Beate beherrschte seine Sinne vollständig — ihre eigenartige Schönheit hatte ihn gefangen genommen. Und wiederum war er sich seiner Macht über die Frauen vollkommen bewußt, und hier in diesem Falle nutzte er sie weidlich aus. Er wollte für sich in Beate ein wärmeres Gefühl erwecken; sie interessierte ihn, wie nie ein Weib zuvor, und es dünkte ihn süß, von diesen spröden, stolzen Lippen Tribut zu nehmen. Mit Freuden sah er, wie Beate manchmal unter seinem Blick und Händedruck errötete. Er deutete das zu seinen Gunsten; wie in einen weichen Schleier hüllte er sie mit seiner Verehrung ein!
Da hatte Rolf das Unglück, sich eine Hand zu verstauchen; er war in dem spiegelblank gebohnten Treppenhaus ausgeglitten und gefallen. Adolf betrachtete diesen kleinen Unfall von der besseren Seite.
»Du Glücklicher!« meinte er, »nimmst einfach noch einige Tage Urlaub! Den Arzt haben wir ja auch gleich im Hause! Nun zeig mal, Mädel, was du kannst, ob das teuere Lehrgeld nicht vergebens bezahlt ist?!« lachte er die Schwester neckend an, die mit weicher, geschickter Hand die verletzte Rechte des jungen Offiziers verband.
Erleichtert aufseufzend ließ sich Rolf in den bequemen Stuhl fallen, den ihm Adolf gebracht hatte. »Mensch, du hast ein unverschämtes Glück — na ja, wie immer,« meinte er gemütlich, indem er dem Freunde eine Zigarette in Brand setzte, »ich muß übermorgen abdampfen, und du kannst hier bei den Fleischtöpfen Ägyptens bleiben.«
Rolf widersprach; er könne doch der verehrten Familie nicht noch länger zu Last fallen, aber da kam er bei Mama Haßler schön an. Er solle sofort schweigen, wenn er sie nicht ernstlich erzürnen wolle. Zuerst müsse er gesund werden, dann dürfe er ans Reisen denken. Er fügte sich schließlich, im Herzen wohl zufrieden. Das Verwöhntwerden tat ihm so gut! Den ganzen Tag fast waren die Familienmitglieder um ihn besorgt, und die alte Fränze konnte sich nicht genugtun, ihm die feinsten Leckerbissen zurechtzumachen. Denn in wortreichem Jammer gab sie sich selbst die Schuld an dem Unfall des Herrn Leutnants; sie hätte auch mit dem Bohnern noch einige Tage warten können.
Der letzte Tag von Adolfs Urlaub war da; morgen in aller Frühe hieß es abrücken. Rolf hatte einige Tage Nachurlaub erhalten. Behaglich lag er heute zur Mittagsruhe schon ausgestreckt, als Adolf nach ihm sah. »Na, Rölfchen, bleibst du hier, oder willst du mit ’rauf kommen? Nein? Glaub’ ich dir auch! Die alte Dame hat ja schönstens für dich gesorgt. Dann kann ich beruhigt gehen und ebenfalls eine Stunde pennen,« er gähnte und streckte sich, »na, schlaf schön, alter Junge.«
Der junge Offizier war allein. Er lag in der Veranda, die an das Eßzimmer stieß. Die Tür zum Garten stand weit offen; denn es war ein wundervoller Tag, und die Sonne lachte fast sommerlich warm vom blauen Himmel. So still war es um ihn her; auch Adolfs Eltern hatten sich zurückgezogen, und Beate, die Einzige, war ebenfalls nicht zu sehen.
Wie ihn nach dem Mädchen verlangte! Er schloß die Augen und dachte an sie; zum greifen deutlich stand sie in ihrer lebensvollen Schönheit vor ihm. Noch nie hatte ein so interessantes Geschöpf seinen Lebensweg gekreuzt; die Frauen, die er kannte, waren alle anderer Art.
Gerade die Unnahbarkeit, die über Beate lag, reizte ihn. Er wollte ergründen, was ihre schöne Hülle barg, ob nicht auf dem Grunde ihrer Seele etwas Geheimnisvolles schlummerte, wovon ihre Augen ihm so viel verrieten, diese wunderschönen dunklen Augen! Die laue Luft hatte ihn doch müde gemacht und eingeschläfert.
Wie lange er geschlafen, wußte er nicht; er erwachte durch das Geräusch von Schritten auf dem Kies des Gartens. Unwillkürlich richtete er sich etwas auf, und da sah er Beate, wie sie von einem Rosenstock einige Blüten abschnitt. Er beobachtete sie, und mit Entzücken ruhten seine Augen auf dem angebeteten Mädchen. Als sie weitergehen wollte, sprang er hastig auf und rief sie — »Fräulein Doktor.«