Nun war sie schon sechsundzwanzig Jahre und eine Erscheinung, die nicht zu übersehen war. Wohl war die erste Jugendblüte entschwunden; aber die intensive Geistesarbeit und ihr reiches Innenleben hatten ihrem Antlitz seine Spuren aufgedrückt; hohe Intelligenz und Klugheit, gepaart mit echt weiblicher Herzensgüte, leuchteten nur so daraus hervor, daß man dem Zauber ihrer Persönlichkeit sich nicht zu entziehen vermochte. Ihre Gestalt war sehr elegant, von schlanker Fülle, und Beate verstand auch, sich anzuziehen. Stets war ihre Kleidung geschmackvoll, wenn auch einfach und unauffällig.
Gegen ihre männlichen Kollegen war sie von einer liebenswürdigen Zurückhaltung. Manch einer hätte die schöne Beate gern sein Weib genannt — doch ein gewisses Etwas in ihrem Wesen hielt jeden davon ab, ihr auch privatim näher zu treten, sie war und blieb unnahbar.
In ihrem Beruf war sie unermüdlich fleißig und tätig, schließlich aber doch ihre Kräfte überschätzend, bis die versagten. Sie hatte sich keine Ruhe gegönnt; stets auf ihre eiserne Natur pochend, hatte sie sie zu ihrem Willen gezwungen, bis es eben nicht mehr ging. Ohnmächtig brach sie an einem Krankenbett zusammen. Ein heftiges typhöses Fieber warf sie darnieder.
Nachdem sie viele Wochen gelegen und auf das sorgsamste gepflegt worden war, ging sie zur gänzlichen Erholung auf einige Zeit nach Hause, zu den Eltern, die ihren Liebling mit großer Freude begrüßten und im stillen hofften, daß Beate endgültig bei ihnen bleiben würde.
Aber daran schien sie doch nicht zu denken, denn mit großer Liebe und vielem Interesse sprach sie von ihrem Beruf, die Zeit herbeisehnend, ihn wieder ausüben zu können. —
Es traf sich gut, daß sie noch zu Hause war, als nach dem Manöver ihr Bruder Adolf in Begleitung eines Freundes für zehn Tage auf Urlaub kam. Mehr als zwei Jahre hatte sie ihn nicht gesehen. Beate war zu Hause geblieben, nach dem Rechten zu sehen, auf diese Weise der Mutter die Freude ermöglichend, den Sohn mit von der Bahn abzuholen. Sie hatte den Tisch hergerichtet, ihm mit frischen Blumen ein festliches Aussehen gegeben und war nun mit allen Vorbereitungen fertig.
Wunderbarerweise hatte sie der Aufenthalt im Elternhause gelehrt, an kleinen wirtschaftlichen Anordnungen und Handreichungen Freude zu empfinden. — Die Hausklingel ertönte, ein Zeichen, daß man von der Bahn zurückkehrte. — Schnell begab sich Beate hinaus, den Ankommenden entgegenzugehen.
Mit aller Lebhaftigkeit, die ihm eigen war, begrüßte Adolf die Schwester. Er schloß sie in die Arme und küßte sie herzlich auf beide Wangen. »Mädel, Bea, ich freue mich kolossal, dich wiederzusehen, und in deiner Würde als »Fräulein Doktor!«« —
»Ja, ja, Rolf,« wandte er sich an seinen Freund, »nun komm’ erst mal her und lasse dich bekannt machen mit meiner gelehrten Schwester.«
Der schlanke, schöne Offizier verneigte sich tief. »Adolf hat mir so viel von Ihnen erzählt, daß ich schon längst begierig darnach war, Sie kennen zu lernen, gnädiges Fräulein.«