabt, sich in unnütze Träumereien zu verlieren?

Mit um so größerem Eifer stürzte sie sich in ihre Arbeit, und mit der ihr eigenen Energie und Geschicklichkeit überwand sie alle Schwierigkeiten. Wie oft mußte sie an Georgs Worte denken, als er ihr das Studium so schwer geschildert — wie manchmal drohte der Ekel sie zu überwältigen — aber sie biß die Zähne zusammen — und es ging!

Mit stolzer Freude stand sie dann am Ziel ihrer Wünsche, und ein Hochgefühl erfüllte ihre Brust; sie hatte ihm beweisen können, ihm und den anderen, daß es für sie nichts Unerreichbares gab.